Philipp

Philipp und ich kennen uns schon etwas länger. Während der Pandemie lernten wir uns im Garten eines gemeinsamen Freundes kennen. Vor einigen Wochen schreibe ich ihm, erzähle von dem Projekt und frage, ob er teilnehmen möchte. Heute treffen wir uns das dritte Mal in seiner Wohnung in Wattenscheid – das erste Mal gebe ich ihm die Kamera, das zweite Mal hole ich sie ab. Heute scheint die Sonne, der erste schöne Tag seit Langem, und er schlägt vor, für das Interview in den Park zu gehen.

Als wir uns auf die mitgebrachte Decke setzen, fragt er direkt, ob ich die Fotos dabei habe. Habe ich. „Geil!“, ruft er vorfreudig. Ich hole die Bilder raus. „Wo ist das?“, frage ich bei dem ersten Foto. „Das ist in Witten. Bei der Arbeit. Der Gruppenraum von uns. Da war n Kicker und n Billardtisch. Und ich fand die Location mega nice. Weil man mega viel Platz hatte, mit den Kids da rumzulaufen und so.“ Zu dem Zeitpunkt führt er Potentialanalysen mit Jugendlichen durch. Einer der vielen sozialen Jobs, die er in den letzten Jahren gemacht hat. „Da bin ich mit dem Fahrrad hingefahren und hatte die Kamera dabei und wollte eigentlich dann jeden Standort – weil du hast mich gefragt, wie das ist so, Perspektiven im Leben. Da hab ich mir Gedanken drüber gemacht. Und viel Gedanken hab ich mir dabei darüber gemacht, was ist denn mein Leben? Und da Arbeit eben nen großen Teil von Leben ausmacht – so von der Selbstreflektion her bin ich ja das, was ich tue. Und deswegen find ich, ist Arbeit ein ganz großer Teil des Seins. Und deswegen wollt ich eigentlich alle verschiedenen Arbeitsplätze, wo ich mal vorbeikomme, fotografieren. Aber hab das dann doch irgendwann nicht mehr so fortgeführt.“ Was er im Rahmen seiner Arbeit tun will, weiß er sehr klar: „Gesellschaftliche Tätigkeiten fördern, wo es darum geht, den jungen Generationen die Möglichkeit zu geben, ins spätere Leben bestmöglich einzusteigen. Auf verschiedenen Ebenen halt. So im Bildungskontext auf jeden Fall. Im sozialen Kontext – Spaß, Freude wiedergeben. Also ich seh mich da eher so als sozialpädagogischer Mitarbeitender.“

Mit dem Begriff Arbeit meint Philipp verschiedene Sachen: ehrenamtliche und hauptamtliche Tätigkeiten, entgeltlich und unentgeltlich. „Lohn ist eh ne schwierige Sache. Ich find, es sollte schon mal einen Grundlohn geben, damit man sich keine Gedanken mehr übern Lohn machen muss. Also über Geld.“ Doch gerade im sozialen Bereich sieht er die finanzielle Situation als sehr schwierig an. „Es sollte so sein, dass dadurch, was man dann tatsächlich tut – wenn man auch was in der gesellschaftlichen Arbeit macht – man davon leben kann. Und ich glaub, da haben ja ganz viele in unserer Generation Probleme, dass man dann auf andere Mittel angewiesen ist, die man sonst nicht so gerne in Anspruch nimmt.“

Aktuell hat er keine Arbeit. Auf dem Weg zum Park erzählt er mir davon, dass es ihm ohne Arbeit gerade schwerfällt, sich zu strukturieren. „Die Zeit. Die Zeit wertzuschätzen. Also ich schaff schon ein höheres Pensum, als wenn ich arbeite, aber das ist nicht so effektiv genutzt, ne?“ Philipp spricht über Langeweile, dass sie ihn unruhig macht. „Ich bin son Typ, der hat dann auch manchmal den Zappelphilipp.“ Er wünscht sich, Langeweile besser aushalten zu können, einfach stundenlang nichts tun zu können – „in der Tiefe“. „Und dass man sich innerhalb dieser Stunden nicht mit irgendwelchen abgefuckten Sachen auseinandersetzen muss, sondern einfach nur genießen kann. Und ich find genießen ist heutzutage echt schwierig geworden. Zeit zu genießen. Und das liegt in meiner Analyse auch maßgeblich mit an den sozialen Strukturen, die hier in Deutschland herrschen. Weil sich die Gedanken oft darum drehen und man in den Gedanken drin ist, weil man die seit zweieinhalb Jahren oder so fokussieren muss, weil das einem selbst ja widerfahren ist. Dann ist das schwierig, dabei zu entspannen und die Zeit zu genießen und sich zu wünschen, dass man da mehr von hat, weil man eigentlich will, dass das son historisches Kapitel wird, was abgeschlossen wird, aber das geht halt nicht von alleine.“ Das historische Kapitel, das er in seinem Leben abschließen möchte, ist seine persönliche Erfahrung mit dem deutschen Sozialsystem. Eine Erfahrung, die ihn prägt und mit der er sich immer wieder auseinandersetzt.

