Yehia

Ich lerne Yehia über Firas kennen. Firas war Yehias Lehrer. Auf ihn wiederum stoße ich durch ein offenes Angebot im Stadtteil: „Gebärdensprachkurs mit Firas“. Ich bemühe mich um seine Kontaktdaten, frage ihn, ob wir uns treffen können. Eine Woche später sitzen wir uns gegenüber. Ich frage ihn nach dem Angebot, worum es genau geht und wie es dazu kam. Den Kurs gibt es nicht mehr, erzählt er, zu gering war die Nachfrage. Firas ist Lehrer, hat in seiner Heimat Syrien zwölf Jahre lang unterrichtet, bevor er nach Deutschland kam. Er ist Vater zweier Söhne im Teenageralter; beide sind gehörlos. Seit Firas in Deutschland ist, unterrichtet er hier Gebärdensprache. Besonders arabischsprachige Familien, die gehörlose Kinder oder Angehörige haben, versucht er zu unterstützen; deswegen auch das kostenfreie Angebot, über das ich auf ihn aufmerksam wurde. Ich erzähle ihm von dem Projekt, an dem ich arbeite, und frage, ob er Familien kennt, die potenziell interessiert sein könnten, teilzunehmen. Ein paar Tage später ruft er mich an und erzählt mir von Yehia. Er war Lehrer an Yehias Schule, bevor er den Job wechselte. Firas schlägt mir einen Termin für ein Treffen mit Yehia und seiner Familie vor, bei dem er mich begleitet, um für mich in Gebärdensprache zu übersetzen.

Yehias Vater macht uns die Tür auf und führt uns ins Wohnzimmer. Yehia sitzt an der Kante der Couch, seine jüngeren Geschwister toben in der Wohnung herum. Firas begrüßt ihn in Gebärden. Er antwortet ihm und lächelt schüchtern. Ich erzähle von dem Projekt, Firas übersetzt und wir fragen, ob er mitmachen möchte. Yehia nickt. Ich zeige ihm die Kamera. Er begutachtet sie neugierig, blickt durch den Sucher und lächelt ein breites Grinsen.

Als wir uns das übernächste Mal treffen, wohnen Yehia und seine Familie in einer anderen Wohnung, in einem anderen Stadtteil. Der Vater holt Firas und mich lächelnd an der Haustür ab und führt uns ins Wohnzimmer. Er weist mit seiner Hand auf die Couch; wir setzen uns neben Yehia, der wie bei den beiden Treffen zuvor an der Kante des Sofas sitzt. Seine Eltern sitzen uns gegenüber auf dem Teppich; seine kleinen Geschwister spielen zwischen den Erwachsenen und ihrem Bruder. Ich frage Yehia, ob wir uns gemeinsam die Fotos anschauen sollen. Er grinst schüchtern und nickt.

Das erste Bild zeigt Yehia an der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe seines alten Zuhauses. Er zeigt die Gebärde für Straßenbahn. „Da waren wir auf dem Weg zu Yehias Tante“, ergänzt seine Mama. „Fährst du gerne Straßenbahn?“, frage ich. „Ja, noch lieber als mit dem Zug.“ Als Firas ihn fragt, welche Nummer die Straßenbahn hat, in der er dort sitzt, weiß er die Antwort, ohne zu zögern und teilt sich Firas mit.

