Das erste Mal treffe ich X in einer Gruppe von Frauen; ich setze mich zu ihnen an einen langen Tisch. Das Ladenlokal, in dem wir sitzen, ist hell; die Tür steht offen, es ist warm und neben frischer Luft kommen Geräusche der Innenstadt mit in den Raum. Viele der Frauen haben etwas mitgebracht: Gebäck, Süßes. Die Kaffeekanne wird an mich weitergereicht, eine Frau schiebt mir eine Tasse hin. Gespräche laufen kreuz und quer über den Tisch, die meisten Frauen sprechen Arabisch. X sitzt mir gegenüber, neben ihr ihre Tochter, die strahlt, wenn die Frauen, die später in die Runde dazukommen, sie mit Küssen begrüßen. X spricht mich auf Deutsch an, lächelt ihr offenes, herzliches Lächeln und wir unterhalten uns über die anderen Stimmen und die Geräusche der Kaffeetassen hinweg. X ist jede Woche hier, immer in Begleitung ihrer Tochter.
Einige Wochen später fahre ich mit dem Bus zu ihr nach Hause. Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien, aus dem Fenster heraus sehe ich Kinder und Jugendliche aus einer Schule herausströmen. Als es plötzlich anfängt zu regnen, versuchen sie, ihre Zeugnisse unter ihren Jacken oder Pullovern vor dem Regen zu schützen.
X empfängt mich an der Wohnungstür. Wir küssen uns zur Begrüßung auf die Wange, sie führt mich ins Wohnzimmer und deutet aufs Sofa. Auf der Couch gegenüber sitzt ihr Mann und hilft den beiden Töchtern, die kurz vor mir in die Wohnung gekommen sind, ihre Zeugnisse mit einem Lappen zu trocknen. Es herrscht eine rege Stimmung, Zeugnisse werden hin und her gereicht, es wird über Kreuz geredet. Ich frage eines der beiden Mädchen, welche Fächer sie in der Schule am liebsten mag. „Eigentlich nichts“, antwortet die Teenagerin. Trotzdem hat sie einen Einser-Schnitt. „Aber letztes Jahr war das Zeugnis besser“, sagt X mit einem Lächeln zu mir. Die Eltern freuen sich mit den Töchtern, bevor die beiden aus dem Wohnzimmer und in ihr Zimmer gehen. Der Vater liest uns gegenübersitzend Zeitung, und X und ich beginnen, über ihre Fotos zu sprechen.
Ich frage X, ob sie schon mal analog fotografiert hat. „Früher viel. Früher in Syrien haben wir nur mit Film. Und ich hab sehr viel Fotos gemacht, und sehr früh, vielleicht ab fünfzehn Jahre. Ich habe viele Fotos, aber die sind jetzt alt“, sagt sie mit einem Lächeln. Ihre Fotos hat sie immer noch bei sich, nur die Kameras sind schon lange weg. Ich frage, wann sie das Land verlassen hat. 2015 war das, als sie zusammen mit ihren drei Töchtern nach Deutschland gekommen ist. Ihr Mann ist jedoch erst seit drei Jahren hier. Es dauerte, bis sie die Familienzusammenführung beantragen konnte. „Und wie war das, nach so langer Zeit wieder zusammen zu sein? War das ungewohnt?“ Sie lacht. „Nein, normal!“ Während der drei Jahre kommunizieren sie viel über Whatsapp, versuchen trotz Internetproblemen regelmäßig zu telefonieren. Hatte sie manchmal Angst um ihn? „Ja, natürlich! Weil die Situation war nachher gar nicht gut. Aber nochmal: Man kann nichts machen, nur warten!“ Sie erzählt mir von Momenten, in denen sie sich Sorgen machte. Wenn sie erfahren hat, dass wieder eine Bombe eingeschlagen ist und sie den ganzen Tag nichts von ihrem Mann hört, weil er auf der Arbeit ist und nicht zuhause. Nicht zu wissen, ob die Bombe ihn getroffen hat oder nicht; ob es ihm gut geht. „Deswegen man hat Angst!“
Die ersten zwei Monate in Deutschland lebt X mit ihren Kindern in einer kleinen Stadt in der Nähe von Köln in einer Turnhalle. „Das war richtig okay. Weil die Leute waren da so nett! Manchmal, wenn man sagt, das Camp ist nicht so gut, dann liegt das vielleicht an den Leuten, Probleme und so.“ Dann kommen sie nach Essen, sind zunächst in Kray in einem Zelt. Vier Tage bleibt sie dort mit ihren Töchtern. „So ein großes Zelt. Das war richtig schlimm! Viele Leute, man kann gar nicht schlafen. Und wegen der Situation von meiner Tochter konnte ich sofort in dieses andere Camp. Ich hab dem Sozialamt gesagt, es geht gar nicht, meine Tochter kann nicht schlafen.“ Das andere Camp ist hier im Stadtteil, in dem sie jetzt leben. In der neuen Unterkunft ist die Situation in Ordnung. Nach drei Monaten findet sie die Wohnung, in der wir jetzt sitzen.