Philipp ist für eine Grundsicherung und gegen das Hartz-IV-System, „weil das Hartz-IV-System ein menschenrechtliches Leben schwierig macht, weil man so viel Arbeit dadurch hat, in so viel Stress reinprojiziert wird, dass das fast einen Teil des Lebens einnimmt. Und das sollte einfach nur da sein, wo man sich keine Gedanken drum macht. Um die Gedanken auf Besseres fokussieren zu können.“ Seine Kritik an Hartz-IV ist sehr klar. „Das ist zum einen die Höhe – das ist einfach zu wenig.“ Eine Grundsicherung, „die man bekommt, wenn man gerade nicht im Lohn steht, sollte nicht so niedrig sein, dass man damit Probleme hat überhaupt zu leben.“ Das andere ist die Art, wie Hartz-IV umgesetzt wird, „der Rattenschwanz, der daran hängt, mit den ganzen Maßnahmen und so“.

Doch es bleibt nicht nur bei diesem Unrechtsempfinden. „Also ich bin ja der Meinung, dass man das von innen verändern muss. Und von innen vorleben muss, wie man’s anders machen kann. Und dann natürlich noch mit den ganzen Konsequenzen, die das hat, umzugehen.“ Es soll sich etwas ändern. „Also ich hab ne Klage mir überlegt, wo wir als Konsumenten im Sozialsystem nicht bedient werden, und das für uns verschiedene Auswirkungen hat. Bei mir waren das halt schwerwiegende gesundheitliche Folgen: bipolarer Ausbrauch, Magenschmerzen bis hin zur Todesangst. Und Jobverlust dann ja im Endeffekt auch, wegen dann offenbar geistig nicht mehr eignungsfähig.“ Während der Pandemie kontaktiert er einen Anwalt in Großbritannien, sie tauschen sich viel aus, bereiten eine Klage vor, möchten vor dem europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen. „Das sind sechs voneinander unabhängige Klagen, die alle dasselbe verklagen. Und danach wollten wir das dann als Sammelklage öffentlich mit ner Tariftabelle halt zum Abgleich bringen. Weil ich bin mir sicher, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der von den Sozialstrukturen nicht bezahlt worden ist und dadurch gesundheitliche Einschränkungen hat. Obwohl ich meine Pflichten erfüllt hab. Das kann man einfach nicht tragen, das Hartz-IV-System, das ist nicht mehr tragfähig.“ Er ist sich sicher: „Wir brauchen ein neues Sozialsystem in Deutschland, und das hätte man sich damit erklagen können.“

Doch so weit kommt es nicht. Der Anwalt erkrankt an Corona und verstirbt. Trotzdem hat Philipp das Thema noch nicht aufgegeben. Was gerade fehlt, sind Gelder, um Anwält:innen zu beauftragen, die den Prozess weiter vorantreiben. Wenn er wieder Arbeit hat, mit seinem Verein, den er gerade gründet, und durch seine Arbeit finanziell unabhängig ist, möchte er sich wieder auf die Klage fokussieren.

