Thorsten

Ich treffe Thorsten das erste Mal im Tagesaufenthalt: ein großer Raum, links eine lange Fensterfront, vorne auf einem Tisch stehen ein Kaffeespender und Tassen. In ordentlichen Reihen stehen Stühle mit jeweils einem Tisch davor. Nicht alle Plätze sind belegt. Ich erzähle den Anwesenden von dem Projekt. Einige Menschen hören mir zu, ein paar sind mit anderen Dingen beschäftigt, unterhalten sich oder dösen. Thorsten blickt zu mir rüber und nickt. Ich gehe zu ihm und frage, ob er Interesse hat, teilzunehmen. Er lächelt und sagt, er fände es interessant, mitzumachen.

Einige Wochen später bin ich mit ihm zum Interview verabredet, treffe ihn wieder hier. Wie immer trägt er seine Sonnenbrille mit dunklen, runden Gläsern – er leidet an einer Lichtempfindlichkeit, wie er mir später erzählt, und nimmt sie aus diesem Grund – und nicht aus mangelnder Höflichkeit – nicht ab. Als er von seinem Laptop, der vor ihm steht, hochschaut, frage ich ihn, ob wir für unser Gespräch in ein nahegelegenes Café gehen sollen. Er nickt, dreht sich zu dem jungen Mann hinter sich um und fragt ihn, ob er so lange auf seine Sachen aufpassen kann.

Bereits während wir zu dem Café laufen, erzählt Thorsten schnell und viel: Wer er ist, was in den letzten Jahren passiert ist, was zu der Situation geführt hat, in der er sich jetzt befindet. Nachdem ich uns zwei Kaffee bestellt und mich wieder zu ihm in die Sonne gesetzt habe, hole ich mein Tonbandgerät heraus und frage ihn, ob er nochmal kurz zusammenfassen kann, was er mir gerade erzählt hat. „Nur ganz kurz zu meinem beruflichen Werdegang: Ich hab alles gemacht – so vieles schon gemacht, dass es kaum irgendwie hintereinander zu kriegen ist. Ich bin also gelernter Börsenmakler, Investmentbanker, ich hab acht Jahre in England gearbeitet. Ich bin dann nach Deutschland zurückgekommen, hab hier unter anderem dann als Dozent gearbeitet, in der Erwachsenenbildung, und zwar Germanistik. Kann man durchaus für mich auch als persönliches Anliegen bezeichnen. Dazu kam dann, dass ich nen Pflegedienst aufgebaut hab, der noch existiert hier in Essen, ein Palliativpflegedienst, hat mir auch sehr am Herzen gelegen, mit über 50 Mitarbeitern. Der wird von meiner Exfrau weiterbetrieben. Zu der aber kein Kontakt besteht. Meine Tochter hat sich damals nach der Scheidung entschlossen, sich auf die Seite meiner Frau zu schlagen – nehm ich ihr nicht übel – aber der Kontakt ist leider abgebrochen.“ Auch von seinen Eltern erzählt er, die er und seine damalige Frau zu sich holten und zuhause pflegten, da beide schwer krank waren: Parkinson und Alzheimer. Beide versterben vor seiner Trennung.  „Das war eigentlich ne erfahrungsreiche Zeit, aber relativ schlimm.“ Nach der Scheidung geht er nach Österreich zu einer Bekannten. Sie kennen sich über die Arbeit in einer Werbeagentur, sie ist im Kunsthandwerk tätig. „Das hat sich dann nach einiger Zeit – nach fast drei Jahren – hat sich das privat erledigt. Wir haben auch das, was wir gemeinsam beruflich machen wollten, abgearbeitet und dann bin ich wieder zurückgekommen und bin in der Eifel gelandet. Man muss dazu wissen, mich gibt’s nicht alleine, ich hab noch nen Hund.“ – „Wo ist der denn gerade?“, frage ich überrascht. „Ja, der ist in der Eifel“, er lacht. „Der lebt dort im Paradies.“ Er holt sein Handy raus und zeigt mir sein Hintergrundbild: Ein Hund auf einer riesigen Wiese, mitten in der Natur, vor einem Wald. „Der wird jetzt zwölf Jahre. Hat mich ein bisschen Überwindung gekostet, zu sagen, er bleibt da, aber der lebt da im Paradies. Und da meine Exlebensgefährtin sich auch wirklich total rührend um ihn kümmert, ist es mir einfach wichtiger, ihn da zu lassen, als ihn jetzt hier noch durch die schwierige Situation irgendwie mit durchzuziehen, das hätte ich nicht übers Herz gebracht.“ Auch während Thorstens Zeit in Österreich war sein Hund mit dabei. „Der ist wie gesagt 24/7 von Geburt an bei mir gewesen. Deswegen war das dann klar, dass ich irgendwo nach suchen würde, wo es ein bisschen landschaftlich anders ist und bin in der Eifel gelandet. Und dann einfach durch einen dummen, dummen, dummen – durch ein Meldeversäumnis – das kann man sich eigentlich kaum vorstellen“, kopfschüttelnd lacht er leise. „Weil jetzt das Private nicht mehr funktioniert hat, hab ich gesagt: ‚Komm, ich bleib jetzt erstmal hier noch in Essen.‘ Und hab dann hier versucht, meine Sachen zu regeln und stellte dann fest, dass die Meldeadresse nicht mehr vorhanden war. Ich hab mich natürlich auch nicht wirklich großartig drum gekümmert, weil’s für mich nicht vorrangig war.“ Während seiner Zeit in Österreich hatte Thorsten hier in Essen immer noch eine Wohnung, war hier gemeldet. In Österreich allerdings hatte er sich nicht angemeldet, seine österreichische Adresse war den deutschen Behörden somit nicht bekannt. Während seiner Abwesenheit wechselt der Eigentümer des Mietshauses und somit sein Vermieter. „Der Vermieter, der das Haus, in dem ich wohnte, gekauft hat, wollte das nutzen für Leiharbeiter, der hat ne Leiharbeiterfirma. Und wollte natürlich dann gerne alle Leute da raushaben. Und das hat der dann natürlich zum Anlass genommen, ganz kurzfristig, ohne mich dann weiter zu suchen – weil ich auch nicht auffindbar war in Österreich – dann die ganze Wohnung zu räumen. Ich hab Bücher gehabt, ich hatte 1.500 Bücher, teilweise Unikate aus dem 17. Jahrhundert. Es ist alles verlorengegangen! Weil ich nicht auffindbar war. Ich war ja in Österreich und hab vergessen, mich umzumelden. Ich bin einfach nicht auffindbar gewesen, und das ist der Punkt. Ich hab meine Miete bezahlt, ich hab meine Stromrechnungen bezahlt, ich hab alles bezahlt und hab gedacht, ich komm wieder zurück. Aber als es dann so weit war, stand ich auf einmal dann vor verschlossener Tür. Und das ist natürlich Dummheit. Das ist einfach Nachlässigkeit gewesen. Ich hab das einfach nicht als so wahnsinnig wichtig empfunden.“ Als er irgendwann später nochmal ins Haus kommt, findet er im Keller noch ein paar Bücher. „Das wertvollste Buch habe ich da gefunden.“ Alles andere ist weg. Die wichtigsten, persönlichen Dinge hatte er glücklicherweise in Österreich bei sich. Generell gibt es jedoch wenig materielle Gegenstände, an denen Thorsten hängt. Was ihm viel mehr bedeutet, sind Erinnerungen. „Das Verhältnis zu meinen Eltern war ausgesprochen gut, ausgesprochen eng. Meine Eltern, Baujahr 30, Baujahr 32 – würde man normalerweise nicht annehmen wollen, dass dort die eigene Erziehung so liberal war, dass sie das auch noch an ihre Kinder weitergeben, aber das Verhältnis zu meinen Eltern war liebevoll! Es gibt also, was das angeht, für mich viel an Erinnerungen, von denen ich auch heute noch zehre. Weil meine Eltern waren Einzelkinder, ich bin Einzelkind, das heißt, ich hab keine Familie mehr. Und da der Kontakt zu meinem eigenen Kind abgebrochen ist, ist das – kann man durchaus so sagen – bin ich alleine. Und da zehre ich natürlich schon ein bisschen von den Erinnerungen. Damit hab ich aber ne Basis, die andere nicht haben, weil ich einfach in einer unglaublich weltoffenen, liberalen – linksliberalen – Familie großgeworden bin.“ Sein Vater war Stadtdirektor der Stadt Dortmund und als solcher Leiter des Sozialamts, seine Mutter Vorständin einer Genossenschaftsbank. „Ich bin also auch in relativ vermögenden Verhältnissen aufgewachsen.“ Sie leben in einem Vorort von Dortmund, er geht in der Dortmunder Nordstadt zur Schule.