Die älteren Töchter gehen von Anfang an zur Schule, lernen schnell Deutsch. „Sehr schnell und sehr einfach, für Kinder ist das immer so. Bei uns nicht so sehr“, X lacht. Ich frage sie nach ihrer B1-Prüfung, von der sie mir bei unserem letzten Treffen erzählt hatte und die damals noch vor ihr lag. Lächelnd erzählt sie mir, dass sie bestanden hat. Ich gratuliere und frage, ob sie jetzt weitermacht mit dem nächsten Sprachkurs. „Ja, ich mache natürlich. Oder eine Weiterbildung, ich weiß nicht genau, ich muss mit dem Jobcenter telefonieren und fragen.“ Ich frage, was sie in Syrien gearbeitet hat. „Ich bin Rechtsanwältin.“ Obwohl X in Syrien studiert und gearbeitet hat, wird ihr Abschluss nur als Bachelor anerkannt. Um in Deutschland arbeiten zu können, müsste sie noch einen Master nachholen, nochmal studieren, mindestens drei Jahre. Ich frage, ob sie das machen möchte. „Zu schwierig, ich bin nicht so jung, Mitte vierzig. Und die Sprache ist für mich nicht so einfach. Und meine Tochter ist auch so klein, sie braucht viel Zeit, ich hab viel zu tun zuhause. Deswegen ich hab nicht so Zeit, um den ganzen Tag zu studieren, das ist nicht so einfach. Für einige Leute vielleicht klappt das, aber eine Frau, die hat drei Töchter und Familie und so. Nicht so einfach. Das Studium ist sowieso nicht so einfach.“ Auch für den Beruf der Rechtsanwaltsgehilfin müsste sie noch eine Ausbildung machen, auch drei Jahre, in Vollzeit. Mit der Situation ihrer Tochter ist das kaum vereinbar. Um 15 Uhr kommt sie aus der Schule und ist ab dann zuhause. „Sie kann gar nichts alleine machen. Ich muss füttern, die Windeln wechseln, und alle Sachen. Ich muss immer da sein. Geistig ist gut, aber körperlich ist schlimm.“ Sie hat die höchste Pflegestufe. Vielleicht wird die Familie zu einem späteren Zeitpunkt einen Pflegedienst in Anspruch nehmen, aktuell übernimmt X die Pflege jedoch selbst. S, die Tochter, geht auf eine Förderschule. Dort ist sie gerne, mag die Kinder und Lehrer:innen, macht außerdem Physio- und Ergotherapie, was ihr bei ihrer Erkrankung hilft.