Während wir Kaffee aus der Thermoskanne trinken, die Philipp mitgebracht hat, sprechen wir darüber, wie es dazu kam, zu der Klage, zu der Situation, in der er sich vor knapp zwei Jahren wiederfand, mit der er abschließen will, aber die ihn immer noch umtreibt. Mit Anfang 20 zieht er nach Wien, studiert und arbeitet dort, insgesamt sechs Jahre lang. „Das hat so mein Junges-Erwachsenen-Denken geprägt.“ Die staatlichen Strukturen nimmt er sehr anders wahr als in Deutschland. „Da war ich sehr schockiert, als ich wieder zurück in Deutschland war, dass das hier so aussieht, wie’s aussieht. Weil hier wird einem alles schwierig gemacht, man muss alles immer doppelt und dreifach machen, man wird wegen allem zur Rechenschaft gefordert. Und das ist sehr, sehr unangenehm. Man ist immer in Bedrängnis, man fühlt sich so attackiert.“

Nach seinem Studium in Österreich bildet er sich in Deutschland weiter fort, macht eine Postgraduiertenfortbildung, arbeitet nebenher bei einer Stiftung. Als er diesen Nebenjob verliert, ist er nicht allzu besorgt. Er beantragt Hartz-IV und hat bereits einen Arbeitsvertrag für eine Vollzeitstelle, die er in den nächsten Monaten antreten soll. Der nächste große Schritt in seinem Leben: eine Festanstellung bei einem großen Hilfswerk in der Entwicklungszusammenarbeit. Er bereitet die Auswanderung nach Georgien für die Stelle vor, kümmert sich um Papiere und Unterlagen. Doch währenddessen zahlt das Jobcenter nicht, zwei Monate lang. Zwei Monate lang kann er seine Miete nicht zahlen, hat Auslagen, auch für die Vorbereitungen der Auswanderung. „Und dann hatte ich da Probleme mit, weil die mir über acht Monate lang zwei Monate von diesen Zahlungen einfach nicht gegeben haben und ich halt keine Miete mehr überweisen konnte, gerade vor der Auswanderung war, als Projektmanager ein Arbeitsvertrag hatte, eigentlich das Leben so nach dem Studium endlich mal Blüte gezeigt hat so, angestellt, glücklich. Und dann wurd das halt alles dadurch ruiniert, dass ich so viele Schulden hatte dann, weil mir das Geld ja gefehlt hat von zwei Monaten.“

Das Jobcenter reagiert nicht auf seine Schreiben. Irgendwann schreibt Philipp ihnen, „dass sowas ja auch Selbstmordgedanken erzeugen kann, wenn man dadurch alles andere verliert.“ Eine Antwort bekommt er nie. Auch von seinem zukünftigen Arbeitgeber erhält er keine Hilfe, wünscht sich Unterstützung, zum Beispiel in Form eines Anwaltsschreibens. Es geht ihm zunehmend schlecht mit der Situation, er kann schlecht schlafen, bekommt Magenschmerzen. Die Schmerzen werden so schlimm, dass er Todesangst hat. Die Narbe, die er seit einer OP als Baby am Bauch hat, schmerzt so sehr, „als ob die von innen aufplatzt, so hat sich das angefühlt. Und da hab ich aber keine Endoskopie bekommen, sondern ne Falschdiagnose, dass es ein Narbenbruch war.“ Wieder wird ihm nicht geholfen, die Schmerzen gehen nicht weg; die Ängste und die Schlafprobleme auch nicht.

Bei dem Arbeitgeber gibt es einen Krisenbeauftragen, den er aus dem Seminar kennt, das die zukünftigen Arbeitnehmer:innen auf die Auswanderung vorbereiten soll. „Der hat gesagt, wir können den 24/7 callen, wenn was ist. Dann hab ich den irgendwann mal nachts um ein oder zwei Uhr leicht angetrunken gefragt: ‚Was ist denn, wenn die Russen jetzt weiter in Georgien einmarschieren und ich da festsitze und mich da zwischen den Fronten verhärtet fühl?‘ Weil Teil meiner Blutslinie russisch ist, altrussisch. Und dann meinte er: ‚Du bist doch geisteskrank! Alter, was ist mit dir los?!‘ Dann hab ich ihm gesagt, dass ich schlecht schlafen kann, weil ich so Gedanken gerade hab. Und dann meinte er, bei meinen Eltern anzurufen und dann sind meine Eltern vorbeigekommen und meinten, ich soll mal in die Psychiatrie gehen und so. Und dann war ich eine Nacht in der Psychiatrie, bin aber direkt wieder abgehauen.“ Am nächsten Tag geht er wieder ins Krankenhaus, will endlich wegen seiner Magenschmerzen behandelt werden, „wird laut“, wie er sagt. „‚Ich hab immer noch keine Endoskopie, ich will die jetzt haben! Was ist mit euch verkehrt?!‘“ Das Krankenhaus ruft die Polizei. Er wird zwangseingewiesen und „zwölf Tage in ne geschlossene Psychiatrie eingesperrt.“ Aufgrund der Pandemie passiert auf der Station nichts, es gibt kein Programm oder Behandlungen. „Die Leute werden da weggesperrt und mit Medikamenten stillgelegt. Ich hab da auch gesagt bekommen, wenn du die Medikamente nicht nimmst, bleibst du eben noch länger hier.“ Erst nach neun Tagen spricht eine Psychologin mit ihm. „Die hat meine sofortige Entlassung gefordert, weil ich auf der falschen Station mit ner falschen Diagnose war.“ Drei Tage später wird er entlassen. Die falsche Diagnose war Suizidalität, dass sein eigenes Leben bedroht war. Die eigentliche Diagnose: eine bipolare Störung.