Er erzählt weiter davon, wie es war, als er vor seiner ehemaligen Wohnung vor verschlossener Tür stand. „Dann muss man erstmal zugeben, dass man damit klarkommt. Dann hab ich das gemacht, was völlig falsch ist, nämlich erstmal überhaupt nicht zu begreifen, dass ja tatsächlich mit dem Verlust der Wohnung und dem Verlust der Meldeadresse der Zustand der Obdachlosigkeit einhergeht. Das hab ich überhaupt nicht realisiert. Musst ich realisieren – ich hab dann, wie gesagt, das Falsche gemacht, ich hab mich nämlich bei einem Freund hier in Essen, mehr oder minder, dann zurückgezogen. Hab dort, wenn man so will, im Gästezimmer erstmal auf der Couch gelegen, hab da ein paar Wochen ins Land ziehen lassen, weil ich nicht einsehen wollte, dass ich an diesem Zustand etwas ändern musste. Weil der Zustand – ich hab mich da son bisschen in der Opferrolle gesehen: ‚Du bist da selber nicht dran schuld!‘ Die Schwierigkeiten waren ja automatisch dann da, es kam ja dann alles zusammen. Es kam dann dazu, dass ich keine finanziellen Rücklagen mehr hatte; von daher, was meine eigene Versorgung anging, schon sehr, sehr, sehr eng war. Und natürlich dann auch, keine Perspektiven zu haben, wie kann ich jetzt wo weiter wohnen, weiter leben. Und da hab ich dann diese Zeit vertan, sinnlos vertan. Ich hab natürlich dann irgendwann, weil es so gar nicht mehr anders ging, hab ich mich dann schlau gemacht: Wo bekommst du ne Meldeadresse her? Und bin dann hier auf die Lindenallee gestoßen, bei der Diakonie. Und das war mir auch erstmal – das war natürlich erstmal so…“, er stößt Luft aus, „ja, das möchte man nicht gerne, ne? Das ist also etwas, wo man sich gegen wehrt. Zumal ja auch meine Kontakte über meine Exlebenspartnerin zur Caritas und zur Diakonie…“ – „Also war das dann Scham oder was war das Gefühl?“, frage ich nach. „Das war – in aller erster Linie war das Abneigung gegenüber diesem … sich auf diesen sozialen Bodensatz, wie ich gesagt habe, zurückwerfen zu lassen. Also auch der Umgang mit den Leuten, die da in der Lindenallee waren, die das gleich Schicksal hatten wie ich auch. Und ich hab mir dann gesagt: ‚Meine Fresse nochmal, du bist jetzt nicht der Allerjüngste, versuch einfach, diese Situation – wie du’s immer getan hast – einfach anzunehmen.“

Thorsten erzählt mir von anderen Momenten in seinem Leben, von Rückschlägen, Einschnitten. Von der Polizei, die ihn kurz vor seiner Hochzeit aufsucht und ihm einen Strafbefehl zustellt – „aus der Zeit meiner Tätigkeit als Investmentbanker: gewerbliche Ausnutzung der Börsenunerfahrenheit Dritter“. Er nahm die Situation gelassen, akzeptierte, dass es so ist, wie es ist. „Ich hab dann gesagt, was kann mich da schlimmstens erwarten? Das war ein Jahr! Nach acht Monaten, zwei Drittel biste wieder raus. Und dann hab ich da im offenen Vollzug wirklich das Landschulheimleben gehabt.“ Er empfindet die Zeit nicht als schlimm; er darf regelmäßig die Vollzugsanstalt verlassen, seine damalige Frau unterstützt ihn, er kann immer noch arbeiten. „Und so war’s eigentlich auch jetzt, dass ich gesagt hab: ‚Du nimmst das einfach so an, wie das ist und hakst das unter ‚Erfahrung, die man machen muss‘ ab.‘ So wie die vielen, weil ich ja nie eine besonders konstante, jeweils langwierige Tätigkeit hatte. Ich hab immer zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder was Neues gesucht. Ich bin also derjenige, der etwas konstruieren kann, aber wenn ein Betrieb läuft, ist das für mich schon nicht mehr interessant. Das Aufbauen finde ich super spannend, alles andere ist hinterher Routine.“

