Ich lerne X über ein Angebot im Stadtteil kennen: Russischsprachige Menschen jenseits der Sechzig treffen sich einmal die Woche in Räumen der AWO. Als ich das erste Mal da bin, beginnt gerade die halbstündige Tanzgymnastik, angeleitet von einem ebenfalls russischsprachigen Studierenden der Folkwang Uni. „Möchtest du auch mitmachen?“, werde ich gefragt. „Klar!“, antworte ich und finde mich – von den Bewegungsabläufen leicht überfordert – in einem Kreis von Senior:innen wieder, die mir wahlweise wohlwollend zulächeln oder auf der Sprache, die ich nicht verstehe, versuchen zu erklären, was genau ich machen soll. Nach der Tanzgymnastik gehen alle gesammelt zurück in den Raum, in dem sie zuvor schon zum Frühstück zusammensaßen, und ich stelle mich ihnen vor und berichte von dem Projekt, an dem ich arbeite. Einige Besucher:innen übersetzen untereinander, es wird laut kreuz und quer gesprochen und diskutiert und ich frage in die Runde, ob jemand teilnehmen möchte. Die Diskussionen und Gespräche gehen weiter und während ich suchend in die Gesichter blicke, sagt die Frau links von mir: „Ich mach‘s. Ich kann das machen.“
Ein paar Wochen später treffe ich X wieder im selben Gebäude. Während die anderen zum gemeinsamen Frühstück gehen, setzen wir uns zu zweit in einen Vorraum. Immer wieder öffnet sich kurz die Tür und jemand läuft an uns vorbei durch den Raum zur Toilette. Ich starte mein Aufnahmegerät und frage X, ob alles soweit geklappt hat, ob es ihr leichtgefallen ist, die Fotos zu machen. Sie überlegt kurz und erzählt, dass sie sich nicht genau sicher war, was sie überhaupt fotografieren sollte. „Ich wollte natürlich was Besonderes zeigen, aber im Leben gibt es nicht jeden Tag was Besonderes.“ Ich hole die Bilder heraus.

Das erste Foto ist in dem Raum entstanden, in dem wir nun sitzen. „Das ist unser Tanzlehrer und die Mädels, das ist unsere Truppe.“ Ich frage sie, wie lange sie schon hierhin kommt. Seit ungefähr vier Jahren ist sie bei der Gruppe dabei; die anderen Besucher:innen kannte sie vorher nicht. „Ich habe im Internet AWO eingegeben und Telefonnummern gekriegt und die abgeklappert. Da waren auch deutsche Gruppen, aber die haben mich sofort abgewiesen.“ Sie lacht. „Das ist aber nicht schlimm“, ergänzt sie schnell. Da sie in ihrer Familie immer nur Deutsch gesprochen hatte, dachte sie erst, es wäre gut, sich eine deutschsprachige Senior:innengruppe zu suchen. „Aber jetzt bin ich ganz froh, dass ich hier gelandet bin. Und ich wohne auch ganz nah von hier. Deswegen hat das alles ganz gut geklappt.“ Ihr Partner ist deutsch; die einzige Sprache, die sie miteinander sprechen, ist Deutsch. Auch ihr mittlerweile erwachsener Sohn spricht kein Russisch. „Wolltest du das nie, dass er Russisch lernt oder hatte er da kein Interesse dran?“, frage ich. „Mein Mann hatte kein Interesse“, sagt sie lachend und fügt hinzu: „Ich bin eigentlich Deutsche, Russland-Deutsche.“ Vor 28 Jahren ist sie ist als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen. Sie wächst in einer Stadt in Sibirien auf, spricht damals zuhause nur Russisch. „Ich habe in meiner ganzen Jugend keinen deutschen Menschen getroffen.“ Bis zur Auswanderung nach Deutschland muss die Familie fast vier Jahre auf die Bearbeitung des Antrags warten. In dieser Zeit beginnt X bereits, Deutsch zu lernen. „Wortschatz habe ich schon ein bisschen gehabt in Russland und von Anfang an war das Verstehen nicht so schwer, aber sich richtig ausdrücken – bis jetzt!“, sie lacht. „Das ist doch perfekt so!“, entgegne ich. „Perfekt weiß ich nicht, aber mich kann jeder verstellen, der will.“ Wie ist es für sie, wenn sie ihre Muttersprache, wenn sie Russisch spricht, frage ich. Wie fühlt es sich an? Sie überlegt und es fällt ihr schwer, die passenden Worte zu finden. „Ich kann das nicht, die ganze Zeit nur Russisch, ich kann das nicht“, sagt sie schließlich. „Ich möchte beide nicht als einzige Sprache. Ich freu mich, dass ich hierhin komme und hier so sein kann, aber nur so… das will ich nicht.“