Zum ersten Mal wird Philipp mit dieser Störung diagnostiziert. „Wie war das für dich, diese Diagnose?“ – „Ja, so wie normal halt, ne? Ja. So, wie ich immer bin.“ – „Also hat das nicht irgendwie was verändert?“ – „Naja, dass ich mich viel mehr damit beschäftige, mit meiner Psyche. Und versuch, die halt gesund zu halten. Oder gesund zu sein, oder zu werden. Das ist schwierig zu definieren. Ich fühl mich aber wieder so wie vor fünfzehn Jahren, und das ist gut.“ Was genau er damit meint, frage ich. „Wiedererkannt halt einfach. Dass ich ich bin und ich auch manchmal son bisschen extrovertiert bin, manchmal n bisschen introvertiert. Bisschen auch wieder diese Extreme, und sich lebendig fühlen, am Ball zu sein, selber seine Sachen zu machen, einfach zu sagen, was man gerade denkt, damit man einfach da straight bleiben kann in seinem Denken.“

Ich frage, ob er die bipolare Störung als Krankheit sieht. Oder ist die Diagnose nur ein Wort? „Das ist nen Wort für mich für … Menschlichkeit. Also nen Mensch hat ja Grundbedürfnisse und dazu zählt in meinem Verständnis auf jeden Fall auch Arbeit und dadurch aber sich im Leben sicher fühlen und da alles machen können, was man will.“ Er sieht die Störung als eine Reaktion auf das, was passiert ist, auf die Strukturen, auf das System. „Das sind einfach so Krankheiten, die durch die Gesellschaften entstanden sind. Das ist natürlich dann auch teilweise ne Krankheit. Weil man sich da von der Realität entfernt. Aber das Mindset find ich ist sehr menschlich. Deswegen halt ich die bipolaren Menschen eigentlich für sehr intelligent.“ Eine normale Reaktion auf eine kranke Welt, quasi. Wir sprechen darüber, wie sehr die Erkrankung ihn beeinträchtig, auch seine Arbeitsfähigkeit. Er könnte eine Feststellung auf Schwerbehinderung beantragen, ist sich aber nicht sicher, ob er das will. „Ich möchte das eigentlich aus eigener Kraft schaffen. Bin auch durch Corona Richtung Selbstständigkeit gedriftet – weil man muss es ja dann irgendwie selbst machen. Und das gibt mir Kraft, der Glaube, dass in drei oder fünf Jahren man davon richtig leben kann. Und dass man die Arbeit dann als Lebensprozess hat, begleitend. Da find ich ist ne Behinderung … relativ – das ist für mich nämlich keine Behinderung, sondern das ist einfach nur Teil des Seins. Also es gibt ja Gründe für Depressionen und manische Phasen. Da muss man halt die Realität drin finden und man darf das dann nicht so verzogen sehen. Das ist halt das Schwierige. Und deswegen ist das für mich im eigentlichen Sinne keine Behinderung, sondern eine Einsicht, wie ich mit mir selbst umzugehen habe.“

Mittlerweile erkennt er, wenn er beispielsweise in eine manische Phase kommt. „Ich schrei mir das dann einmal von der Seele. Also ich teil das irgendwem mit, der weiß: ‚Okay, Philipp hat das halt.‘ Und dann kann ich mich da abladen, mit meinen Gedanken. Und es ist ja auch eine geschlossene Realität, eine subjektive Wahrheit, die ich bin. Und ich hab halt ein System erschaffen, in dem alles funktionieren könnte, aber das System hat natürlich tausend Makel.“