Dieser Punkt, die Akzeptanz seiner Situation, war für ihn ein Wendepunkt: „Ich nehme das an. Also nach vier Wochen, Anfang Dezember, hab ich das angenommen.“ Er wendet sich an die Wohnungslosenhilfe, kümmert sich um eine Meldeadresse, geht in die Notschlafstelle. „Ich hab dann sofort auch zugesehen, dass ich mir in der Notschlafstelle meinen eigenen Bereich geschaffen hab, ich hab mich von Anfang an gut mit den Bediensteten gestellt. Es war also – ohne das jetzt so hochhängen zu wollen – aber ich betrachte das schon als eine gewisse privilegierte Position und Situation, in der ich mich befinde. Hat aber natürlich auch was damit zu tun, dass ich keinerlei Probleme mache. Ich bin also nicht suchtaffin – das heißt, das sind ja so die Dinge, über die man sich Gedanken macht: Welche Art von Obdachlosigkeit gibt es? Und ich glaube nicht, dass sich die Obdachlosigkeit – oder die Qualität der Obdachlosigkeit – dadurch unterscheidet, dass ich sage, ich hab ne Stelle in der Notschlafstelle oder im Hotel, oder ich muss Platte putzen.“ Anstatt in der Unterscheidung, ob man auf der Straße schlafen muss oder in der Notschlafstelle übernachtet, sieht Thorsten den Unterschied darin, was die jeweiligen Gründe für die Wohnungslosigkeit sind. „Wenn der Grund ne Sucht, sei’s Drogensucht, Alkoholsucht oder – was für mich das aller-, allerschlimmste ist – Spielsucht ist, dann wird das auch dazu führen, dass sie in diesem Zustand der Obdachlosigkeit relativ starr verharren müssen, weil eben die Chancen, die Möglichkeiten, da rauszukommen, sich ja unbedingt daran anknüpfen, wie ich meine sozialen Bereiche auch geordnet habe, und das kann mit so einer Sucht natürlich nicht möglich sein.“ Thorsten ist sich sicher: „Die Gründe, die in die Obdachlosigkeit führen, sind auch diejenigen, die dann den Zustand in der Obdachlosigkeit kennzeichnen.“ Seine persönliche Situation sieht er als ganz klar zeitlich begrenzt, ein temporärer Zustand, der auch wieder vorbeigehen wird.

Ich frage ihn, wie es zu Beginn in der Notschlafstelle war. „Okay. Ich hatte sofort jüngere Obdachlose um mich herum, die sich’s nen bisschen so zur Aufgabe gemacht haben, sich so vor mich zu stellen und mir zu zeigen, wo der Hase langläuft. Die haben mich unter ihre Fittiche genommen und ich war dann eben halt der Senior, der ihnen auch dann ein bisschen was geben konnte und da war dann bei denen auch so ein bisschen Stolz zu spüren: ‚Wir sind diejenigen, die sich um den Thorsten kümmern.‘ Das war also ganz nett, das war okay.“ Ich frage, was er schätzt, wie das anteilige Verhältnis ist zwischen Menschen, die in der Notschlafstelle schlafen, und denjenigen, die draußen schlafen. Das wechselt, erzählt er. Manche Menschen kommen eine Zeitlang nicht mehr in die Notschlafstelle; das Problem sei dabei oftmals die Hausordnung. Nicht nachts raus zu können, um eine zu rauchen, nicht trinken zu können oder den Hund nicht mit reinbringen zu können bedeutet für einige Menschen, dass die Notschlafstelle nicht in Frage kommt. Thorsten erzählt mir von einem Mann, von dem er glaubt, dass er unter Schizophrenie leidet. In der Notschlafstelle eckt er oft an, redet viel, ununterbrochen und wirr. Im Moment schläft er im Zelt, kommt ab und zu tagsüber in den Tagesaufenthalt. „Das sind dann so Einzelfälle, wo ich sage, da müsste genau an der Stelle eine Unterstützung her, und die wird nicht geleistet.“

Draußen zu schlafen wäre für Thorsten eine andere Stufe, ein weiterer Schritt, vor dem er Angst hätte. „Definitiv! Das wär für mich etwas, mit dem ich auch nicht klar käme. Ich hab eine Nacht draußen geschlafen, unter der Ruhrbrücke unten in Steele. Es ist nicht möglich. Das kann ich nicht. Es war schlimm. Ich hab nachts sogar noch ne körperliche Auseinandersetzung gehabt mit drei Leuten, die mich beklauen wollten. Da hat einer mit ner Flasche zugeschlagen, hat meinen Zeh gebrochen, der Zehnagel hat sich gelöst, all solche Geschichten. Ich war dann auch nicht mehr in der Lage, zu laufen. Und das war dann mit so der Punkt, wo ich gesagt hab, okay, das geht jetzt genau bis hier und nicht mehr weiter. Hab mich dann mit dem Trolley zur Lindenallee geschleppt.“ Es geht Thorsten schlecht. In der Silvesternacht schickt seine Expartnerin ihm eine Nachricht. Er antwortet und schickt ein Foto aus der Notschlafstelle. Sie reagiert mit einer Audionachricht, weint und ist verzweifelt; sagt, sie hätte nicht gewusst, in welcher Situation er sich befindet; dachte, er hätte nur Geschichten erzählt, übertrieben, um wieder zurück zu ihr zu können. Ihr war nicht bewusst, welche Konsequenzen die Trennung für Thorsten hatte, sagt er jetzt.

Die Feiertage, Weihnachten und Silvester, waren besonders schwer für ihn. Obwohl Thorsten nicht an Gott glaubt, hatte Weihnachten für ihn immer eine emotionale Bedeutung. Er verbindet die Zeit mit Familie, Liebe und Geborgenheit, mag die Traditionen zu den Feiertagen. Diese Tage allein in der Notschlafstelle zu verbringen, bringt ihn emotional und psychisch an seine Grenzen. „Das macht schon was mit einem. Das wär also falsch, zu behaupten, es wäre alles so super locker. Das ist es nicht. Aber ich würd sagen, ich komm klar.“ Wir sprechen über diese Zeit; darüber, wie es ihm ging und was in der Zeit passiert ist. „Dann kam noch ne andere Geschichte dazu, dass derjenige, mit dem ich zuerst den engsten Kontakt hatte, der ist hier – der hatte nen Magendurchbruch hier in der Rottstraße und der ist hier auch verstorben. In dem Aufenthaltsraum, in dem du gerade standest.“ Thorsten war nicht dabei; er hatte an dem Tag einen Termin in der Lindenallee. „Als ich kam, wurde er gerade rausgefahren, da war er tot.“ Er erzählt mir mehr von dem Verstorbenen. „Er war auch einer der Älteren – also, was heißt Älteren? Er war so Mitte 50. Und ist aufgrund eines Fehltritts bei seinem Arbeitgeber arbeitslos geworden, hat die Situation versucht, auszusitzen und ist dann natürlich obdachlos geworden. Ich kann ihn deswegen so gut verstehen, weil er auch selbst ne Frau hat, zwei Kinder und deswegen – so wie ich wahrscheinlich auch – nen gewissen sozialen Stand gewöhnt war, aber eben nicht damit so klargekommen ist, zu akzeptieren, dass das nicht mehr da ist. Also hat er versucht, das eben halt durch irgendne Projektion zu kompensieren, und das kann nicht gelingen – das kann gerade hier nicht gelingen! Denn wenn du ganz existenziell gefordert bist, dann bist du nicht in der Lage, noch das, was du dir zusammengelogen hast an irgendeinem Traumgebilde, noch aufrecht zu erhalten, weil du diese Energie mental und intellektuell gar nicht leisten kannst. Das funktioniert einfach nicht.“