„Er spricht Privatsprache mehr als deutsche Gebärdensprache“, erzählt mir Firas und legt die Stirn dabei leicht in Falten. In der Schule lernt Yehia Gebärdensprache und Lautsprache sowie das Schriftbild. Wenn er mit seiner Familie kommuniziert, verständigt er sich jedoch oft über Gesten und Zeichen, die er und seine Familie sich selbst ausdenken, um Dinge zu umschreiben. Bei unseren ersten beiden Treffen war Yehia komplett still, jetzt macht er immer wieder Geräusche, versucht, sich zu artikulieren. „Das ist nicht Arabisch, Englisch, Deutsch und nicht Kurdisch. Wir verstehen nicht, was er sagt. Aber er versucht ein bisschen zu reden. Das ist super!“, erklärt Firas. Yehias Mutter ergänzt: „Die Lehrerin hat gesagt: ‚Ich habe eine Überraschung für euch. Yehia fängt an zu sprechen!‘ Das war eine Woche vor den Osterferien.“ Vor seiner Operation hat Yehia gar nicht gesprochen. Es waren zwei Operationen: die erste 2019, die zweite ein, zwei Jahre später. Das Cochlea-Implantat, was ihm eingesetzt wurde, besteht aus mehreren Teilen, die sich in seinem Ohr, im Schädelknochen unter der Haut und außerhalb des Körpers auf der Kopfhaut befinden. Yehia war von Geburt an gehörlos. Ohne die Hörgeräte ist es schlecht, mit ihnen gut, sagt er mir. Die Narben hinter seinem Ohr sind gut sichtbar. „Tut das weh?“, frage ich. Er bejaht. „Die Hörgeräte nerven ihn“, sagt seine Mutter. „Die Operation war schlimm für ihn“, erzählt sie weiter, „er hasst Spritzen.“

Der Eingriff hätte früher stattfinden müssen, erklärt mir Firas, idealerweise im Alter von ein, zwei Jahren. Je älter die Person bei der Transplantation ist, desto geringer sind die Chancen, dass sie etwas bewirkt. Trotzdem sieht man viele Fortschritte bei Yehia und die Familie ist positiv gestimmt. „Es braucht Zeit“, sagt Firas. Auch bei Firas‘ Söhnen fand die Operation spät statt; beide waren bereits älter als zehn Jahre. „In Syrien ist der Eingriff sehr, sehr teuer.“ Firas erklärt, die Operation kostet pro Ohr mehr als sein Haus in Syrien. „Und das ist für eine Seite! Für eine Seite, für ein Kind, nicht für zwei Kinder.“

Yehia war sechs, als die Familie nach Deutschland kommt. Ich frage, wie es für ihn in seiner Heimat Syrien war. Seine Mutter erzählt: „Seit seiner Geburt war Yehia immer krank, er hat nichts gegessen, war sehr dünn, hat kaum mit anderen Kindern gespielt. Viele Leute haben gesagt, er sei ein dummes Kind, er sei behindert und und und. Hier in Deutschland isst und trinkt er gut, hier ist er gesund.“ Ich frage ihn, wo es ihm besser gefallen hat, in Syrien oder in Deutschland. Ohne zu zögern, formt er die Gebärde für Deutschland.

Durch die Operation und mit den Geräten kann er etwas hören. Wenn seine Eltern ihn zum Beispiel laut aus einem anderen Raum rufen, hört und erkennt er seinen Namen. Früher hat er seine Geschwister geschlagen, war auch beim Spielen oft rabiat. Das hat sich gebessert, seit er hören und sich verbal mitteilen kann. Mit seinen Geschwistern kommuniziert er auf einer eigenen Zeichensprache, sie zeigen sich gegenseitig, was sie mitteilen wollen.

Generell ist Yehia jedoch sehr vorsichtig und zurückhaltend im Umgang mit Menschen. Ich frage ihn, ob er gehörlose Freund*innen hat. Er nickt, aber seine Eltern verneinen. Er habe keine Freund:innen, sagen sie, seine Mitschüler:innen sieht er nur in der Schule. Seine Mutter erzählt, dass Yehia große Probleme mit fremden Menschen hat, egal ob Kinder oder Erwachsene. Nach einiger Zeit, wenn er sie öfters gesehen hat, geht es, aber zu Beginn ist er sehr schüchtern. Seine Lehrerin und die anderen Kinder in seiner Schule mag Yehia jedoch sehr. „Ja, ich habe das gemerkt, ja!“, bekräftigt Firas, der selbst dort unterrichtet hat. Ich frage, warum sie sich nicht außerhalb der Schule treffen. „Das sind dann vielleicht auch ein bisschen die Familien, die müssten das organisieren“, erklärt Firas. Er erzählt, dass Yehias Lehrerin regelmäßig Treffen anbietet, bei denen die Kinder gemeinsam spielen und die Eltern sich austauschen können. Die Resonanz sei leider nicht so groß. Aber per Whatsapp und Videoanrufen hat Yehia Kontakt mit seinen Mitschüler:innen, erzählen die Eltern. Ich frage, ob er denn andere Freund:innen hat, eventuell nicht gehörlose Kinder. „Nein, nur in der Schule“, erklären seine Eltern. Sie haben kaum Bekannte in der Stadt, wenig Anknüpfungspunkte, erzählen sie. Sie hoffen, dass die Kinder hier in dem neuen Wohnhaus und der Umgebung mehr Kontakt zu den Nachbarskindern finden.