Wir sprechen über das Erkennen der eigenen Realität, und über das Wieder-Erkennen, das er durch die Krankheit erfahren hat und das ihm lange Zeit gefehlt hat. „Ich war da aber immer nen bisschen zurückhaltend, weil ich den alten Philipp nicht gefunden hatte, den hab ich aber mittlerweile wiedergefunden.“ Wie war denn der Philipp, der in den Jahren dazwischen da war, frage ich interessiert. „Introvertiert, komplett. In sich gekehrt.“ Warum war er so? „Der hatte Baustellen im Kopf, wo der dran gearbeitet hat. Gedanken, die man umsetzen musste, Studiengedanken. Da sieht die Welt eh voll scheiße aus, mit ner wissenschaftlichen Perspektive. Damit so umzugehen und so, das ganze Leben so zu nehmen, wie es ist. Enttäuscht zu werden, menschlich, ist auch extrem krass. Muss man auch mit umgehen können. Und so … und trotzdem: Mach dir das Leben, wie es dir gefällt. Aber das ist bei mir so, als ob ich schon verschiedene Leben gelebt hab. Deswegen wird mir oft langweilig.“

Ich frage Philipp, ob er sagen würde, dass er durch diese sehr schwierige Erfahrung zu seinem alten Ich gefunden hat? „Ja, genau. Ich musste erstmal richtig ausrasten.“ – „Kannst du das dadurch denn auch positiv sehen?“ – „Ja.“ – „Fragst du dich manchmal, wie es wäre, wenn du einfach immer so straight weiter in die andere Richtung gegangen wärst?“ – „Da steht für mich eigentlich nicht viel außer der Tod.“ Der Satz steht groß und still zwischen uns. „Ja. Da hab ich mir schon Gedanken drüber gemacht: tot.“ Nach einer Pause fährt er fort. „Ich war einfach zurückhaltender, ich war nicht 100% bei mir. Ich hatte son Draht zu mir selbst verloren. So ne interspirituell Verbindung von mir mit dem All.“ Er lacht. „Und die hab ich wiedergefunden. Dadurch, dass ich ausgerastet bin, ist alles wieder auf Tour gekommen. Ich konnte die Verbindung wieder aktivieren, die wir so haben. Also die Zauberkraft halt einfach. Und jetzt kann ich wieder zaubern, das ist schön. Mir ist egal, wenn jemand sagt: ‚Ey hömma, das ist n Arschloch!‘ Dann soll er das denken und sagen, das ist in Ordnung. Weil ich denk mir so: ‚So bin ich.‘ Das bin ich. Können se gerne kritisieren so – ist ja auch gut, weil dann kann man wieder Sachen verbessern. Oder es halt einfach nur bodenlose Kritik. Dann sind das Neider, dann sollen se neiden.“

Die Sonne steht mittlerweile tiefer und wir ziehen mit der Decke weiter, raus aus dem Schatten. Die Thermoskanne Kaffee ist leer und wir wechseln zum Bier und schauen uns dabei die nächsten Fotos an.

Gelsenkirchen, auf dem Weg zur Arbeit, mit dem Fahrrad. Ein Spielplatz, „irgendwo in Essen“

„Das ist Boggi, das isn Kumpel. In Wattenscheid, auf der Straße, haben einen getrunken.“

Dortmund, Arbeit. Die Wattenscheider City. „Mein Fahrrad in freier Wildbahn.“ Die Ruhr, überschwemmt; das Wasser steht bis weit in die Felder rein.

