Senai

Ich lerne Senai vor ein paar Jahren kennen, woran er sich aber nicht erinnern kann. Jetzt sitze ich in seinem Zimmer auf dem Boden. Er ist auf meinem Schoß und lehnt sich an mich, als ich ihm aus einem Buch vorlese. Sein jüngerer Bruder Hiyab spielt uns gegenüber mit einem Feuerwehrauto. Irgendwann guckt Senai mich an und sagt: „Nina, ich weiß schon, dass wir heute ein Projekt machen. Mama hat mir das schon erzählt.“ Ich muss grinsen. „Genau! Ich erzähl dir nachher was zu einem Projekt und wenn du magst, kannst du da auch mitmachen.“ Wenig später sitzen wir zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder im Wohnzimmer. „Weißt du eigentlich, was ich arbeite?“, frage ich Senai. „Nein, was denn?“ Ich erkläre ihm, was ich mache, erzähle ihm von dem Projekt, an dem ich gerade arbeite. „Dann geht es um dich: Die Geschichte von Senai. Was gibt es in deinem Leben?“ Ich erkläre ihm, dass er alle Dinge fotografieren kann, die er schön oder spannend findet, die zu seinem Leben gehören, die er mag. „Dann kann ich Hiyab fotografieren!“, ruft er und schaut zu seinem kleinen Bruder rüber, der gerade durchs Wohnzimmer stolpert. „Und Honigmelone!“ Ich lache, „Ja, auch Honigmelone.“ Wir schauen uns zusammen die Kamera an. Senai guckt durch den Sucher und macht ein Foto von seinem kleinen Bruder. „So?“, fragt er und schaut mich strahlend an. Als wir später beim Abendessen sitzen, beugt Senai sich zu mir rüber und flüstert mir zu: „Nina, wann machen wir denn jetzt das Projekt?“ – „Du hast doch schon angefangen, Senai“, sage ich lächelnd, „du machst jetzt das Projekt.“

Als wir uns wiedertreffen, ist Senai schon ganz aufgeregt. „Gucken wir uns heute die Fotos an, Nina?“, fragt er. „Ja, heute machen wir unser Interview.“ Ich zeige ihm mein Aufnahmegerät. „Nimmt das jetzt auf?“, fragt Senai; sein kleiner Bruder kommt zu uns und gluckst ins Mikro. Ich drücke auf den Knopf und spiele ihm die Aufnahme vor; Senai ist begeistert. Wir gehen rüber in sein Kinderzimmer, setzen uns auf seinen Spielteppich und legen das Aufnahmegerät zwischen uns auf das Feuerwehrauto. Ich frage Senai, ob das Fotografieren Spaß gemacht hat. „Ja!“, ruft er. Ich frage, ob er mehr allein fotografiert hat oder ob Papa ihm viel gezeigt hat. „Ich hab Papi viel gezeigt. Weil wir waren in meinem Wald und er kennt meinen Wald noch nicht so gut. Der ist nicht so oft da, weil der auch viel ausruht. Der muss immer ausruhen wegen dem Hiyab.“ Aber mit Mama und seinem Bruder Hiyab ist er viel im Wald. Ich frage Senai, warum er seinen Wald so mag. „Weil der so schön ist. Weil es da so ruhig ist. Ab und zu rauscht mal ein Auto.“ Wie heißt sein Wald? Genauer genommen sind es drei Wälder, erklärt er jetzt: „Adlerwald. Großes geheimes Versteck. Kleines geheimes Versteck.“ Ich frage, was es beim Großen geheimen Versteck gibt. „Beim Großen gibt’s einen Eingang zu einem Schatz. Aber der ist mit ganz vielen Brennnesseln.“ – „Warst du da schon drin?“ – „Ja!“ – „Hast du den Schatz gesehen?“ – „Einmal, als wir mein Geheimversteck entdeckt haben, sind wir da durchgegangen und dann haben wir den gesehen plötzlich!“ – „Kannst du mir den Schatz beschreiben?“, frage ich. „Da war Gold drinnen, mit Honig“, er strahlt. „Magst du Honig?“ – „Ja, mit Gold.“ – „Und was ist bei dem kleinen Versteck, bei dem Kleinen Geheimnis?“ – „Nur eine Medaille.“

