X und ich haben uns vor drei Jahren das erste Mal getroffen. Er ist der älteste Bruder meiner Freundin Tina. Als wir uns kennenlernen, sind wir zusammen im Theater: X, Tina, ihre Eltern und ich. X sitzt neben mir, und bevor das Stück anfängt, unterhalten wir uns. Irgendwann holt X eine kleine Digitalkamera aus seiner Jackentasche und schießt ein Foto von dem noch geschlossenen Vorhang. Von seiner Schwester Tina wusste ich, dass er gerne fotografiert. Ich frage ihn, welche Motive er am liebsten mag. Auf dem kleinen Display der Kamera zeigt er mir die Bilder, die er gemacht hat. Was sich bei mir eingeprägt hat: Fotos von Waschbecken, aus verschiedenen Winkeln und Perspektiven. Lange ist mir das nicht aus dem Kopf gegangen und ich habe oft darüber nachgedacht: Was fotografieren Menschen eigentlich, wenn man ihnen eine Kamera in die Hand drückt? Was finden sie festhaltenswert, spannend, schön, interessant? Diese Fragen blieben in meinem Hinterkopf und sind zu einem großen Teil Grund dafür, dass es dieses Projekt gibt. Als ich anfing, an dem Projekt zu arbeiten, war mir klar, dass ich X unbedingt fragen will, ob er teilnehmen möchte. Also sitze ich an einem Sonntag in seinem Elternhaus am Tisch mit ihm, meiner Freundin Tina und den Eltern. Samstags oder sonntags – einen Tag am Wochenende – ist er hier wöchentlich zu Besuch. Wir essen zusammen, plaudern. „So, Nina, jetzt erzähl mal“, sagt er irgendwann zu mir. Seine Eltern und seine Schwester haben ihm bereits von dem Projekt erzählt. Ich erkläre noch ein wenig und frage ihn, ob er mitmachen möchte. Er möchte und ich zeige ihm die Kamera, eine wasserfeste – „x hat auch schon mal eine Kamera mit in die Dusche genommen“, erklärte mir seine Mutter im Vorfeld. X schaut sich die Kamera an, blickt durch den Sucher, macht einen ersten Schnappschuss. Ich bleibe noch eine Weile, wir gehen zusammen spazieren und X macht ein paar Fotos.


Abends fährt sein Vater ihn zurück in die Wohngruppe, in der er lebt. Die Kamera soll im Elternhaus bleiben, beschließen Xs Eltern vorab. Zu schwierig wäre es datenschutzrechtlich, wenn er in der Einrichtung Mitbewohner:innen oder Personal fotografieren würde.
Ein paar Wochen später bin ich also wieder in Xs Elternhaus. Es ist Mittwoch. Mittwochs gehen X, seine Schwester Tina und der Vater eigentlich immer gemeinsam aus, zum Jazz. Seit der Pandemie ist der Jazzabend ins private Wohnzimmer verlagert worden. Während Xs Vater Gin Tonics für uns macht, holt X bereits die Bilder aus der Fototasche.

„Guck mal, das hab ich gemacht, das war hier vorne.“ – „Ist das aus dem Fenster raus?“, frage ich und zeige auf das Wohnzimmerfenster. „Ja, das war hier.“

Das nächste Bild zeigt seine Schwester Tina, die auf der Couch gegenüber sitzt. Zu sehen außerdem: Xs Füße. „Ja, meine Strümpfe. Die hier.“ Er blättert weiter, auf dem nächsten Bild bin ich. „Das bist du auch. Kennst du noch?“ Tina kommt ins Wohnzimmer, sieht die Fotos und ruft freudig: „Oh, es geht los!“ – „Ja, schön, ne?“, fragt X.

Das nächste Bild zeigt X hinter einem Haufen Äste. „Achja, Gartenarbeit, stimmt. Mit meinem Vater hab ich das gemacht. Gartenarbeit.“ Xs Vater kommt ins Wohnzimmer und verteilt die Gläser Gin Tonic, für X ohne Alkohol. „Dankeschön.“ Wir stoßen an. „Gartenarbeit, mit meinem Vater. Weißt du noch, Gartenarbeit?“, fragt er seinen Papa.