Nicht alle Bilder wurden entwickelt, einige fehlen ihm. „Schade, ich hab meinen Tisch und alles fotografiert. Son paar Partybilder.“ – „Willst du mir den Tisch beschreiben?“, ich lache. „Ja, der Tisch stand mit verschiedenen … Befreudungsmitteln voll, und Bier und Zigaretten.“ Er spricht zögerlich und grinst. „Ich glaub, wir können ruhig über Drogen reden, das ist okay“, sage ich. Wir lachen. „Okay. Joa, vielleicht waren da auch Drogen drauf.“ Ich frage Philipp, wie er konsumiert. „Querbeet. Und gerne viel. Weil mir das einfach guttut. Drogen sind son Bewusstseinsstatus von Feierabend, Urlaub haben. Das ist einfach schön. Ich konsumier regelmäßig unregelmäßig, sag ich mal. Hab immer mal ne Pause. Achte da manchmal nicht drauf. Und dann merk ich dat. Nen richtig oller Entzug ist das dann. Echt so ne Woche so mega müde und so. Aber ansonsten ist das eigentlich ganz gut, wenn man so einen Tag mal durchmacht in der Woche, dann passt das ganz gut, das kann man ganz gut auffangen.“ Ich frage ihn, seit wann er konsumiert. „Seitdem ich in Bochum bin. Also vorher ja, aber so drei, vier, fünf Mal im Jahr vielleicht. Seitdem ich in Bochum bin, bin ich Konsument geworden.“ – „Und wieso?“ – „Weil meine Freunde alle Drogen nehmen hier. Alles Drogenjunkies.“ Er lacht. Aktuell passen die Drogen ganz gut in sein Leben, stellen kein Problem dar. „Ich mach mir nur manchmal Gedanken, ob die Phasen des Down-Seins dadurch – oder des Unproduktiv-Werdens – damit irgendwie verknüpft sind.“ Er ist sich nicht sicher. „Ich seh Drogen positiv. Positiv mich widerspiegeln auch. Wie war ich früher, wie bin ich jetzt? Was fehlt dir, damit du wieder Philipp bist und dich lebendig fühlst? Das hab ich alles durch Drogen wiedergefunden. Und ich machs einfach gern. Was ich dann aber auch voll versteh: Ich hab auch nen nüchternen Freundeskreis und die wissen, dass ich Drogen nehme, finden das aber nicht gut. Das ist aber auch ne Perspektive, die ich gut finde, weil das ja nichts ist, was ich jetzt unbedingt –“, er stockt. „Also ich will das schon ein Leben lang machen, mal irgendwie nen bisschen Ketamin oder so ziehen und nen Joint rauchen oder was auch immer. Oder so psychedelische Trips – klar, wenns passt, da muss ja auch Raum für sein und es muss einem gutgehen. Also ich sag dazu ‚Ja‘, verstehe aber auch das Nein.“ Den nüchternen Freundeskreis schätzt er sehr, „weil das son nüchterner Bodenkontakt ist. Deswegen hab ich ja nüchterne Phasen.“

Bei unserem letzten Treffen hatte Philipp mir erzählt, dass er sich einen anderen Lifestyle vorstellt, wenn er an Zukunft und Familienplanung denkt. Ich spreche ihn darauf an. „Ich glaub, ich würd viel gesünder zu mir selbst sein, weil ich dann ja auch gesünder zu anderen Menschen bin. Und es geht einfach beim allein Kochen los. Bei mir ist das Endstadium nicht ne WG – also find ich auch nice, würd ich auch mal, wenn ich in ner neuen Stadt bin, gerade bin ich so auch zufrieden. Aber das so, wenn andere Leute mit einem zusammenwohnen, dann isst man einfach gesünder und dann macht man das lieber und dann kocht man besser und schöner und kauft klüger ein, geht lieber arbeiten. Das ist einfach irgendwie son Endstadium für mich. So family ist glaub ich für mich schon so passion. Und deswegen glaub ich, dass es viel, viel, viel, viel vergesündern würde.“ Ist es denn okay, so wie es gerade ist? Oder fühlt er sich unvollständig, frage ich ihn. „Fühlt sich in Ordnung an, ja. Ich fühl mich echt wie 30. 31 bin ich. Aber fühl mich wie 30, bin nämlich junggeblieben.“ Er lacht.