Ich blättre weiter in den Fotos. Auf den nächsten Bildern ist die Skydiving-Halle in Bottrop zu sehen, eine Indoor-Fallschirmsimulation. Freund:innen von ihr haben ihr zum Geburtstag einen Gutschein geschenkt. „Das ist wirklich einmalig, ganz toll“, schwärmt sie. Ganz in der Nähe ist auch eine Skihalle, erzählt sie. Auch dort würde sie gerne einmal hingehen. „Ich bin in Sibirien aufgewachsen. Da ist Ski sozusagen Pflicht“, sagt sie lachend. Die Stadt, aus der sie kommt, hat fast eine Millionen Einwohner:innen und liegt an einem der größten Flüsse der Welt. Dort wächst sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf, der mittlerweile in Mülheim wohnt. Ihr Vater ist bereits verstorben, bevor die Familie nach Deutschland gegangen ist. Fast jeden Sonntag fährt sie die 15 Kilometer an der Ruhr entlang mit dem Fahrrad zu ihrem Bruder. Sie treffen sich draußen und gehen spazieren. Mittlerweile hat er zwei Enkelkinder und einen Urenkel.

Auf dem nächsten Foto sieht man X mit dem Urenkel ihres Bruders und mit ihrem Freund; der Urenkel wird demnächst zwei.
Ich frage sie nach ihrem Sohn. Er wird dieses Jahr 26, studiert und lebt in Dortmund. Ich frage, ob sie sich oft sehen. „Leider nicht oft, leider.“ Sie macht eine Pause. „Mein Mann, sein Vater, ist gestorben. Und er will allein sein.“ – „Das tut mir leid“, sage ich leise. „Das ist schon sechs Jahre her, und doch tut alles ganz weh.“ Mit ihrem jetzigen Partner ist sie seit vier Jahren zusammen, sie leben gemeinsam hier im Stadtteil.

Wir kommen zurück zu dem Foto und sprechen übers Fahrradfahren und ihr E-Bike. In der Stadt fährt sie immer ohne Unterstützung, erzählt sie, nur, wenn sie zu ihrem Bruder fährt, schaltet sie den Motor an. Ich frage, ob sie immer schon viel Sport gemacht hat. „Gezielt habe ich eigentlich nie gemacht. Obwohl ich ein Auto gehabt hab und Führerschein, hab ich fast die ganze Zeit in Deutschland Fahrrad benutzt. Wenn ich nicht meine Mutter oder mein Sohn irgendwo mit dem Auto hinbringen musste, bin ich immer mit dem Fahrrad gefahren. Wir waren damals in einem kleinen Städtchen, da wars mir mit dem Fahrrad bequemer.“ Sie leben damals in einem kleinen Ort am Rande vom Sauerland: 30.000 Einwohner:innen, eine gute halbe Stunde von Dortmund entfernt. Ich frage, wie und wo sie ihren Mann kennengelernt hat. Als sie in Deutschland ankam, war sie zunächst in Chemnitz, hatte dort ihren Sprachkurs und die Notwohnung. Damals war sie 38. „Dann hab ich meinen Mann kennengelernt, in der Zeitungsanzeige und er hat mich hierhin gebracht.“ Es ging alles sehr schnell, zwei Jahre, nachdem sie nach Deutschland gekommen ist, haben sie bereits ein Kind bekommen. In der neuen Stadt hatte sie vor allem zwei Freundinnen, eine deutsche Frau und eine russland-deutsche. Sie lacht. „Mit meiner deutschen Freundin – wir sind jede Woche einmal laufen gegangen. Wir nennen das Laufen, aber das war so“, sie macht eine schnatternde Bewegung mit der Hand und signalisiert, dass es eigentlich mehr ums Quatschen als ums Laufen ging. „Paar Stündchen sind wir in der Natur zusammen gelaufen. Und ich habe bis jetzt mit ihr Kontakt.“ Sie schreiben regelmäßig bei Whatsapp. „Und meine Landsfrau … sie ist so gegen Putin und seit ich ihr meine Meinung gesagt habe, schreibt sie mir nicht mehr. Vielleicht muss ich ihr Zeit geben.