Senai fragt, ob wir uns jetzt die Fotos anschauen können. Ich hole die Bilder raus. Die ersten drei hat er gemacht, als ich dabei war: eins von seinem Bruder Hiyab, eins von seiner Freundin Sara und eins von mir. Das nächste Foto ist auch im Wohnzimmer entstanden, zeigt das Fenster und die Wand daneben. „Was ist da?“, frage ich Senai. „Das ist ein Elefant!“, er zeigt auf das Bild, das an der Wand neben dem Fenster hängt. „Papi hat das gemalt. Weil der alle Tiere sehr gut malen kann.“ Elefanten mag Senai gerne, aber sein Lieblingstier ist ein Löwe. „Meine Lieblingsgeschichte ist Simba der Löwenkönig.“ Die Geschichte hat er auch als Buch.

„Wollen wir weiter angucken?“, fragt Senai. Ich lege das nächste Bild vor ihn und frage, was das ist. „Einfach nur meine Kita. Da kann man Sachen bauen. Und das ist einfach nur ein Tisch. Und das ist ein bisschen von unserer Couch, die kann man in eine Matratze verwandeln.“ Jetzt nach den Sommerferien geht Senai in eine neue Kita, da die Familie in einen anderen Stadtteil gezogen ist. Ich frage ihn, ob er traurig ist, weil er nicht mehr in die alte Kita zurückgeht. „Ja, ein bisschen. Aber Leonie ist auch traurig, aber die kommt zu uns zum Besuchen.“ Leonie ist seine beste Freundin. Am Montag war sein erster Tag in der neuen Kita; ich frage ihn, wie es war. „Guuuut.“ – „Kanntest du schon jemand von den Kindern?“ – „Nur einen: Silas.“ – „Und magst du den?“, frage ich weiter. „Ja, ich kenn den doch! Der erzählt mit mir ein bisschen Quatsch immer.“ – „Und wie sind die anderen Kinder so?“ Er überlegt. „Auch nett.“ – „Möchtest du das nächste Bild angucken?“, frage ich ihn. „Ja, ich bin schon gespannt, welches es ist.“ Ich lege ihm das Foto hin. „Das ist von der Kita das Licht.“ Man sieht die Lampen an der Decke und Girlanden, die zwischen ihnen hängen. „Und warum ist das so geschmückt?“ – „Weil das schön ist.“

Er schaut sich das nächste Foto an. „Das ist ein Riesenrad, das dreht sich.“ – „Wo war das denn?“ – „Kirmes.“ Senai hat eine Idee und fängt an, die Bilder auf zwei Stapeln zu sortieren: Bilder, die draußen, und Bilder, die drinnen entstanden sind. „Das ist das Ende von der Kirmes, das gehört hierhin“, er legt es auf den Draußen-Stapel. „Das ist am Grugapark, ne? Bist du da gerne?“ – „Ja! Da gibt’s nämlich nen Streichelzoo und sogar einen Spielplatz noch dazu.“ – „Welche Tiere streichelst du am liebsten?“, frage ich. „Die Ziegen!“ – „Die sind ganz schön frech, ne? Die kommen immer und knabbern einen an.“ – „Mich nicht!“, ruft er. Ich frage ihn, ob er die Ziegen schon mal gefüttert hat. „Haben wir noch nicht. Ich wollte mit Sara mal und als wir ankamen, plötzlich waren die Ziegen schon voll!“ – „Schon voll? Hatten die keinen Hunger mehr?“ – „Nein, die waren schon vollgefuttert. Und dann war ich ein bisschen traurig.“ – „Weil du die füttern wolltest?“ – „Ja. Weil wir das noch nie gemacht haben.“ Das nächste Bild zeigt einen Himmel mit großen Wolken. Ich frage Senai, wo das ist. „Keine Ahnung. Auf jeden Fall muss das hierhin“, sagt er und legt es auf den Draußen-Stapel.