Wir sprechen über Philipps eigene Familie und auch darüber, wie er das Thema Arbeit bei seinen Eltern erlebt hat, die beide Krankenpfleger:in sind. „Ja, ich bin nen Arbeiterkind. Also meine Eltern haben viel gearbeitet. Hatten aber dann auch Urlaub und so – das war bei uns immer mit dem Fahrrad so – da war auch gemütliche Freizeit möglich, so am Wochenende und so. Und das hat gut gepasst. Aber meine Eltern haben für wenig Geld viel gearbeitet, im Endeffekt betrachtet.“ Ich frage ihn, ob er mit seinen Eltern über seine Gedanken zum Sozialsystem und Arbeit reden kann. „Leider gar nicht. Da hab ich aber andere Eltern für. Zweitfamilie.“ Seine „Zweitfamilie“, das ist ein Kindheitsfreund und seine Eltern. Würde er sich denn wünschen, mit seinen eigenen Eltern solche Gespräche führen zu können, frage ich ihn. „Ja! Ja, aber man muss es leider akzeptieren, dass man das nicht kann. Also ich dachte das früher schon bei vielen Gedanken, die mittlerweile aber bei ihnen angekommen sind, deswegen: Niemals aufgeben! Würd ich schon gerne, ich hätte gern mehr Backup von meiner Familie gehabt, als das war. Ich dachte schon, dass die auch so Richtung Klage und so mehr helfen können.“ Er erzählt von seinem Onkel, der sehr einflussreich und wohlhabend ist. „Und dann dacht ich, dass ich mit dem zusammen einfach aufs Sozialsystem draufhacken kann. Das im Handumdrehen einfach ändern kann. Wie so Zauberei, ne?“ Wir lachen. „Aber von ihm kam dann nur so: ‚Jo, du musst mal grad auf dich selbst chillen!‘“ Ich frage, was seine Eltern zu der Klage gesagt haben, ob sie verstanden haben, warum er das machen will. „Weiß ich tatsächlich nicht, ob die das verstanden haben. Also Grundzüge davon verstehen die, aber die wollten das nie, die haben da immer von abgeraten, weil das so sicherheitsdenkende Menschen sind.“ Doch im Freundeskreis findet Philipp Unterstützung. Ein Freund rät ihm: „Mach das erst, wenn du dich dazu bereit fühlst. Wenn du wieder gesund bist, dann geh auf die los.“

Wie fühlt er sich denn gerade, frage ich. Wie laufen die Dinge für ihn? „Gerade geraten die son bisschen in Stillstand. Aber vorher gingen die stark bergauf. Und jetzt hoff ich, dass wir uns auf nem konstanten Hoch befinden gerade.“ Ich frage Philipp nach seinen Plänen. „Meine Pläne so beruflich gesehen und privat auch sind, dass ich wieder viel Kontakt in der Welt hab mit unterschiedlichen Leuten, an gemeinsamen Projekten arbeiten kann. Dass die Organisation in Fahrt kommt. Dass junge Menschen einfach Mitspracherecht haben im politischen System, dass man das Ganze transparent aufstellt. Dass man da auch politische Arbeit macht, aber viel gesellschaftliche und Bildungsarbeit macht, dass sich auch jüngere Generationen – ich krieg das im Moment ja auch live mit und hab das bei meiner Stiftungstätigkeit auch mitbekommen – dass Leute einfach in dem Alter gar nicht mehr von irgendeiner Berufung oder so was wissen oder sich berufen fühlen. Und das ist halt nen riesengroßes Problem. Weil dieses Sich-berufen-Fühlen ist ja eins der Sachen, von denen ich sag, das fehlt mir im Moment auch und das raubt mir extrem viel Lebenskraft einfach. Weil man muss sich ja irgendwie dazu berufen fühlen, irgendwas zu machen, damit das überhaupt Sinn macht und das ehrlich gemeint ist. Und ich hab da echt Angst vor, dass die Menschen wie so Maschinen abgestellt werden. Nur noch so Arbeit in irgendeiner Industrie und dann rauskommen und dann Familie und dann Feierabend. Voll krass, Roboter ist das russische Wort für Arbeit.“

Und jetzt gerade, ganz konkret, was wünscht er sich jetzt? Er überlegt kurz. „Ich hätte mir gewünscht, dass das Geschäft, wie ich es mir gedanklich schon aufgebaut hab, schon existieren würde und ich mich da einfach drin verlieren könnte, in der Arbeit, und mich nicht mehr mit dem finanziellen Teil der Arbeit beschäftigen muss. Sondern einfach nur noch mit der Arbeit selbst.“ Wieder sprechen wir über Arbeit, über finanzielle Sorgen und finanzielle Wertschätzung. „Also ich würd schon auch gern reich sein, aber ich fühl mich schon rein. Ich glaub das ist wichtiger, sich reich zu fühlen, als reich zu sein. Für mich ist das Reichtum, dass wir uns locker flockig mittags in der Sonne nen Bierchen reinpfeifen und chillen können. Und ich mir zumindest die kleinen Sachen im Leben leisten kann. Man muss ja nicht immer ins Restaurant essen gehen. Aber wenn ich dann so in der DB Lounge mir einen saufen kann – das ist schon geil. Da hat man’s dann geschafft, weißte?“ Wir lachen, und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.  

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