“ Sie schweigt einen Moment. Ich frage sie, ob sie die Stadt manchmal vermisst. „Nein, das ist ganz kleine Stadt und ich bin aufgewachsen in einer Millionenstadt, wo es Theater gab und so. Und diese kleine Stadt … als mein Kind klein war und ich war beschäftigt, das war okay. Aber als er erwachsen war, war mir diese Stadt schon ein bisschen zu drückend gewesen. Diese Zeit und dann ist das alles passiert mit mir, deswegen bin ich froh, dass ich weg bin.“ Ihr Mann ist dort, in der Kleinstadt, in der sie zusammengelebt hatten, gestorben. Nach Essen kam sie erst nach seinem Tod, als sie zu ihrem neuen Partner gezogen ist. Ich frage, ob ihr Mann krank gewesen ist. „Eigentlich … eigentlich nicht. Es war ein bisschen plötzlich. Ich habe nicht gedacht, das kann so schnell passieren.“ Zu der Zeit lebte der Sohn noch bei ihnen, beendete gerade die Schule. X spricht jetzt immer langsamer und leiser, sodass ich sie kaum noch verstehen kann. Nicht nur ihren Mann hat sie in dieser Zeit verloren, sondern auch ihre Mutter, erzählt sie weiter. Die Mutter hat im gleichen Haus gewohnt, in einer anderen Wohnung. „Für mich war das eine ganz große Hilfe. Sie hat alles für mich gemacht, alles.“ Wieder wird sie still.
Nach dem Tod ihres Mannes beginnt ihr Sohn, in Dortmund zu studieren und zieht dorthin. „Ich habe gewünscht, er kommt nach Essen zu uns, aber …“, sie lacht leise. „Ach, das ist verständlich eigentlich. Das ist doof, das Kind bei sich halten. Und wenn es beide Eltern wären, aber so …“ Ich frage, ob ihr Sohn sich mit ihrem Partner versteht. „Wenn ich ihn ganz selten sehe, dann verstehen sie sich ganz gut.“ Wieder lacht sie.


Ich lege das nächste Foto zwischen uns; es zeigt die Kirschblüten auf der Altenessener Straße. Sie ist gerne draußen, erzählt sie jetzt. „Ich mag nicht in der Wohnung bleiben. Den ganzen Tag in der Wohnung sitzen schaffe ich nicht. Ich muss raus, ich muss raus. Egal was, nur raus. Das ist aber auch so passiert nach meinem Mann.“ Ich frage sie, wie er als Person war. Sie überlegt. „Er ist auch viel für Sport, er hat mit meinem Sohn alle Sportarten gemacht, beigebracht. Hat ihn dorthin gebracht. Er war so der sportliche Typ. Viel Fahrrad auch.“ – „Habt ihr das dann auch viel zusammen gemacht, so Fahrradfahren und sowas?“ – „Eigentlich hat er mehr mit dem Kind gemacht. Für mich war das zu anstrengend. Sie fahren richtig sportlich und ich bin wie Ballast, dann können sie nicht weiterfahren. Das hat eigentlich nie geklappt.“ Wir sprechen noch weiter über die Zeit in der Kleinstadt. „Hast du auch gearbeitet oder warst du hauptsächlich mit deinem Sohn zuhause“, frage ich. „Ich habe ein bisschen gearbeitet, aber nicht viel. Am meisten war ich Hausfrau.“ Sie fährt fort: „In Russland war ich im Finanzamt tätig, aber hier natürlich nicht. Ich war im Altersheim, ein paar Stunden, als Hauswirtschafterin, aber das ist …“, sie lacht. Ich frage nach, warum sie ihren eigentlichen Beruf hier nicht ausüben konnte. „Zuerst Sprache, dann auch das Kind. In dem Alter ein Kind kriegen und auf den Beruf konzentrieren – ich war schon fast vierzig. Vielleicht mit viel Mühe kann man was erreichen, aber dann muss man diese Mühe vom Kind ablenken. Eins bleibt auf der Strecke, Kind oder Beruf. Besonders in diesem Alter.“ Ich frage sie, ob es okay so für sie ist oder ob sie das manchmal bereut? „Ich sage mir: ‚Es ist so, wie es ist.‘ Weil diese Gedanken machen nur krank. Das ist alles Spekulation: dies, das, dies. Natürlich treibe ich diese Gedanken weg. Ich sage mir: ‚Warum tust du dir weh? Es ist sowieso vorbei, es ist so wie es ist. Versuch mal JETZT was: leben, bringen, machen, sowas.‘“ – „Ich glaube, das ist eine gute Einstellung“, sage ich. „Das ist eine Lösung suchen für weiterleben“, korrigiert sie.