Yehias Mutter fährt fort und erzählt mir, dass er Angst hat, wenn er allein draußen ist, insbesondere an großen Straßen, da er nicht hören kann, was um ihn herum passiert. Ein Freund der Familie versucht, ein wenig zu unterstützen, geht mit ihm raus und zeigt ihm, worauf er achten muss und wie er sich zurechtfinden kann. Wenn seine Eltern dabei sind, hat Yehia keine Angst. Die Familie geht meistens zusammen raus, ob zum Einkaufen, Spazieren oder Spielen. Wenn eine Person dabei ist, der er vertraut und an der er sich orientieren kann – „er weiß: es ist rot, es ist grün, das darf er, das darf er nicht“ – ist alles super, sagen seine Eltern.

Die Mutter erzählt mir, dass Yehias Lehrerin der Familie immer wieder mitteilt, dass sein Verhalten in der Schule toll sei. Zuhause aber sei er etwas schwierig. Manchmal mache er Sachen kaputt oder schlage seine Geschwister. Die Eltern verstehen nicht, wie diese Diskrepanz zustande kommt. Beschönigt die Lehrerin sein Verhalten in der Schule vielleicht oder sieht es nicht? Oder verhält er sich wirklich nur zuhause so? Wir reden darüber, dass Yehia sich in der Schule mit den anderen Kindern und Lehrer:innen verständigen kann, problemlos kommuniziert. Zuhause geht das nicht. In der Schule ist seine Situation dieselbe wie die der anderen Kinder. Zuhause nicht. Das frustriert ihn. Ich frage seine Eltern, ob sie ihn verstehen, wenn er in Gebärden und Lauten kommuniziert. Sie überlegen. „Ungefähr die Hälfte, etwas mehr“, sagt der Vater. „Zuhause verstehen wir ungefähr 70 Prozent von dem, was Yehia uns mitteilt“, sagt die Mutter. „Ein bisschen schwer ist es, wenn Yehia aus der Schule kommt und er neue Worte oder Gebärden gelernt hat.“ Firas rät den Eltern, sich jedes Mal, wenn er aus der Schule kommt, die neuen Gebärden in seinem Heft direkt anzuschauen und sie mitzulernen. Die Mutter erzählt, dass die beiden einen Gebärdensprachkurs machen wollten. Die Krankenkasse und das Jugendamt haben jedoch abgelehnt, die Kosten zu übernehmen, aufgrund ihres Aufenthaltsstatus, der Duldung. Yehias Lehrerin hatte angeboten, die Eltern eine Stunde die Woche in der Schule zu unterrichten. Durch die Pandemie konnte das Angebot jedoch nicht stattfinden. Die Eltern sprechen auf Arabisch mit Firas, der Vater reibt sich niedergeschlagen das Gesicht. „Geduld, Geduld“, sagt Firas sanft.

Gemeinsam mit Yehia blättere ich die Fotos weiter durch.

Auf dem nächsten Bild ist er mit einem großen Ast zu sehen. Er macht das Foto nach und zeigt mir, wie er den Ast wie einen Stab stolz vor seine rausgestreckte Brust hält. „Du siehst aus wie ein König“, sage ich. Firas macht die Gebärde für König, Yehia lacht.