Wir schauen uns das erste Bild an. Es zeigt den Kanal. „Ich laufe hier immer.“ Als sie das Foto schießt, beginnt gerade der Frühling. „Ich mag diese Aussicht.“ Auch das nächste Bild ist am Kanal entstanden und zeigt den Sonnenuntergang. Sie lacht leise, als sie es sieht. „Wenn ich laufe, ich nehme immer meine Kamera – oder mit meinem Handy mach ich auch Fotos. Weil ich mag diese Ecke sehr, es ist ruhig, Leute gehen hier spazieren. Und ich laufe immer hier.“ Sie geht gerne joggen, im Winter nachmittags, im Sommer auch am Abend. Wenn sie draußen ist, kümmert ihr Mann sich um die Tochter. „Wir können nicht zusammen spazieren gehen, jemand muss zuhause bei unserer Tochter bleiben. Einer geht, der andere bleibt zuhause. Aber manchmal – wie gestern – sie hat schon geschlafen, es war ungefähr zehn Uhr dreißig. Es ist spät, aber wir konnten ein bisschen zusammen spazieren. Aber sonst, zusammen spazieren ist nicht so einfach.“
Für einige Zeit kann S sich auch allein beschäftigen, erzählt X. Sie malt zum Beispiel gerne. Trotzdem braucht sie bei vielen Dingen Unterstützung. „Sie kann nicht allein essen, sie kann nicht so gut die Hände benutzen, das ist das Problem. Sie bewegt unkontrolliert.“ Durch die Therapien sind ihre Spastiken besser geworden. Sie kommuniziert mit einem Talker, einem Gerät, das laut vorliest, was sie schreibt. Der Talker gibt ihr viel Freiheit, mit anderen zu kommunizieren. „Ich versteh alles! Aber manchmal andere Leute oder in der Schule nicht so. Sie spricht manchmal mit Händen, mit Augen, sie versucht mit dem Mund auch. Sie kann den Namen von der großen Tochter sagen, Mama, Papa. Aber andere Worte sind zu schwer. Der Arzt hat gesagt, vielleicht kann sie später besser sprechen. Aber bewegen kann man nicht wissen.“ Gerade hat sie einen Computer mit einer Spezialmaus bekommen, die wie ein Schaltknüppel im Auto aussieht und die sie trotz der fehlenden Feinmotorik benutzen kann. „Sie kann jetzt die Hausaufgaben auf Deutsch ganz einfach schreiben. Früher musste ich die Hand so stark halten, damit sie schreiben kann. Jetzt kann sie so einfach schreiben.“
Als S ungefähr vier Monate alt ist, bemerkt X langsam, dass etwas anders ist. „Ich hab gesagt: ‚Meine Tochter kann nichts halten.‘ Und der Arzt hat gesagt, das ist normal.“ Sie suchen einen Spezialisten. „Danach waren wir beim Neurologen und so, mit MRT.“ Der Arzt stellt die Diagnose. „Aber er hat nicht gesagt, sie kann nicht laufen oder etwas halten. Er hat gesagt, mit sieben oder acht Jahren kann sie viele Sachen machen. Aber leider kann sie nicht.“ Die Arztbesuche in Syrien waren sehr schwierig, der Neurologe sitzt in der Hauptstadt Damaskus, viele hunderte Kilometer entfernt vom Wohnort der Familie. „Mit dem Bus geht gar nichts, es gibt viele Terrorgruppen, man kann nicht einfach Bus fahren.“ Auch an Flugtickets zu kommen, ist schwierig, aber die Familie schafft es. Drei, vier Mal nehmen sie diese Reise auf sich. Mittlerweile ist S in Deutschland in Behandlung.
Wir kommen auf Xs alte Heimat und sprechen darüber, wie es für sie war, Syrien zu verlassen. „Erst habe ich gesagt, ich kann gar nicht – man kann nicht einfach so die Heimat verlassen. Aber es gab viele Probleme, viele Bomben, meine Kinder hatten viel Angst. Besonders die Große, sie weinte die ganze Zeit. Und die Situation wurde immer schlechter und schlechter. Viele Bomben, viel Angst. Und ich auch, ich hab viel Angst bekommen. Ich hab Angst vorm Meer. Von der Türkei nach Griechenland in so kleinen Booten zu fahren. Das war gar nicht einfach. Mit den Schmugglern, weil man kann nicht so einfach nach Deutschland kommen. Man kann nicht wissen, was machen diese Schmuggler auf dem Weg. Vielleicht nehmen die meine Kinder. Alles war so schwierig. Die Leute können nicht so einfach nach Deutschland kommen. Manche Leute sind mit Flug gekommen, da braucht man auch viel Geld. Wir waren vier Leute, wir könnten gar nicht mit Flug kommen, man muss Millionär sein. Und genau so: Die Millionäre haben Syrien verlassen, aber die armen Menschen bleiben in Syrien. Aber alle Kriege sind so, in der Ukraine auch. Wenn jemand hat Geld, man kann gehen, aber die armen Leute bleiben immer. Leider.“