Seit Januar übernachtet Thorsten nicht mehr in der Notschlafstelle, sondern in einem Hotelzimmer, das die Stadt Essen angemietet hat, um während der Pandemie etwas gegen die überfüllten Sammelschlafstellen zu unternehmen. Das Zimmer teilt er sich mit Michael, dem jungen Mann, der gerade auf seine Sachen aufpasst, während Thorsten mit mir spricht. Michael ist mittlerweile Thorstens engster sozialer Kontakt. Die beiden möchten zusammenziehen. „Ganz einfach, weil man mit zwei Grundsicherungen einen etwas größeren Spielraum hat, man hat mehr Möglichkeiten. Und wir verstehen uns einfach super. Haben so in etwa die gleichen Interessen.“ Die beiden funktionieren gut zusammen, suchen jetzt schon eine Weile nach einer Wohnung. Falls sie nichts finden, überlegt er, noch einmal in die Eifel zu gehen, noch einmal in das Haus seiner Expartnerin miteinzuziehen. Nicht als Paar, aber gemeinsam. Ob er das wirklich möchte und ob er das kann, darüber ist er sich jedoch nicht sicher. „Da ist natürlich auch ein bisschen Misstrauen da, weil Ute hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, als ich hier in Essen gewesen bin. Und da ist da also von daher bei mir auch die Sorge, wenn das jetzt nochmal passiert…“ Das Verhältnis zwischen den beiden hat sich wieder verbessert, sein Vertrauen ist jedoch nachhaltig erschüttert. „Ich glaube nicht, dass ich das nochmal mit so viel Gelassenheit und Ruhe angehen könnte, wie zu der Zeit, als ich aus Österreich zurückkam. Wenn einmal die Tür zugeschlagen ist – oder zugeschlagen wurde – dann hat man so im Hinterkopf, dass die Gefahr immer noch besteht. Und ich möchte – das sag ich jetzt auch – es ist dann das erste Mal, dass ich mich dann vielleicht doch ein bisschen älter fühle. Dann denk ich, ist man mit 61 Jahren ganz gut beraten, wenn man eben nicht darauf achtet, was kann jetzt passieren, was muss man verhindern – sondern sorgenfrei lebt. Und da schließ ich die Dinge, die das von vorneherein einschränken könnten, einfach aus. Und dazu gehört, dass ich mich da auf ne Beziehung einließe, von der ich nicht wüsste, wie stabil die ist.“ Er sehnt sich mehr nach Sicherheit und Ruhe, als er es von sich aus der Vergangenheit kennt. „Ich möchte da nicht mehr allzu häufig – ich weiß also, mit Michael, das ist ja jetzt keine Lebenspartnerschaft. Das wird sich dann irgendwann, wenn wir da Fuß gefasst haben und jeder seine Vorteile daraus gezogen hat, dann wird das sicher irgendwann – unabhängig von der Freundschaft, die sich entwickelt hat – sich einfach mal auflösen, vom Status her, und das wird das letzte Mal dann sein, dass ich mich nochmal räumlich verändere.“ Er wünscht sich eine sichere Basis, zu der er immer zurückkehren kann und die nicht an eine Beziehung zu einer anderen Person geknüpft ist.

Die Wohnungssuche ist schwierig, die Resonanz sehr negativ. Ihre Meldeadresse in der Lindenallee, der Wohnungslosenhilfe, „verrät“ die beiden Wohnungssuchenden als obdachlos. Thorsten geht jedoch offen damit um, setzt potenzielle Vermieter:innen direkt zu Anfang über seine Situation in Kenntnis. „Ich sag das deshalb mit, weil ich glaube, dass ich da ganz persönlich nichts zu verbergen hab. Das sind natürlich die Ressentiments, auf die man stößt, die auch mit Unwissenheit zu tun haben. Also ich glaube jetzt nicht, wenn wir uns gegenübersitzen, dass du mir jetzt sagen würdest: ‚Ich geb dir jetzt keine Wohnung, weil du aus der Lindenallee kommst und obdachlos bist.‘ Erstmal glaub ich, geb ich das optisch oder auch von der Attitüde her auch so gar nicht her. Und auf der anderen Seite ist es aber auch für mich so, dass ich mich son bisschen solidarisch fühle gegenüber denjenigen, die ja da unten auch sitzen und wirklich jetzt meine Bekannten sind. Das ist mein soziales Umfeld. Und das kann ich nur, wenn ich das akzeptiere, dass wir alle im gleichen Umfeld sind, dann kann ich das auch nach außen so transportieren, MÖCHTE ich auch. Ich sag auch ganz klar – ich unterhalt mich da auch sehr offensiv mit anderen drüber, wenn’s möglich ist, und das ist bei der Wohnungssuche genauso.“ Die Reaktionen sind direkt, wenig subtil. Manchmal wird einfach der Hörer aufgelegt. Selbst, wenn Vermieter:innen oder Makler:innen nach Mieter:innen suchen, die in der Grundsicherung sind – die Miete kommt regelmäßig und pünktlich vom Amt – „selbst da wird noch der Unterschied gemacht, selbst da ist es noch so, dass gesagt wird: ‚Nein, bitte keinen aus der Lindenallee!‘“ Thorsten fährt fort und berichtet, dass er auch immer wieder sieht, dass Menschen, selbst wenn sie eine Wohnung gefunden haben, oft kurze Zeit später wieder wohnungslos sind. „Es ist an der Schnittstelle von der Obdachlosigkeit, auch dann mit den eigenen Problemen, die in die Obdachlosigkeit geführt haben, fertigzuwerden und die zu bewältigen – da fehlt es einfach an Unterstützung. Das heißt, es gibt wohl die Unterstützung, diesen Zustand zu verwalten – die Obdachlosigkeit als solche zu verwalten und diesen Zustand dann irgendwo in einem Minimalaufwand zu ‚befrieden‘. Es ist überhaupt gar keine Unterstützung da, an der Stelle, wenn jemand sagt: ‚Ich bin zum Beispiel psychisch belastet, ich bin suchtbelastet.‘ Da wird NUR dieser Zustand verwaltet. Es wird keine Hilfe im Aufbau geleistet.“ Ich frage ihn, wie es bei ihm persönlich war, ob ihm konkrete Fragen dazu gestellt wurden, wie er in die Situation geraten ist, was er benötigt, wie man ihn unterstützen kann. „Überhaupt nie, nie, nie, nie! Überhaupt nicht. Genau das gibt es eben nicht. Und natürlich, da kannst du auch niemand nen Vorwurf machen, die Sozialarbeiter, die Leute, die in der Lindenallee sitzen, mit denen hat man natürlich dann über nen gewissen Austausch auch mal nen lockeren Kontakt, da gibt’s dann auch welche, mit denen duzt man sich, freut man sich dann auch, wenn die dann mal unten aushilfsweise aufschlagen und man mit denen mal ein Pläuschen machen kann. Aber das hat nichts mit irgendwelcher Hilfe zur Situation zu tun. Die bleibt völlig aus. Die ist auch gar nicht im Angebot. Das glauben die zwar, die meinen zwar, dass die diese Hilfe leisten, aber das findet nicht statt.“