Er zeigt mir das nächste Bild. Das Wohnzimmer liegt vor ihm, Licht flutet durchs Fenster hinein. „Das ist meine Mutter, das war hier. Kennst du die noch?“ Ich bejahe: „Voll schön!“ – „Ja, find ich auch schön.“
Schnell sind wir durch den Stapel durch. „So viele Bilder hab ich ja nicht gemacht“, sagt X. Leider wurden nicht alle entwickelt, einige waren zu dunkel. „Was für Bilder soll ich denn noch machen?“, X schaut mich an. „Fragst du dich, wie es jetzt weitergeht?“, fragt Tina ihn. „Ja genau, mein ich doch.“ – „Willst du denn noch mehr Fotos machen?“, frage ich. „Ja, darf ich vielleicht?“ Das Fotografieren mit der Einwegkamera ist ihm nicht leichtgefallen; das Drehen des kleinen Rädchens vorm Schießen der Fotos war zu schwierig, erklärt er mir. Ich merke mir, dass ich nach einer Alternative für ihn suchen möchte, wenn ich zuhause bin, und er wechselt das Thema. Tina war das Wochenende zuvor in Berlin bei einer Freundin. X fragt nach, wie es war, was sie erlebt hat. „Abendessen war toll in Berlin?“ Tina überlegt und erzählt, was sie gegessen hat. „Lecker! Currywurst mit Pommes, okay“, entgegnet X. Schnell wechselt er wieder das Thema. „Manchmal hab ich mal mit der Tina meine Mutter abgeholt, beim Sport.“ – „Das machen wir mittwochs häufig, ne? Dann holen wir die Mama vom Sport ab, ne?“ – „Ja ja, genau so.“
„Bald ist auch wieder Jazz, hab ich gehört?“, frage ich X. „Och ja, genau so“, antwortet er gedankenverloren. „X, hast du gehört, was Nina gesagt hat?“, fragt Tina nach. „Ne, was denn?“ – „Magst du nochmal zuhören?“, fragt sie ihren Bruder. „Bald geht ihr wieder zum Jazz, oder?“, wiederhole ich. „Achso! Nach den Osterferien, genau richtig.“
Wir sprechen über den Urlaub, den sie bald zusammen machen, an einem Ort an der Nordsee, wo sie schon seit Jahren als Familie zusammen hinfahren. „Wenn ich im Urlaub bin, hab ich ja auch ein Zimmer für mich.“ – „Habt ihr alle ein Zimmer für euch?“, frage ich nach. „Ja, richtig. Ne, Tina?“ – „Und was kann man sehen, wenn man aus deinem Zimmer guckt?“, fragt sie ihn. „Genau, in meinem Zimmer guck ich dann immer den Turm an, Turm mit Hut.“ – „Der Turm mit Hut“, Tina lacht. „Das ist so das Wahrzeichen von dem Ort“, erklärt Xs Vater. „Aber nur wir nennen den so“, sagt Tina lachend.
X erzählt gerne von Urlauben, die er mit seiner Familie gemacht hat. Bereits bei unserem letzten Treffen teil er einige Geschichten mit mir. „Ich bin mit meinen Eltern mal mitgewesen in … ja … ähm“, er überlegt. „Griechenland! Ja, Griechenland. Im Griechenland war ich mal.“ – „Und wie war das?“ – „War schön da, im Griechenland. Das Abendessen war auch schön. Es gab manchmal Fleisch, und Nudeln. Manchmal auch Pommes. Da hab ich auch ein Badezimmer gehabt, ganz alleine, Dusche und so was. Im Griechenland, da waren wir mal, ne?“, fragt er herüber zu seinem Papa. „Ja, du gibst mal wieder mächtig an“, lacht sein Vater. „Wir waren in Griechenland. Deinetwegen waren wir ein zweites Mal in Griechenland, vorheriges Jahr.“ – „Da hab ich mal einen komischen Kaffee gehabt, der war komisch.“ – „Ja, der war misslungen“, sagt sein Papa lachend. „Aber sonst war schön, ne?“ – „Ja, war schön.“ Und du fährst auch bald in Urlaub?“, fragt X mich und versucht, mich mit in das Gespräch einzubinden. Ich erzähle ihm von meinen nächsten Urlaubsplänen, bevor wir zum nächsten Thema kommen. „Mein Zimmer hab ich noch hier“, erzählt X mir. Samstags oder sonntags holt sein Papa ihn aus der Einrichtung ab, sie gehen zusammen schwimmen und anschließend Kaffee trinken hier im Elternhaus. Richtig gut schwimmt X, erzählt sein Papa. „Ja, ich“, nickt X stolz. „Du auch?“, fragt er mich.