Auf dem nächsten Bild sieht man Yehia zuhause bei seiner Tante beim Spielen mit seinem Cousin. Sein Vater hat das Foto gemacht. Yehia ist aufgebracht, gestikuliert wild. Dass sein Baba einfach die Kamera weggenommen und ohne ihn zu fragen ein Foto gemacht hat, fand er gar nicht gut, teilt er uns mit. „Das nächste Mal, wenn Baba dir die Kamera wegnimmt, sag mir Bescheid“, sagt Firas zu ihm. Wir lachen, Yehia freut sich triumphierend. Der Junge, mit dem er auf dem Foto spielt, ist sein Cousin und heißt Malek. Firas fragt Yehia, ob er den Namen mit dem Fingeralphabet buchstabieren kann. Dann spricht er ihm die beiden Silben einzeln vor, laut und deutlich. Immer wieder versucht Yehia die Silben in Lautsprache zu sagen, bis er es schafft. Alle freuen sich, seine Eltern klatschen in die Hände. Firas ermutigt ihn, auch seinen eigenen Namen in Lautsprache zu sagen. Wieder schafft er es und strahlt, als er die begeisterte Reaktion seiner Eltern sieht. Firas versucht, Maleks Namen nochmal gemeinsam mit Yehia zu wiederholen. Er klatscht unterstreichend zu den Silben: „Ma-lek“. Wieder versucht Yehia, die Laute nachzumachen: „Ba-ba“. „Nicht Baba“, sagt seine Mama. „Yehia!“, ruft sie ihn und bekommt seine Aufmerksamkeit. „Mh, mh“, macht sie ihm den Laut immer wieder vor. Er versucht es, aber trifft den Laut nicht. „Er muss noch ein bisschen üben“, sagt sie lachend. In der Schule lernt er viel. Firas erklärt: „Zum Beispiel Malek. Zuerst hören sie, dann kommt das Schriftbild und dann wird mit Gebärde buchstabiert, und dann der Laut.“

Wir gehen weiter durch die Bilder. Das nächste Foto zeigt Spielzeugautos. Ich frage Yehia, welches von ihnen er am liebsten mag. Er zeigt es mir. Bagger findet er auch super. Und was ist sein Lieblingsspielzeug, frage ich. Am liebsten mag er seinen Zauberwürfel, und Bauklötze. Ein Freund seines Vaters hat eine PlayStation, manchmal besuchen sie ihn und Yehia darf auf der Playstation spielen. Sein Vater schaut zu ihm rüber, spreizt die Finger an beiden Händen, zeigt damit die Nummer zehn und streckt ihm die Zunge raus. Yehia schüttelt energisch den Kopf und zeigt mit seinen Händen die Nummer sieben. „Was meint ihr damit?“, frage ich. Der Vater erklärt, dass Yehia ein großer Fan von Cristiano Ronaldo ist, mit der Rückennummer sieben. Um ihn zu necken, zeigt sein Vater ihm die zehn, die Rückennummer Lionel Messis.

Das nächste Foto hat Yehia im Kinderzimmer gemacht, vom Hochbett, in dem er und seine Schwester schlafen. Sie klettert auf dem unteren Bett. „Er möchte nicht oben schlafen, nur unten. Er hat Angst“, erzählt seine Mutter.

Das nächste Foto zeigt Yehia mit seinen Geschwistern und einem Nachbarsmädchen. Sie ist im selben Alter wie eine von seinen Schwestern und kommt manchmal zum Spielen vorbei. Ein Foto macht er von dem Essen vor ihm auf dem Teller: Tomaten, Gurke, Salat. Was er am liebsten isst? Pizza. Salat und Nudeln mag er auch. Und Süßigkeiten, sagt er jetzt. Milchreis. „Zwei Teller isst er davon“, erzählt seine Mama lachend.