Der Weg zur syrisch-türkischen Grenze war schwierig. In einem kleinen Dorf treffen sie einen Mann, den sie bezahlen müssen, um die Grenze zu übertreten. „Nur so ein kleiner Weg – und wir waren in der Türkei.“ Mit dem Auto werden sie in eine größere Stadt gebracht. Von da reisen sie weiter nach Istanbul und schließlich nach Izmir. Zwei Monate sind sie in der Türkei, bevor sie übersetzen, für 2.000 Euro pro Person. Das Boot, mit dem sie fahren, ist sehr alt. „Die Schmuggler kaufen diese Yacht nur für ein Mal. Weil, wenn die Leute fahren nach Griechenland, die Polizei nimmt diese Yacht und sie macht alles kaputt. Deswegen kaufen sie so alte Boote, das kostet nicht so viel Geld. Aber die verdienen viel Geld. Deswegen sind viele Leute gestorben, weil die Yachten so schlimm und alt waren.“ Während der Überfahrt hat sie große Angst. „Natürlich wir hatten Angst. Auf dem Wasser, und guck mal, alles nur blau. Das war gar nicht einfach.“ Aber sie schaffen es, und erreichen irgendwann Deutschland. Ich frage X, warum die Familie nicht zusammen mit dem Vater gegangen ist. „Die Mutter von meinem Mann war zu krank. Also konnte er nicht kommen, weil die Mutter wohnte alleine in Syrien. Die anderen Kinder waren in Deutschland und der Schweiz. Er war alleine mit seiner Mutter, er konnte sie so nicht alleine lassen. Sie hat Zerebralparese, sie kann sich gar nicht bewegen oder allein essen, gar nichts. Sie war den ganzen Tag im Bett.“ Seine Mutter verstirbt, zwei Monate nachdem X und die Kinder in Deutschland angekommen sind. Aber er darf nicht einfach nachkommen. „Er musste alle Papiere machen, aber alle Ämter waren immer voll, voll, voll.“ Also dauert es noch drei Jahre, bis die Familie wieder zusammen sein kann. Auch er war Rechtsanwalt, sie hatten zusammen eine Kanzlei, haben zusammen studiert. Sie kennen sich seit der zweiten Klasse. Sie lacht viel, wenn sie davon erzählt. „Das ist schön, ja“, sagt sie lächelnd. Noch immer liest er Zeitung, strahlt eine tiefe Ruhe aus, und lächelt ab und zu zu X herüber.

Ich lege das nächste Foto zwischen uns. Es zeigt ihre Tochter S; die beiden sind auf dem Weg zu der Haltestelle, von der aus sie zum wöchentlichen Treffen mit der Frauengruppe fahren, bei der ich sie kennengelernt habe. Von Anfang an ist sie bei den Treffen dabei. Die Leiterin der Gruppe ist die Cousine ihres Mannes; durch sie erfährt sie von dem Angebot. „Diese Gruppe ist sehr interessant, und die Frauen sind sehr nett. Man bekommt viele Informationen: Was gibt es, was ist neu, welche Regeln kommen. Manchmal hab ich keine Zeit, den ganzen Tag im Internet zu gucken oder die Nachrichten hören oder so, aber man hört immer etwas von der Gruppe, man lernt immer. Man braucht das: Lernen. Und man braucht das auch, mit vielen verschiedenen Leuten sprechen.“ Ich frage sie, ob sie mittlerweile auch mit den Frauen befreundet ist. „Ja ja, wir sind jetzt Freundinnen! Wir sind richtig Freunde. Die ganze Gruppe war letzte Woche bei mir, in meinem Garten, war richtig schöner Tag!“, sagt sie und lächelt.
Es klingelt. Der Fahrer bringt S von der Schule nach Hause. Ihr Vater holt sie an der Tür ab. Als sie zusammen ins Wohnzimmer kommen, strahlen die beiden genauso wie X. Der Vater läuft hinter S, hält sie an den Händen fest und stützt sie, damit sie selbst laufen kann. Auch S hat heute ihr Zeugnis bekommen. Ihr Vater hilft ihr, sich neben ihn auf die Couch zu setzen, streicht ihr die Haare aus dem Gesicht, und macht ihr vorsichtig einen neuen Zopf. S strahlt über beide Ohren, genauso fröhlich, wie ich sie die letzten Male erlebt habe, als wir uns gesehen haben. Ich frage, in welcher Klasse sie nun ist. In der dritten Klasse, sagt X. S macht auf sich aufmerksam. „Nein, vier!“, ruft ihr Vater. Die Eltern lachen, S nickt stolz. Der Vater und S schauen sich zusammen ihr Zeugnis an, während X und ich das nächste Foto betrachten.

Es zeigt Blumen, doch wir sind uns nicht sicher, wie sie im Deutschen heißen. X übersetzt mit ihrem Handy und sagt dann: „Narzissen“. Das Foto ist hier im Stadtteil entstanden, als sie spazieren war. Jeden Tag ist sie mit ihrer Tochter draußen. „Wir spazieren immer zusammen, wenn sie auch ein bisschen nach draußen gehen will und spazieren. Bei diesen Fotos war ich immer mit S. Ich genieß es zu spazieren. Man muss sich bewegen, ne?“, fragt sie lachend.