Er schaut sich das nächste Bild an, das etwas dunkel ist. „Kannst du kurz das Licht anmachen?“ Ich stehe auf und schalte das Licht an. Das Foto zeigt seinen Wald. Im Schatten der Lichtung steht etwas, was wir zunächst nicht genau erkennen können. „Das sieht so aus wie ein Tier, das zwei Beine hat, ähm – wie ein Erdmännchen sieht das aus!“ – „Wie ein Erdmännchen?“, frage ich und muss lachen, und schaue mir das Bild auch nochmal genauer an. „Ich glaub, ich weiß, was das ist!“, rufe ich jetzt. „Ist das vielleicht der Kinderwagen von Hiyab? Hast du ein Foto von Hiyab in deinem Wald gemacht?“ Er überlegt kurz. „Ja!“ Ich zeige ihm das nächste Bild und frage, was das ist. Er überlegt. „Der Geheimgang vom Großen geheimen Versteck.“ – „Der zum Schatz führt?“ – „Nein, das ist ein anderer Geheimgang, den bin ich noch nicht gelaufen, deswegen weiß ich nicht, wo der hinführt.“ Das Bild zeigt den Weg zur Villa Hügel. Bevor wir weiter die Fotos durchschauen, zeigt Senai mir, wie gut er auf Zehenspitze stehen kann. „Wie groß du bist!“, rufe ich lachend. „Größer als mein Bruder“, sagt Senai und grinst. „Ja. Wie alt ist Hiyab jetzt?“ – „Eins.“

„Wo ist das?“, frage ich beim nächsten Bild. „Das ist im Adlerwald. Die bunten Blumen sind für dich.“ Das Foto zeigt eine Blumenwiese. „Auch zu Draußen“, sagt er, und legt das Bild auf den hinteren Stapel. „Ich bin viel draußen, ne?“

Senai möchte das nächste Foto sehen. „Das ist das Schild vom Adlerwald, da ist der Adler.“ Das Foto zeigt ein Naturschutzgebiet-Schild, dreieckig, mit grünem Rand und einem schwarzen Adler drauf. Daneben ein Waldweg, der in seinen Adlerwald führt. Auf dem nächsten Foto sieht man einen umgeknickten Baum. „Der braucht Wasser“, erklärt Senai. „Ein Sturm hat den gefällt. Und dann fallen die Blätter ab.“ – „Vielleicht muss man den mal gießen?“, schlage ich vor. „Der Regen muss schnell mal gießen. Sonst fallen alle Bäume um! Und dann sind alle meine Wälder weg. Und unsere Bienen auch! Die wohnen nämlich manchmal in Bäumen. Und der auch!“, er zeigt auf den Baum vor seinem Kinderzimmerfenster. „Der muss leben, oder? Weil da wohnen auch Bienen.“ – „Und Vögel, und Schmetterlinge“, füge ich hinzu. „Ja!“, sagt Senai traurig. „Ganz viele Tiere wohnen in Bäumen. Wir dürfen die ja nicht fällen!“ – „Nein! Wir fällen die ja nicht“, sage ich beschwichtigend. „Aber manchmal passiert das mit dem Sturm, da können wir gar nichts machen, ne?“ – „Ja“, wieder klingt Senai traurig. „Außer den irgendwie hochnehmen und dann wieder reinstopfen und zubuddeln, dass der nicht mehr rausfällt.“ Ich lege das nächste Foto vor Senai, der mir erzählt: „Das ist das Loch, wo der rausgefallen ist.“ Man sieht die Wurzeln, die aus der Erde ragen. „Das ist ja voll groß!“, sage ich erstaunt. „Weil der Baum auch so groß ist“, erklärt Senai.

Wir schauen uns das nächste Bild an und ich frage Senai, was das ist. „Das ist der Mo“, sagt Senai. „Was?“ – „Der Mo!“, sagt Senai nochmal. „Der Mo, ein Fluss.“ Das Bild zeigt ein Geländer, unter dem ein kleiner Bach verläuft. Den Namen hat er dem Bach selbst gegeben, benannt nach dem Fluss aus einem seiner Lieblingsbücher.