„Ja, ich habe ja auch eine Liebe, die heißt Heike“, fährt X fort. Auch von Heike habe ich schon viel gehört. „Ihr wohnt auch zusammen, oder?“, frage ich. „Ne ne, aber ja ja. Ich wohne oben. Aber die Heike wohnt unten.“ Ich frage X, wie viele Leute bei ihm in der Wohngruppe wohnen. „Achso, wir sind nur acht, acht Leute.“ – „Und die Heike ist in einer anderen Gruppe, ne?“ – „Richtig, die wohnt unten.“ – „Und du hast mir schon mal erzählt, beim Karneval seid ihr ein Paar geworden, ne?“ – „Ja richtig, genau so.“ – „Ich glaub, da lernen sich viele Leute kennen, beim Karneval“, sage ich lachend. „Stell dir vor, X, ich hab auch mal beim Karneval ne Freundin kennengelernt“, erzählt sein Papa. „Ja, du auch, ja!“ – „Schön, dass wir das jetzt auf Band haben, Papa“, sagt Tina, wir lachen laut.
„Ich hab auch mal eine Liebe gehabt, in der Schule, die Steffi. Die war auch meine Liebe gewesen mal. In Velbert hab ich ja auch mal eine Steffi gehabt. Ja ja. Auch eine Steffi.“ – „Die ersten Freundinnen von X hießen alle Steffi und der hatte da in einem Jahr mindestens drei Steffis“, ergänzt sein Vater. Wir lachen. „Ja ja, ich. Kennst du die?“, fragt er mich. „Die Steffis? Ne, die kenn ich nicht.“ – „Achso, okay.“ – „Und jetzt die Heike?“, frage ich. – „Genau!“ – „Ja, jetzt bist du nicht mehr so flatterhaft, X, jetzt bist du treu, ne?“, neckt sein Papa ihn. „Ja. Freitag ist keine Quarantäne mehr.“ Gerade darf er Heike nicht sehen, da ihre Wohngruppe in Quarantäne ist. „Dieses Mal mit Telefon, haben angerufen.“ – „Ihr habt euch angerufen?“, fragt Tina. „Ja ja, mit Telefonieren. Der geht’s gut, ja.“
„Die war auch schon mal hier gewesen, zu meinem Geburtstag“, erklärt er mir jetzt. Heike kennt alle in der Familie. „Und Pizza essen war gut, ne Tina, weißt du noch?“ – „Ja, ich kann mich auch gut an die Pizza erinnern. Da hast du uns eingeladen, ne?“ – „Ja, richtig. Tina auch.“ – „Ja, X, du verdienst ja auch Geld, da kannst du uns auch einladen“, sagt sein Vater. „Du lädst gerne ein, ne?“, fragt Tina. „Ja ja, ich, genau.“ Morgen kann X endlich wieder arbeiten gehen. Der Pooltest auf seiner Arbeitsstelle war positiv; mehrere Tage konnte er nicht zur Arbeit. „Morgen geh ich dann wieder arbeiten.“ – „Schön“, sagt Tina. – „Genau, find ich auch schön“, nickt X. Vor allem freut er sich darauf, seine Arbeitskolleg:innen wiederzusehen. Was genau er auf der Arbeit macht, frage ich. „Achso, ich? Ja, so Schrauben, 26 Stück. Ne, gar nicht wahr, 27 Stück. Oben festschrauben. Genau, das mach ich. Das ist meine Arbeit. Dreh, dreh, dreh. Das sagt mein Arbeitskollege immer zu mir: Dreh, dreh, dreh. Du kannst gerne mal meine Arbeit anschauen“, bietet er mir an.