Das nächste Foto zeigt den Yogakurs, den sie besucht. „Ganz toll, AWO hat viele Angebote: Yoga, Tanzen, Chor.“ Auf dem nächsten Bild ist der „Kirmesplatz“ im Stadtteil zu sehen. „Das ist eigentlich ganz schön, finde ich. Im Sommer gehen wir sogar da tanzen. Da gibt es Livemusik sogar, freitagabends.“ Sie besucht viele dieser Veranstaltungen und Angebote im Stadtteil. Ich frage sie, wie es ihr hier in Altenessen gefällt. „Ich bin ganz glücklich, dass ich hier AWO habe. Das ist grundsätzlich wegen AWO, mir gefällts hier ganz doll.“ Ich frage, ob sie mit den Leuten vom Senior:innentreff auch außerhalb der wöchentlichen Treffen etwas unternimmt. „Ja ja! Vor zwei Jahren gab es im Sommer ein Angebot für diese Fahrscheine, dass man umsonst in NRW fahren kann. Und die meisten Leute haben das und wir haben jedes Wochenende was unternommen, jedes Wochenende! Köln, Bonn, Münster. Und dann haben wir einige Zeit in der Coronazeit uns öfter auch getroffen in Steele und wir sind an der Ruhr entlang spazieren gegangen, jede Woche.“ Auch mehrtägige Reisen mit Übernachtung haben sie bereits gemeinsam unternommen. „Gut, dass es so viele Angebote gibt“, sage ich. „Ja, das ist einfach – für meine Situation, das ist meine Rettung. Weil zuhause sitzen kann ich nicht, auf der Straße immer laufen ist auch ein bisschen doof. Hauptsache ich bin mit Leuten. Mit jemandem reden, mit jemandem was unternehmen. Ich habe hier fast jeden Tag Termine. Und zuhause, in kleiner Wohnung sitzen …“, sie spricht nicht weiter. „Wie ist das so, wenn du allein bist? Hast du dann so negative Gedanken oder so?“ – „Ja ja, alles. Erinnerungen und sowas, das alles kommt. Das ist für mich zu viel.“ – „Sprichst du denn manchmal mit Leuten auch darüber?“ – „Nein, darüber gar nicht. Ich konnte überhaupt damals nicht reden, ich habe nur geweint. Und wenn ich rede, dann beginn ich zu weinen, und das will ich nicht. Wozu denn? Für die anderen auch … Wir wollen, jeder will – natürlich muss man was Schönes erleben, nichts Trauriges.“ – „Aber es gehört ja auch zum Leben dazu irgendwie.“ – „Ja gut, aber muss man andere damit belästigen?“ – „Ich glaub, dass Menschen das schon aushalten können manchmal, oder?“ – „Ich selbst weine, die anderen Leute macht das auch nicht glücklich – wozu denn?“ – „Aber vielleicht geht’s einem danach besser?“ – „Ich weiß nicht, weiß nicht. Ich will mich abschalten, abschalten. Diese ewigen Gedanken. Ich sogar manchmal beim Fahrradfahren – obwohl du nicht allein fährst, bist du immer wie allein, weil du nicht sprechen kannst. Deswegen beim Fahren singe ich. Um mich von den Gedanken abzuschalten, ich singe. Ich fühle schon, das ist mir zu viel. Diese Gedanken beginnen, dann singe ich.“ Ich frage, ob sie mit ihrem Freund darüber reden kann. „Nein, möchte ich auch nicht. Kurz und Kleinigkeiten, aber …“, wieder redet sie so leise, dass ich sie nicht mehr verstehen kann. Ich frage sie, wie sie ihren Partner kennengelernt hat. „Auch über Anzeige.“ – „Und was macht er so“, frage ich weiter. „Er arbeitet noch ein bisschen. Noch ganz wenig, in letzter Zeit. Und dann fahren wir Fahrrad zusammen. Und zur Sauna gehen wir. Das ist unsere einzige – unser Leben, so ist das: Fahrradfahren und Sauna.“
Wieder geht die Tür auf. Dieses Mal steckt die Sozialarbeiterin ihren Kopf durch den geöffneten Spalt. „Braucht ihr noch lange?“ Ich antworte ihr, dass wir gleich zum Ende kommen. Der Tanzlehrer wartet bereits; das Programm geht gleich weiter.
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