Senai schaut sich das nächste Bild an. „Und hier: mein Fußballverein.“ Das Bild zeigt einen Sportplatz. „Spielst du gerne Fußball?“ – „Ja“, sagt er grinsend. „Und seit wann spielst du?“, frag ich ihn. „Keine Ahnung, seit … seit ich klein bin.“ – „Wie klein?“, frage ich lachend. „So klein, wo ich schon Papa sagen konnte.“ Er erzählt: „Ich war einmal Torwart und die Gelben haben ganz viele Tore gemacht, in mein Tor.“ – „War das blöd?“ – „Ja, weil die Blauen haben gar keins geschafft. Die Gelben sind einfach besser.“

Als Senai das nächste Foto sieht, freut er sich aufgeregt. „Das sind vom Zug die Knöpfe jetzt. Und da sieht man, wie das leuchtet!“ Von dem Bild hat Senai mir schon im Vorfeld begeistert erzählt: In der Straßenbahn hat er durch die Scheibe die Knöpfe in der Fahrerkabine fotografiert. „Das leuchtet da“, er strahlt. „Und kommt das auf den Drinnen- oder den Draußen-Stapel?“ – „Drinnen ist das, im Tunnel war das.“ – „Fährst du gerne Straßenbahn?“, frage ich. „Ja, voll gerne!“ – „Lieber als mit dem Bus?“ – „Lieber als, lieber als …“, Senai überlegt. „Ich mag Straßenbahn lieber als ICE.“ – „Bist du schon mal ICE gefahren?“ – „Ja.“ – „Das ist ganz schön schnell, ne?“ – „Ja. Auch ein bisschen langweilig, oder?“ Er nimmt das nächste Foto in die Hand: „Das ist der Bahnhof, Leuchtdings“. Es zeigt die Lichterwand im Essener Hauptbahnhof. Auch das Bild kommt auf den Drinnen-Stapel.

Nachdem ich Senai das letzte Foto gezeigt habe, erkläre ich ihm, wie es mit den Bildern weitergeht, dass die Negative eingescannt werden, damit ich sie auch am Computer anschauen kann. „Die Bilder? Dann guckst du dir immer meine Bilder an“, sagt er strahlend. „Dann weißt du schon immer, das sind sehr gute Bilder.“ – „Das sind richtig gute Bilder! Welches ist dein Lieblingsbild – willst du nochmal gucken?“ – „Mein Lieblingsbild… das mit der Bahn!“, sagt er und hält es hoch.

„Und was machst du jetzt mit den Bildern?“, fragt Senai. Ich erzähle ihm nochmal von dem Projekt, von der Ausstellung der Ergebnisse zum Schluss. Senai fragt, ob ich selbst auch Fotos mache. „Ich fotografier auch manchmal, aber für dieses Projekt, da fotografieren die Leute selbst, so wie du.“ – „Ist das ein Selbermachprojekt?“, fragt er. „Genau!“ Ich fahre fort und erzähle Senai, dass es um die Geschichten von Menschen geht, und heute geht es um die Geschichte von Senai. Ich frage ihn, was denn seine Geschichte, die Geschichte von Senai sei. „Ich weiß nicht, wie mein Leben ist. Manchmal ist es ein bisschen ärgerlich.“ – „Ist das immer ärgerlich oder nur manchmal?“ – „Nur manchmal.“ – „Und was ist, wenn es nicht ärgerlich ist?“ – „Frieden einfach.“ – „Was sind denn schöne Sachen in deinem Leben?“, frage ich. „Süßigkeiten.“ – „Und welche Süßigkeiten magst du am liebsten?“ – „Gummibärchen, Eis, alles“, er strahlt. „Und was machst du noch gerne? Oder wen magst du gerne?“ – „Wen mag ich gerne? Hiyab mag ich gerne!“

Jetzt fängt Senai an, das ABC auf Englisch zu singen. Ich frage ihn, ob er jetzt auch Englisch in der Kita lernt. „Was für Sprachen sprichst du jetzt, Senai?“ – „Tigrinya und Englisch kann ich. Deutsch kann ich auch. Mein Papa kann glaub ich ein bisschen …“, er überlegt, „ein bisschen Russisch glaube ich. Oder welche Sprache ist das?“ Er überlegt wieder. „Arabisch! Arabisch kann der. Tigrinya ist ein bisschen wie Arabisch.“ Er fragt, ob er mir ein paar Wörter beibringen soll. „Hade!“ – „Was ist das?“, frage ich. „Eins. Wie Hase auf Deutsch.“ Noch ein paar Zahlen, Plus und Minus, und Farben. Dann ordnet Senai die beiden Fotostapel. „Die Bilder sind schön, oder?“, fragt er mich. „Die Bilder sind toll geworden. Hat das Spaß gemacht?“ – „Ja“, er strahlt und fragt mich: „Sollen wir jetzt ein bisschen spielen?“

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