Das nächste Bild zeigt eine Skulptur in Form eines Fahrrads. „Als meine Kinder klein waren, als wir kamen nach Essen, haben sie immer versucht, damit zu fahren“, erzählt sie lachend. „Wir haben noch Fotos mit diesem Fahrrad.“

Ich blättere weiter. Das Foto zeigt Auberginen vom Grill, im Garten hinter dem Haus. Auch das nächste Bild ist im Garten entstanden und zeigt den Sonnenuntergang. „Meine Tochter hat dieses Foto gemacht. Sie hat mir gesagt: ‚Mama, das ist sehr schöne Aussicht‘ und sie hat das gemacht.“ – „Die Ältere?“ – „Die Mittlere.“ Ich frage sie, ob sie gerne hier wohnt. „Ja! Ein bisschen laut, weil das ist Hauptstraße. Aber ist gut.“ Seit sechs Jahren lebt sie hier. Der Teil der Wohnung, in dem wir nun zusammensitzen, ist jedoch erst vor vier Monaten hinzugekommen, als der Vermieter die beiden Erdgeschosswohnungen zusammenlegt. Vorher wohnten sie nur in einer der beiden Wohnungen, zu fünft auf 55 Quadratmetern. „Ich habe zwei Jahre lang viel gesucht, im Internet, beim Makler, bei Firmen. Es gibt gar nichts, keine großen Wohnungen. Das Problem ist, wir brauchen immer Erdgeschoss, weil meine Tochter sitzt im Rollstuhl. Aber wirklich, die Baugesellschaften müssen für Behinderte mehr Wohnungen bauen.“ Auch diese Wohnung ist nicht komplett barrierefrei, zur Wohnungstür führen ein paar Stufen. „Jetzt ist meine Tochter klein, ich kann sie tragen, aber später kann ich nicht.“ Allein der Rollstuhl wiegt 20, 30 Kilo.

Auf dem nächsten Bild, das wir uns zusammen angucken, ist eine Ente zu sehen. „Aber das ist nicht hier, das ist in Lingen. Mein Bruder wohnt da. Und diese Ente kommt jeden Tag zu meinem Bruder und er füttert sie. Sie kommt jeden Tag, sie besucht meinen Bruder täglich“, sie lacht. Der Bruder ist etwas älter als sie. Die beiden haben viel Kontakt, sehen sich regelmäßig. Ein weiterer Bruder lebt in Göttingen. „Sehr klein, sauber. Aber Essen ist schöner“, sagt sie lachend. „Gefällt dir Essen besser?“ – „Ja, weil das ist so klein da, ab 16 Uhr gibt es keine Leute mehr in den Straßen, richtig langweilig“, sie lacht. Ich frage, wie sie in Syrien gelebt haben. „Meine Familie kommt aus einer kleinen Stadt, wie Dorf. Aber als ich geheiratet hab, hab ich mit meinem Mann in einer großen Stadt gewohnt.“ Sie fragt ihren Mann, wie viele Einwohner die Stadt hatte. Er überlegt. „400.000?“, schätzt er. „Also bist du’s gewohnt, in der Stadt zu wohnen?“, frage ich. „Ja! Aber nicht so, wie hier. Essen ist so langgezogen. Man braucht viel Zeit, wenn man Termine hat. In unserer Stadt ist das nicht so schwierig. Hauptstadt Damaskus: ja, wie hier. Wie Berlin vielleicht. Zwei Millionen Einwohner ungefähr. Aber jetzt… nein. Es ist so“, sie hält kurz inne. „Aber große Stadt finde ich immer besser.“

Nachdem ich das letzte Bild umgeblättert habe, sage ich lächelnd: „Man sieht, dass du viel draußen bist.“ – „Ja! Ich hab mir gesagt: ‚Warum hier drin sein? Man muss die Umwelt sehen.‘ Es war auch Frühling, das Wetter war so schön.“ Ich frage, was sie für die Sommerferien vorhaben. X erzählt, dass sie diese Ferien leider keine Papiere, keine Pässe haben. Der frühste Termin bei der Ausländerbehörde, den sie bekommen konnte, ist erst Anfang August. „Da sind die Sommerferien schon vorbei. Wir haben Papiere, aber wir können nicht Deutschland verlassen. Wir können hier in Deutschland vielleicht Ausflüge machen. Düsseldorf oder Essen Werden, oder bei meinem Bruder vielleicht.“ Wir sprechen über die Ausländerbehörde und die Schwierigkeiten dort. „Man braucht ein Jahr für einen Termin. Komisch, ne?“ Sie erzählt mir von einem Termin, den sie hatte, auf den sie über ein halbes Jahr warten musste, als die Lehrerin in ihrem Deutschkurs mitteilt, dass die Prüfung eventuell auf diesem Tag liegen wird. „Ich hab der Schule gesagt, wenn unsere Prüfung an dem Tag ist, kann ich die Prüfung nicht machen. Weil ich kann nicht nochmal sechs Monate warten. Ich kann nicht noch ein Jahr ohne Papiere, das ist Katastrophe.“ Glücklicherweise wurde der Prüfungstermin verschoben.