Auf dem nächsten Bild steht Yehia vor einem Auto. Sein Vater erzählt, dass der Wagen Yehia gefallen hat und er ihn gefragt hat, ob er ein Foto von ihm davor machen kann. „Yehia hat mir gesagt, dass ich das Auto kaufen soll. Das Jobcenter und Sozialamt sehen das wohl etwas anders“, sagt er und lacht. Bei unseren vorherigen Treffen hatte Yehias Vater mir bereits mehr über die Situation der Familie erzählt. Alle Familienmitglieder haben eine Duldung, obwohl sie aus dem Krieg in Syrien geflohen sind. Der Vater wurde erstmalig in einem Land im Baltikum registriert, nicht in Deutschland. Theoretisch droht ihm und der Familie die Abschiebung dorthin. Das wäre fatal. Yehias beiden jüngsten Geschwister sind in Deutschland geboren. Yehia hat einen Gendefekt, benötigt Zugang zu medizinischen Behandlungen und Hilfsmitteln, zu besonderer Förderung und Bildung, die er weder in Syrien noch in dem Land, in dem der Vater registriert wurde, bekommen könnte. Trotzdem: Die Familie erhält keine Aufenthaltstitel, keine Klarheit, kein Vorankommen. Bei dem letzten Termin bei der Ausländerbehörde, erzählt der Vater nun, sagt der Mitarbeiter dort, er müsse syrische Pässe für ihn und die Familie vorlegen. Er erklärt, dass er diese nicht einfach in der syrischen Botschaft bekommt. Ohne geht nicht, sagt der Mitarbeiter der Ausländerbehörde. Werden wir abgeschoben, fragt der Vater ihn. Der Mitarbeiter wisse es nicht; das BAMF entscheide. Yehias Vater berichtet, dass er in anderen Bundesländern und Städten Freunde und Bekannte habe, die auf derselben Grundlage wie er nach Deutschland kamen und mittlerweile alle einen Aufenthaltstitel haben. Jede Ausländerbehörde handelt unterschiedlich in ihrem Ermessenspielraum. Die Ausländerbehörde in Essen ist bekannt dafür, ihren nicht auszunutzen. Doch umziehen in eine andere Stadt lässt ihn die Ausländerbehörde auch nicht. Auch eine Arbeitserlaubnis bekommt er nicht. Er könne arbeiten, er will arbeiten, sagt er. „Ich kann LKW fahren zum Beispiel.“ Ich frage ihn, was er in Syrien gearbeitet hat. Er hatte eine eigene Spedition, erzählt er, die er von seinem Vater übernommen hatte. „Nina, weißt du, 70% der syrischen Asylsuchenden, die nach Deutschland gekommen sind, hatten in Syrien ihre eigenen Häuser, Büros oder Firmen oder oder oder. Aber jetzt …“, Firas stockt. „Jetzt ist Syrien aufgeteilt: der Teil des Präsidenten und Russlands, der kurdische Teil mit Amerika, die Gegner des Präsidenten mit der Türkei und ISIS. Selbst wenn ich mich für einen Teil entscheiden würde, ich hätte überall Angst! Alle vier Teile sind scheiße – Tschuldigung!“ Firas und Yehias Vater beschreiben mir die aktuelle Situation in Syrien, berichten von Gewalt, Korruption, Geiselnahmen. Sie wechseln ins Arabische, ich höre, dass Firas emotional wird und seine Stimme das erste Mal lauter.

Ein syrischer Pass kostet in der Regel 300€, eine schnellere Bearbeitung 800€, erzählt Yehias Vater. Für die ganze Familie würden Kosten von zwei, drei Tausend Euro auf sie zukommen. Yehia und seine Schwester brauchen eine syrische Geburtsurkunde, jeweils für 550€. „Und alles ist unter der Hand, anders geht es nicht.“ Der Vater sagt, er möchte dieses Geld nicht bezahlen, möchte nicht, Bashar Assad Geld geben – „Und Assad kauft Waffen davon.“

Mittlerweile wird Yehia etwas unruhig. Er steht auf, holt aus einem Nebenraum einen Roller. Er will spielen. Ich hole eine Datenschutzerklärung aus meinem Rucksack und bespreche sie mit den Eltern, sie müssen unterschreiben. Der Vater zeigt, ohne zu zögern, auf seine Frau: „Sie ist der Chef!“ Sie unterschreibt grinsend das Formular. Ich bedanke mich bei Yehia und frage ihn, ob er Abzüge von den Fotos haben möchte. Seine Mutter sagt, er habe schon so viele Fotos, alle wären zu viel, aber er darf sich welche aussuchen. Er schaut die Fotos durch und hält mir schließlich seine Auswahl hin. Yehia vor verschiedenen Straßenbahnen, Yehia vor einem Bündel Ballons in der alten Wohnung. Auf allen Bildern: Yehia mit dem breitesten Grinsen.

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