Wir sprechen darüber, wie mit einem umgegangen wird, wenn man wohnungslos ist. „Erstmal bekommt man ja die Erfahrung mit, so von der Wahrnehmung, wie man von anderen auch wahrgenommen wird, wie man sich das teilweise einbildet. Also ich hatte das Problem, dass ich am Anfang son karierten Trolley hinter mir hergezogen hab. Und da ich so drei, vier Mal die Tage hintereinander hier die Kettwiger rauf und runter gegangen bin, hatte ich auf einmal den Eindruck, als ob sich Leute schon irgendwie bei mir optisch da son gewissen Erinnerungspunkt geschaffen hätten, sodass man also dann genau schon irgendwie nen bisschen in diese Ecke gedrückt wird.“ – „Was hat das mit dir gemacht?“ – „Dass ich den Trolley weggeben habe und die Dinge, die auffälliger waren, und ich versucht habe, mich in einem anderen Bereich öfter aufzuhalten und eben meine Wege so anzulegen, dass diese Wahrnehmung ‚Ich als Obdachloser‘ nicht möglich ist. Denn man darf nicht vergessen, ich bin ja Unternehmer hier gewesen. Ich war Mitvorsitzender im Bundesverband der Pflegedienstleister und ja … es ist schon – wenn man also diese Vergangenheit hat, dann will man schon, einfach aus Scham, will man das verhindern.“ – „Weil das einfach nicht so mit dem Bild zusammengeht, das du auch von dir hast?“, frage ich nach. „Ich glaube, ich hab eigentlich gar kein Bild von mir. Ich glaub, es ist viel eher so, ich bin schon sehr drauf angewiesen, auch in der Wahrnehmung anderer, vielleicht so ein Bild hervorzurufen, das ich mir günstigstenfalls vorstelle. Aber da folge ich keinen festen Bildern. Sondern da ist einfach das, was ich nicht möchte: Obdachlosigkeit, untere soziale Gesellschaft. Ich bin zwar wirklich links, auch wirklich linksradikal, und wenn man das so sieht, dann passt etwas nicht dazu: nämlich dass ich zu dem Zeitpunkt, als ich mit meiner Frau den Pflegedienst hatte, wirklich vermögend war. Also ich hatte mal nen siebenstelligen Betrag auf dem Konto. Ich hatte nen Mercedes, nen Oldtimer, nen Ferienhaus im Emsland, zwei Häuser hier in Frillendorf – ein perfektes Leben! Ne Frau, Hunde, Tochter, Pferde – meine Tochter hatte Pferde – also alles im Grunde genommen eigentlich perfekt und ist dann aber durch die Trennung damals – da hab ich gesagt, ich will das nicht mehr, ich verzichte auf alles. Da hatte ich wirklich – das entspricht meinem Naturell – die Schnauze voll. Und dann mach ich nen Cut und dreh mich um. Und deswegen, wenn man das sieht und dem vergleichsweise gegenüberstellt, dann wird natürlich klar, dass dieses Leben etwas ist, was ich auf gar keinen Fall akzeptieren kann. Und dann sucht man ein bisschen nach Distanz, man versucht sich schon ein bisschen abzuheben. Obwohl ich auf der anderen Seite, wie ich’s dir sagte – und das ist mir sehr wichtig – mich auch als einer von denen sehe, aber eben anders. Dieses Andere ist das, was ich mir bewahrt habe, um meine Identität jetzt nicht völlig zu zerbröseln – besteht auch gar keine Notwendigkeit zu.“ Seine Identität selbst zu wählen und selbst zu bestimmten, was Teil davon ist und was nicht, ist Thorsten sehr wichtig. „Das hilft enorm, wenn man dann einfach schon ne eigene Identität hat, die man eben sich selbst bewahren kann, dann denke ich, dann hat man die notwendige Voraussetzung, um das auch zu ändern. Dass das jetzt so lange dauert, das ist etwas, das hat mit der Wohnungssituation zu tun. Das ist hier alles – das ist ein situatives Erfahrungsmoment. Das hat nichts mit dem zu tun, wie ich mich sehe, was ich mache. Sondern das ist einfach etwas, das einen äußeren Zustand widerspiegelt, aber nicht mehr und nicht weniger. Das lass ich gar nicht an mich ran. Und zwar nicht deshalb, weil ich das nicht möchte, sondern einfach weil’s nicht wichtig genug ist. Der Bezug ist alleine nur die Situation, nichts anderes. Das hat mich nicht verändert.“ Er ergänzt: „Ich hab vorhin diesen Begriff gewählt: Landschulheim. Das hat ein bisschen was davon. Ernster darf ich’s nicht nehmen, dann wird’s vielleicht wirklich problematisch“, sagt er lachend.

Wir haben bereits lange geredet, die zwei Tassen Kaffee vor uns sind schon längst nicht mehr halb voll. Die Fotos, die Thorsten geschossen hat, sind noch immer in meinem Rucksack. Während ich sie jetzt heraushole, sagt Thorsten: „Ich hab mich ganz bewusst darauf konzentriert, nicht die Innenstadt zu nehmen, sondern das Ganze ist ein Weg, den ich gemacht habe, ein paar Mal, weil ich nämlich sehen wollte, wie hinter der Grünen Mitte die künstlich angelegten Seen sind, was da fürn Naherholungsgebiet in Essen geschaffen wurde. Und bin genau diesen Weg gegangen und hab dann auf einmal gesehen, dass da teilweise Lagerstätten von Obdachlosen waren. Aber die hab ich nicht fotografieren wollen, weil ich nicht da in die Intimsphäre eindringen möchte. Ich hab dann nur diesen Weg beschrieben, mehr oder weniger dann mit den entsprechenden Industriebrachen, was man da sehen kann.“