Wir kommen wieder auf Xs Familie zu sprechen und ich frage sie, ob sie das Gefühl hat, dass ihre Töchter sich wohlfühlen in Deutschland oder ob sie Syrien vermissen. „Sie waren richtig klein, als wir gekommen sind. Aber sie vermissen Syrien auch. Weil die ganze Familie – viele Onkels in Syrien. Aber sie sprechen immer mit Video, per Whatsapp. Meine Mutter wohnt in Syrien, und meine Schwestern. Ich hab drei Schwestern in Syrien, und einen Bruder auch noch.“ Die Lage ist sehr schwierig. „Es gibt keinen Strom, kein Wasser. Auch wenn es mal keine Bomben gibt, ist die Situation zu schlimm. Es gibt keine Schule mehr, alles ist teuer: Gas, Öl. Und die Lebensmittel sind teuer, man kann nicht einfach was kaufen. Die Leute sind arm, alle in der Familie müssen arbeiten. Die Situation ist zu schlimm.“ Sie spricht ruhig, gefasst. Ich frage sie, was sie fühlt, wenn sie an ihre Heimat denkt. „Ich vermisse immer, immer! Ich vermisse meine Mutter. Aber Gott sei Dank gibt es Telefone, gibt es Whatsapp und neue Technologie. Man kann sich jeden Tag informieren. Aber … man kann nichts machen! Ich hoffe, dieser Krieg wird enden, aber ich glaube nicht daran.“ – „Und glaubst du, dass du irgendwann zurück kannst in deine Heimat?“ Sie hält kurz inne. „Ich glaube nicht mehr. Weil die Situation immer schlechter und schlechter wird. Es gibt gar nichts Positives, ALLES ist negativ. Außerdem gehen meine Kinder jetzt hier zur Schule. Vielleicht studieren sie auch hier. Später kann man nicht so einfach zur Heimat zurück. Nur wenn – vielleicht später, wenn Studium alles schon beendet und fertig ist. Meine Kinder könnten jetzt gar nicht in Syrien studieren, sie können gar nicht Arabisch. Verstehen ja, aber sprechen ist nicht so einfach. Meine große Tochter hat nur zwei Jahre die Schule besucht und die andere nur ein Jahr.“ Die Familie spricht Kurdisch miteinander, „Arabisch ist nicht die Muttersprache.“
Ich frage, wo sie sich sieht, wenn sie an die Zukunft denkt, in Deutschland oder Syrien. „Man kann es nicht sagen. Alle Situationen können sich ändern. Man kann es nicht wissen. Vielleicht kommt auch hier in Deutschland ein Krieg. Früher, so vor zwanzig Jahren, als Krieg im Irak war, sind viele Flüchtlinge nach Syrien gekommen. Ich habe NIE gedacht, später wir sind die Flüchtlinge. Es ist jetzt so. Ungefähr eine Million irakische Flüchtlinge waren in Syrien. Viele Libanesen, von Palästina auch. Sehr viel früher, beim ersten Weltkrieg auch, viele Flüchtlinge in Syrien. Jetzt wir sind Flüchtlinge.“ Ich schaue X an und sage ihr, dass sie eine große Stärke ausstrahlt und ich es bemerkenswert finde, wie sehr ihr Blick nach vorne geht. „Man muss, ne? Wenn jemand Kinder hat, muss man stark sein und fit sein. Besonders, wenn man ein krankes Kind hat. Das ist nicht so einfach, deswegen man muss immer kämpfen.“
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