Er erzählt von seinem Hochbeet, an dem er heute eine neue Pflanze eingepflanzt hat. „Erde, oben drauf noch Sägespäne.“ Das Beet steht in seinem Zimmer am Fenster. „Ich hab mal eine neue Gießkanne gekauft, mit meinem Vater.“
Er springt zum nächsten Thema und erzählt, dass er mal im Krankenhaus war; er hatte einen Leistenbruch. „Tat das weh?“, frag ich ihn. „Nö. Ja, bisschen schon. Ne, Tina, weißt du noch?“ – „Das weiß ich noch, da warst du ganz tapfer.“ – „Da hat mir die Tina mal Haribo geschenkt.“, erzählt er. Tina strahlt ihren Bruder über beide Ohren an. „Das ist so rührend, dass du dir sowas merkst!“
X greift ein weiteres Thema auf, über das er sehr gerne spricht: das Kind seines Bruders. „Onkel bin ich geworden.“ – „Die kleine Lisa, ne?“, frage ich. „Richtig! So klein. Die wird im Oktober zwei Jahre alt.“ – „Was Geburtstage anbelangt, ist X der Großmeister. Da übertrifft er sogar seine Mutter“, erzählt sein Papa. „Ich kann mir Geburtstage gar nicht merken, aber X merkt sich alle.“ – „Und der Recyclinghof war schön mit dir, da waren wir mal gewesen.“ – „Dem Fluge deiner Gedanken zu folgen, ist schwer“, sagt sein Papa lachend. Er ist wieder bei einem der Bilder, auf dem er seinem Papa im Garten hilft. Der Vater schneidet Äste vom Haselnussstrauch, X macht sie klein und packt sie in einen Sack, anschließend bringen sie die Äste zum Recyclinghof.
Wir hören etwas im Flur, Xs Mutter kommt nach Hause. „Kennst du meine Mutter noch?“ Er begrüßt seine Mama. „Ich wollte auch noch was sagen: Morgen darf ich wieder arbeiten, endlich!“, er lacht. Fünf Tage musste er auf das Ergebnis seines PCR-Test warten, erzählt mir seine Mutter. „Ich find das inakzeptabel, dass das so lange dauert. Also das wäre keinem von uns passiert, um es mal positiv auszudrücken“, fügt sie hinzu. Als sie sich kurz ins Bad verabschiedet, dreht X sich wieder zu seiner Schwester und strahlt sie an. „Tina ist endlich wieder da. Herzlich Willkommen wieder hier in Deutschland.“ – „Dankeschön. Aber ich war wirklich nur ein Wochenende in Berlin“, sie lacht. „Aber ich hab immer an dich gedacht“, sagt er. „Haste?“ – „Joa.“ – „Da freu ich mich.“ – „Du Tante Tina.“ – „Du Onkel X.“ – „Dankeschön. Ja, bin ich, ja.“ – „Stolzer Onkel!“ Beide grinsen sich gegenseitig an. „Zu Weihnachten hat die Lisa ein Schaukelpferd gekriegt – ne, Tina? Weißt du noch?“ Jetzt erzählt X von den Weihnachtsgeschenken, die er bekommen hat. „Von Tina hab ich ja einen Kinogutschein bekommen.“ Letztens waren die beiden im Kino. Auch Eis essen waren sie danach. „Ne Tina? Weißt du noch?“ – „Ich weiß das noch genau. Weißt du noch, was für Eis?“ – „Achja, ja! Ja, weiß ich noch. Spaghetti-Eis. War gut, ja. Lecker. Und du“, er dreht sich zu mir und bindet mich wie immer in das Gespräch ein, „hast du auch mal ein Eis gegessen?“
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