Das erste Bild zeigt den Radweg in Richtung Niederfeldsee. Thorsten erzählt, dass es einer der ersten schönen Tage war. Er und sein Zimmernachbar Michael wollten sich am See eine Stelle suchen, wo sie sich hinlegen können, um ein wenig zu schlafen. „Weil eins ist das größte Problem: Du kannst nicht ausschlafen. Man muss morgens zu einem bestimmten Zeitpunkt, sowohl aus dem Hotel als auch aus der Notschlafstelle raus.“ Tagsüber dürfen sie sich nicht in dem Hotelzimmer aufhalten, um acht Uhr müssen sie raus sein. „Es ist einfach wirklich blinde Idiotie. Es hat ein bisschen was damit zu tun, dass der Status der Obdachlosigkeit nur dadurch aufrechterhalten werden kann, indem es eine Lücke gibt, nämlich die Lücke, morgens da raus zu müssen und dann aber auch erst zu einem bestimmten Zeitpunkt, wenn hier geöffnet wird, wieder reinzukommen. Wenn das nahtlos ineinander überginge, dann wäre es ja keine Obdachlosigkeit. Weil ich ja tagsüber nen Dach übern Kopf habe und nachts nen Dach übern Kopf hab.“ So müssen sie jeden Morgen pünktlich raus – egal, wie kurz oder schlecht die Nacht war – und eine Stunde warten, bei Regen, Kälte oder Schnee, bevor sie in den Tagesaufenthalt können. Auch abends gilt es eine Stunde zu überbrücken, nachdem der Tagesaufenthalt zumacht und bevor sie ins Hotel können. „Es zeigt eigentlich genau die Wertigkeit, die man dann so als Obdachloser gegenüber der städtischen Administration hat.“

Wir wenden uns wieder den Fotos und Thorstens Spaziergang zu. Er erzählt mir, dass er dabei an Orte gegangen ist, die er noch nicht oder noch nicht gut kannte. Er wollte diese Orte neu sehen, auch durch seine neue Perspektive der Wohnungslosigkeit. „Und da ist mir dann auf diesem Weg klargeworden, dass ich angefangen habe, viele Dinge anders zu sehen. Es ist tatsächlich so, wenn ich über die Straße gehe, ich weiß und ich seh es jetzt mittlerweile, wer obdachlos ist und wer nicht. Mein Blick ist ein völlig anderer geworden. Das ist ne Erfahrung, die ich vorher wahrscheinlich niemals wahrgenommen hätte, wenn ich nicht in diese Situation geraten wäre. Und das ist schon etwas – ich würd jetzt nicht sagen, dafür bin ich dankbar, aber das ist interessant, die Erfahrung zu machen. Jedenfalls nicht abzulehnen, dass man die Erfahrung jetzt macht.“

Auch bei seinem Fotospaziergang sieht Thorsten nicht mehr nur das Offensichtliche, die Stadt Essen, die er kennt, sondern seine Perspektive hat sich erweitert und er nimmt Dinge war, die er früher übersehen hätte. „Ich persönlich empfinde eigentlich, dass ich selber viele Dinge sehr oberflächlich wahrgenommen habe. Ich werd die jetzt nicht intensiver wahrnehmen, aber ich nehme sie wahr. Ich nehm sie überhaupt erstmal wahr.“ Er erzählt mir davon, dass er mit dem 9-Euro-Ticket öfters einen Freund in Hamm besucht, den er noch aus seiner Zeit in London kennt. „Soziale Teilhabe ist ohne Mobilität nicht möglich. Ich seh das also gerade jetzt auch in den Zügen – ich hab mich nie über die Überfüllung geärgert, ganz im Gegenteil, ich hab mich da eher fast drüber gefreut, weil die Leute auf einmal rauskommen. Man sieht diese Massen von Menschen, die auf einmal in Bewegung geraten, nur weil sie die Möglichkeit dazu haben. Und das ist ja etwas, was eine Gesellschaft ja dann auch ausmacht, dass es eben halt nicht dieses trennende Moment gibt – wer kann das, wer kann das nicht? – sondern, dass es diese Gemeinsamkeit gibt: Wir können alle das Gleiche. Und wenn ich das sehe, weiß ich auch, dass ich bestimmte Dinge vorher anders wahrgenommen habe, als ich sie jetzt wahrnehme.“ Früher ist er in seinem Mercedes in sein Ferienhaus gefahren, erzählt er, viele andere Lebensrealitäten waren ihm dabei gar nicht bewusst. „Auf einer solchen Ebene kriegst du doch nicht mit, ob es Menschen gibt, die einfach noch nicht mal in der Lage sind, Verwandte regelmäßig zu besuchen, weil sie nicht die Möglichkeiten haben. Da ist die Wahrnehmung, von der ich glaube, dass sie sich bei mir verändert hat.“ Ich frage ihn, welche Gefühle er empfindet, wenn ihm diese Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Lebenswelten, von sozialen Ungleichheiten bewusst wird. „Wut. Das ist Wut. Das ist genau die Wut, die ich hatte, als ich jung war.“ Die Wut sieht er zwar als eine Motivation, Dinge zu verändern, gleichzeitig fühlt er sich aber auch ohnmächtig. „Das Bewusstsein einer Ohnmacht. Und das ist einfach frustrierend.“ Er versteht nicht, warum es nicht mehr Solidarität in der Gesellschaft gibt, mehr Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten.

Das nächste Foto zeigt ein ehemaliges Autohaus. In einer Ecke des leerstehenden Gebäudes haben sich einige wohnungslose Menschen eingerichtet. In dem Autohaus war er schon mal, damals, als es noch in Betrieb war. Wir sprechen über die Ästhetik des verlassenen Gebäudes. „Industriebrachen haben mich schon immer interessiert“, sagt Thorsten. Er erzählt von Industrieflächen in Dortmund, der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Ich frage ihn, ob er irgendwann darüber nachgedacht hat, nochmal nach Dortmund zurückzugehen. „Nein. Nein. Meine Eltern sind beide an einem Tag gestorben.“ – „Am selben Tag?“ – „Nein, nein, nicht am selben Tag, am gleichen Tag. Und zwar mit zwei Jahren Unterschied. Am 07.12.. Und mit dem Tod des letzten Freundes meiner Eltern hat Dortmund-Mengede für mich seinen Reiz verloren. Dortmund als solches hatte für mich nie irgendeinen Reiz. Da wohnte ich halt, weil’s die naheliegendste Option war, mehr war das nicht. Nicht das Gefühl der heimatlichen Scholle, es war eben einfach so.“ – „Gibt’s denn so einen Ort für dich, sowas wie Heimat?“, frage ich. „Nein. Es gibt nen Ort, wo ich gerne meinen Lebensabend verbringen möchte, den gibt es schon.“ – „Wo ist das?“ – „Das wird Innsbruck sein. Ich werde also meine letzten Jahre in einem Ort verbringen, der Kramsach heißt.“ Ich frage Thorsten, wie er diesen Ort kennengelernt hat. „Durch meine Eltern. Wir sind dort also in früheren Jahren gewesen, als ich ganz klein war. Mein Vater hat mir unfassbar viele Dinge erzählt, wenn wir abends zu unserem Lokal rausgegangen sind. Ich hab das Bergwandern dort gelernt, das extreme Bergwandern auch. Und es gibt dort auch ein paar Gebirgszüge, wo ich mich gerne aufhalte, auch auf der Höhe gerne aufhalte. Ich hab da Paraglidern gelernt. Ich hab dort alles gelernt, was ich eigentlich so beherrsche, weil meine Eltern dort relativ häufig waren. Und das ist für mich auch so sehr zentral.“ Seine Eltern hatten eine kleine Wohnung in Südtirol und eine Ferienwohnung auf Juist. Nachdem sie mit 60 in den Ruhestand gegangen sind, pendelten sie zwischen den beiden Orten hin und her. Während der Zeit treffen die drei sich oft in Innsbruck; insbesondere, als Thorsten noch in London lebt. „Das war schon immer so ein zentraler Punkt, wo meine Eltern und ich uns immer dann auch noch aufgehalten haben, weil wir auch die gemeinsamen Erinnerungen hatten.“ Ich frage ihn, wie und mit wem er sich sieht, wenn er sich diesen Lebensabend vorstellt. „Ich seh mich erstmal schon mal mit Hund, das ist schon mal klar. Menschen…“, er macht eine Pause. „Eher weniger. Also das hab ich hinter mir.“

Ich komme nochmal auf seine Tochter zu sprechen, frage ihn, wie die Situation für ihn emotional ist. Ob er erwartet, dass von ihrer Seite noch etwas kommt, oder ob er das Bedürfnis hat, einen Abschluss zu finden. „Ja … äh … ist schwer.“ Er räuspert sich, fängt leise an zu weinen. Er nimmt die getönte Brille ab und wischt sich die Tränen aus den Augen. „Kann ich jetzt nichts zu sagen“, bringt er mit abbrechender Stimme hervor. „Ja, ich hab meine Tochter jetzt … fast neun Jahre nicht gesprochen.“ Im September wird sie 26.

Zwei, drei Jahre nach der Trennung telefoniert er mit seiner Exfrau. Sie sagt, die gemeinsame Tochter Luisa wolle Thorsten nicht sprechen. „Was habe ich mit dem Mann zu tun?“, soll sie gesagt haben, berichtet die Exfrau. Ob das stimmt, weiß Thorsten nicht. Gelegenheiten zum Kontakt hat er ihr jedoch immer wieder geboten. „Sie will das offensichtlich nicht. Und bei mir ist dann zu einem bestimmten Zeitpunkt, aus Gründen einfach des Selbstschutzes, ist dann einfach diese Erkenntnis erwachsen, dass ich nicht darauf hoffen möchte und nicht darauf hoffen will, dass sich das noch einmal verändert, sondern dass ich für mich ganz persönlich damit abgeschlossen habe. Aber du siehst … emotional schließt man damit nicht ab.“

Vor der Trennung hatten Thorsten und seine Tochter ein gutes Verhältnis. Sie waren zusammen beim Fußball, im Urlaub, haben viel Zeit miteinander verbracht. Thorstens Frau arbeitete viel, steckte ihre Energie in den Pflegedienst. „Sie hat sich viel um Luisa gekümmert, ne wunderbare Mutter, aber die meiste Zeit hab ich mit Luisa verbracht, eigentlich.“ Umso schwerer war es für Thorsten, sie von einen auf den anderen Tag nicht mehr zu sehen. „Die Trennung ist eines Morgens erfolgt, ich bin da einfach ausgezogen, ich hab ein paar Sachen gepackt. Und dann gab’s da noch ein paar Worte.“ Seine Tochter ist zuhause, als Thorsten geht. „Ich kann mir schon vorstellen, dass das für Luisa – sie war ja damals noch nicht so wahnsinnig alt, stand kurz vorm Abitur. Ich wollte eigentlich mich von meiner Frau trennen, wenn Luisa Abitur hat. Und ein wesentlicher Punkt war auch der Tod meiner Eltern, auch das hat die Trennung ermöglicht. Ich hätte meinen Eltern auch diese Trennung nicht mehr zumuten wollen.“ – „Also stand es für dich schon länger fest und du hast eigentlich nur geguckt wann?“, frage ich nach. „Wenn ich dir das jetzt erzähl, wirst du die Hände übern Kopf zusammenschlagen. Ich hab meine Frau auf nem Flug nach Vancouver kennengelernt. Ich bin in London in die Maschine gestiegen und sie wurde in London umgebucht, und weil ihr Flug überbelegt war, wurde sie in die erste Klasse upgegradet. Wir haben da gesessen und Bettina entsprach überhaupt gar nicht meinen optischen Vorstellungen, das war so ne komplett gegenteilige Frau, wie ich das damals sehen wollte – ich war damals relativ oberflächlich. Ich hab mich mit ihr die ganze Nacht unterhalten. In Vancouver haben wir dann ein Wochenende zusammen verbracht. Ein einziges Mal kam es zu einer sexuellen Begegnung und Bettina rief mich dann später an in Deutschland und sagte: ‚Ich will dir da jetzt gar nicht großartig was vormachen, aber ich bin schwanger.‘ Und ich hab dann gesagt: ‚Ja, dann müssen wir wohl heiraten.‘ Und das ist das einzige Mal gewesen, dass meine Frau und ich Sex hatten. Ich hab das gemacht, ich hab mir gedacht: ‚Hömma, meine Eltern freuen sich bestimmt auch, Oma und Opa zu werden. Hätten sie mit Sicherheit nicht gedacht. Welche Möglichkeiten haben wir, unsere Leben übereinander zu legen? Und nebeneinander zu legen.‘ Und das hat funktioniert. Und als wir uns getrennt haben, haben alle geweint und geschrien: ‚Das gibt’s doch nicht! Das perfekte Ehepaar!‘ Keiner wusste, wie’s in der Ehe aussah. Niemand! Niemand wusste es.“ Auch wenn die sexuelle Ebene ausblieb, gab es Körperlichkeiten, die Außenstehende auf eine harmonische Ehe schließen ließen. „Ich hab selbstverständlich Bettina in den Arm genommen, selbstverständlich sind wir Hand in Hand irgendwo hergegangen, selbstverständlich haben wir bei uns im Haus gesessen vorm Kamin – also alles das, das war toll, das war schön! Da war auch eine gewisse Körperlichkeit, aber die war darauf beschränkt, wie ich, wenn ich ne Schwester hätte, vielleicht mit ner Schwester hätte haben können. Keine romantischen Gefühle, aber perfekte Partnerschaft, perfekt! Und mit Luisa ein perfektes Kind. Meine Tochter ist großartig! Und das passte, das fügt sich alles so ein. Ich konnte das so auch sehen, meine Eltern waren glücklich!“ – „Und du?“, frage ich. „Ja! Durchaus, durchaus. Es kommt auch dann noch hinzu, dass wir unterschiedliche sexuelle Vorstellungen hatten, sodass sich das so ein bisschen parallel entwickelt hat.“ – „Aber habt ihr das auch ausgelebt?“ – „Ja, ja klar! Da gab’s keine Zwänge und keine Vorschriften, sonst hätte es ja nicht funktioniert. Es war offen, genauso, wie wir es haben wollten. Das war von Anfang an klar. Und auf unserer Hochzeitszeitung stand auch oben drüber: ‚Wir müssen heiraten‘“, er lacht. „Damit war dann im Grunde alles gesagt.“ Ich frage, warum die Ehe letztendlich doch gescheitert ist. „Weil meine Frau ganz offensichtlich dann doch romantische Gefühle für mich entwickelt hat.“ Sie versucht, eine andere Ebene mit ihm zu betreten, versucht, seine sexuelle Anziehung zu erlangen. „Ich hab gesagt: ‚Bettina, das funktioniert nicht. Das hat vorher nicht funktioniert und das wird auch jetzt nicht funktionieren. Und das hat gar nichts mit Prägung zu tun, sondern das hat was mit uns beiden zu tun.‘ Und damit war im Grunde genommen wahrscheinlich der Affront, den ich da ungewollter Weise ihr gegenüber geleistet habe, war wahrscheinlich zu groß. Und da war dann irgendwann dieser Riss zwischen uns – dass auch die Dinge, die vorher funktioniert haben, nicht mehr funktionierten – der war zu groß, um das noch von meiner Seite aus aufrechterhalten zu wollen.“ Obwohl Thorsten sich fest vorgenommen hat, bis zu Luisas Abitur zu warten, hält er es irgendwann nicht mehr aus, trennt sich ein halbes Jahr früher.

Wir schauen uns wieder die Fotos an. Eine weitere Industriebrache, die manche Menschen zum Schlafen nutzen. Einige der Menschen kennt er mittlerweile. Noch ein Foto in der leerstehenden Halle. Das nächste Bild ist am Funke-Gebäude entstanden und zeigt den Blick Richtung Berliner Platz. Dort, in den Weststadttürmen, hatte er in der Vergangenheit als Berater für eine britische Bank gearbeitet. „Fand ich mich son bisschen dran erinnert, weil das son bisschen diese absolute Diskrepanz dazu ist.“ Ich frage ihn, wie er, der sich selbst als links bezeichnet, eigentlich in die Bank gekommen ist. In den 80ern fährt er neben seinem Journalismus-Studium, das er nie abgeschlossen hat, Taxi, erzählt Thorsten. Irgendwann sieht er zufällig eine Anzeige: „Englischsprachiger Fahrer für die Westfalenhalle gesucht“. Es sind die Zeiten Boris Beckers, der dort damals ein Turnier spielt. Er und die anderen Spieler sind in einem Hotel in Wuppertal untergebracht. Während Thorsten in der Empfangshalle vom Hotel wartet, kommt der ehemalige Manager von Boris Becker, Ion Țiriac, herein, zeigt auf Thorsten und fragt: „‚Hast du einen Fahrgast? Dann fährst du ab sofort die nächsten zwei Wochen für mich.‘ Die zwei Wochen bin ich dort auf allerhöchster Ebene mit Ion Țiriac durch die Tenniswelt gefahren, wenn man so will. Bis hin, dass ich seinen Sohn nach Monte Carlo gefahren hab, zu seiner Schwester.“ Als die zwei Wochen vorbei sind, fragt er Thorsten, was der eigentlich so macht in seinem Leben. Er gibt ihm die Nummer von einem Bekannten in Düsseldorf und sagt ihm, er solle sich dort melden, wenn er Lust auf einen Job im Investmentbereich habe. Er ruft dort an. Der Bekannte fragt ihn, ob er flexibel sei, es gäbe Möglichkeiten in London. Thorsten überlegt nicht lange und geht nach London.

Anfang der 90er tut sich viel auf dem Markt, im Devisenbereich, in dem er tätig ist. 1993 beschließt er, zu gehen. „Ich hab ja keine Volkswirtschaft studiert, das ist ja eher autodidaktisch gewesen, dass ich mir das angeeignet habe. Und da war klar, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt das nicht mehr würde leisten können, von meiner eigenen Fähigkeit her. Ich hab’s zwar relativ weit gebracht, also ich hab beim Ausbruch des ersten Irakkrieges innerhalb der ersten zehn Minuten nach Börseneröffnung 86.000 Dollar an Börsen Fee verdient. Das war krass, das war wirklich krass. Das war allerdings auch der Punkt, wo ich ein paar Wochen später gesagt hab: ‚Irgendwas ist hier nicht in Ordnung.‘ Das war für mich nicht mehr nachvollziehbar. Ich hab den Fernseher angemacht, weil mich ein Kollege aus Japan angerufen hat, und ich seh da Raketen hochsteigen und ich hab gesagt: ‚Ja! Ja!‘“ Thorsten beschreibt, wie er zunehmend den Bezug zur Realität verliert, zu der Realität hinter den Börsenereignissen. „Das war schon auch ein Zeitpunkt, zu dem ich wusste, wenn ich jetzt nicht nach Deutschland zurückkomm, dann kann es mir passieren, dass ich in London einfach untergehe.“ Was die Zeit in London auch mit sich gebracht hat, war eine schwere Kokainabhängigkeit. Elf Jahre lang konsumiert er, nicht durchgängig, doch er wird immer wieder rückfällig. „Das hat mich ganz massiv verändert, das hat zu ganz massiven Dingen beigetragen.“ An einem Tag im Januar vor zwanzig Jahren – das Datum weiß er noch ganz genau – hat er das letzte Mal konsumiert, „von einem Tag auf den anderen“. Ich frage ihn, was der Auslöser war. „Das war der Geburtstag meiner Mutter und ich hab irgendwie mir gedacht, ich möchte da gar nicht hin, weil ich viel lieber Bock gehabt hätte, zuhause zu bleiben und Kokain zu konsumieren. Und da hab ich mir gedacht: ‚Okay, das ist jetzt also der Punkt‘ und hab das alles weggeworfen und dann war Feierabend.“ Sehr stark wird ihm an diesem Tag bewusst, warum er aufhören muss: „Das geht nicht mehr, das willst du nicht mehr. Das sind nicht die Dinge, die dir wichtig sind. Du veränderst dich einfach, weil du dich einfach nicht mehr auf Dinge konzentrieren kannst, die dir ursprünglich mal wichtig waren und die deine Person ausgemacht haben. Jetzt fängst du nämlich an, vor dir selber ein Bild von dir zu zeichnen, das gar nicht da ist. Irgendwann geht’s nicht mehr.“ Er hält kurz inne. „Das hat schon einen Teil meines Lebens fremdbestimmt.“ Der Kaffee ist leer. Thorsten nimmt noch einen Schluck aus seinem Wasserglas, setzt das Glas vorsichtig ab, bevor er wieder zu sprechen beginnt. „Diese gesamte Zeit – und auch mein Leben – ist schon von bestimmten Höhen und Tiefen geprägt, aber eben auch von sehr viel Erfahrung. Jetzt bin ich so an dem Punkt, an dem ich sag, die Dinge, die meinem Leben nicht gutgetan haben, die hab ich erkannt, die liegen hinter mir. Eigentlich bin ich jetzt bereit, genau das zu machen, was wahrscheinlich jetzt dann auch ansteht, nämlich nochmal einen Neuanfang.“

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