Triggerwarnung: Rituelle Gewalt
Das erste Mal treffe ich Nina in einem Treffpunkt für Frauen hier in der Stadt. Hier können die Besucherinnen im Café frühstücken, Mittag essen, sie können ihre Kleidung waschen, duschen, sich untereinander oder mit den Sozialarbeiterinnen austauschen. Als ich mich ins Café setze, ist es noch recht früh und noch nicht viel los. Zwei, drei Frauen sitzen allein jeweils an unterschiedlichen Tischen. Eine der Sozialarbeiterinnen fragt mich, ob ich auch einen Kaffee möchte und spricht mich dabei mit meinem Vornamen an. Nina blickt auf, schaut zu mir herüber und fragt: „Heißt du Nina?“ Ich bejahe. Sie lacht: „Ich auch!“ und setzt sich zu mir an den Tisch. „Bist du öfters hier?“, fragt sie mich. Ich erkläre ihr, dass ich zwar schon mal hier war, aber nicht regelmäßig hierhinkomme. Dann erzähle ich ihr von dem Projekt, an dem ich arbeite. Sie ist direkt begeistert – „Da mach ich auf jeden Fall mit!“ Ich merke sofort, Nina hat viel zu erzählen. Sie spricht schnell, schiebt immer wieder neue Gedankenstränge ein. Und sie lacht viel, schaut mir beim Reden in die Augen und mustert mich aufmerksam, wenn ich etwas frage oder erzähle.
Wir sprechen viel bei unserem ersten Treffen. Eines der ersten Dinge, die sie mir erzählt, ist, dass sie Dämonen sieht. Ob die jetzt gerade auch da sind, frage ich sie. „Ja ja, die sind eigentlich ständig da, aber ich ignorier die. Weißte, das ist, wie wenn du an der Bushaltestelle stehst, und da sind andere Leute. Die nimmst du ja auch wahr, aber eher so nebenbei.“ Ich kann mir ihr Beispiel gut vorstellen und nicke. „Ich bin aber nicht bekloppt oder so!“ Das sehen auch ihre Ärzt:innen so. Regelmäßig sieht sie einen Psychiater; auch verschieden Psycholog:innen hat sie im Laufe ihres Lebens besucht. Nina ist vieles, aber sicherlich nicht bekloppt. Sie ist Exorzistin und Theologin. Sie hat im Ausland gelebt und ist seit einigen Jahren in Essen. Sie ist handwerklich und kreativ begabt, ruppig und gleichzeitig fürsorglich, sehr direkt und impulsiv. Und sie hat schwere rituelle Gewalt erfahren in ihrem Leben und baut sich vieles neu auf, was ihr durch „die“ genommen wurde. Davon erzählt sie mir bei unseren Treffen. Aber auch von ihrem Alltag: ihrer älteren Nachbarin, für die sie regelmäßig einkaufen geht und mit der sie viel Zeit verbringt, von ihren Weiterbildungsmaßnahmen, den Katzen, die sie zu sich genommen hat und den Renovierungsarbeiten in ihrer Wohnung.
Mittlerweile treffen wir uns zum vierten Mal, ich habe die entwickelten Fotos dabei und wir wollen über die Bilder reden. „Meine Fotos hab ich um meinen Ausstieg herum gemacht. Also aus dem Orden. Aus diesem Satansorden“, erklärt sie. Dann zeigt sie auf das Aufnahmegerät, das zwischen uns liegt und fragt: „Nimmst du das schon auf?“ – „Ja.“ – „Machst du kurz Pause?“ Ich stoppe die Aufnahme und sie erklärt mir nochmal, worauf ich achten soll beim Schreiben, was ich auslassen und nicht nennen soll. Keine Namen, keine genauen Orte, das ist ihr wichtig. Ihren eigenen Namen möchte sie aber nennen. Sie wirkt angespannter als sonst, angestrengter und weniger fröhlich. Ich merke, sie möchte heute bei allem, was sie sagt, direkt auf den Punkt kommen, nichts falsch sagen, nichts vergessen. Als sie wieder ansetzt und von dem Orden erzählt, frage ich sie: „Wollen wir vielleicht damit anfangen, dass du einmal erklärst, was der Orden ist?“ Sie nickt. „Also ich war – für einen sehr langen Zeitraum – bin ich verfolgt worden von einem satanischen Blutorden. Ich bin da ausgestiegen – also ich sollte reingezogen werden mit einer satanischen Zwangserziehungsmethode und bin dem aber entwichen. Und darum geht’s auch in den Bildern, das ist die Kurzerklärung.“

Ich lege das erste Bild zwischen uns. Es zeigt den Raum, in dem wir gerade sitzen, den Treffpunkt, in dem wir uns kennengelernt haben. Ich frage sie, seit wann sie hierhinkommt. „Ich bin 2016 von England zurück nach Deutschland gekommen, dann war ich sechs Wochen in der Lichtstraße, in der Notschlafstelle. Und nachdem ich meine Wohnung gefunden hab, hatte ich hier von dem Treffpunkt gehört und da bin ich hergekommen, so hat sich das ergeben.“ Seitdem ist sie regelmäßig hier. „Ich kenn hier jeden“, sagt sie lachend. „Ist das für dich auch son bisschen wie son zweites Wohnzimmer?“, frage ich. „Nein. Das nicht. Aber ich komm schon relativ regelmäßig und auch gerne her. Also ich komme nicht ständig – ja doch, schon regelmäßig, allein, weil meine Waschmaschine kaputt ist und ich hier waschen kann. Schon, aber mein Wohnzimmer ist bei mir zuhause.“
Sie fährt fort und erzählt, dass sie in der Zeit, als sie nach Deutschland zurückgekehrt ist, unter einem massiven Gedächtnisverlust litt. Dieser, so erklärt sie weiter, sei bewusst durch den Orden hervorgerufen worden, „damit man nicht zur Polizei gehen kann, damit die einen leichter kontrollieren können. Es wird auch mitunter eine gespaltene bis multiple Persönlichkeit angelegt, was bei mir auch nicht funktioniert hat, ich hab das nicht. Ich hab mir mein Gedächtnis auch selber wieder hergestellt. Und als ich ne Weile hierhergekommen bin, hat eine Sozialarbeiterin hier festgestellt, dass ich immer das Gleiche sage. Und dass da ja wohl was dran sein muss. Und dann hat sie mir geholfen, weil sie gemerkt hat, dass ich auf der Stelle trample, ne Psychiaterin zu finden, die auf das Thema spezialisiert ist.“ Auch eine Ausstiegsberatung und eine Sektenbeauftrage finden sie gemeinsam. „Und die helfen mir jetzt die Sachen, die ich wieder weiß – Namen und so weiter – zur Polizei zu bringen und so weiter und sofort. Sodass auch rechtliche Schritte eingeleitet werden können. Also das ist schon wichtig.“
Ich frage sie, ob sie mir den Prozess beschreiben kann, durch den sie Erinnerungen zurückgewinnen konnte. „Ich hab mir selber ein Triggerskript geschrieben, ich hab auch die passenden Ausbildungen dafür gemacht.“ In England hat Nina Theologie und Counseling – also psychologische Beratung – studiert. Außerdem war sie auf der Exorzistenschule und hat ein Zusatztraining als Profilerin absolviert, um die Polizei bei der Erstellung von Täterprofilen zu beraten. „Also am Anfang ist es so gewesen, ich konnte mich an so gut wie gar nichts mehr erinnern, am Anfang gar nichts mehr!“ – „Wie groß ist die Zeitspanne? Also ALLES oder ein bestimmter Zeitraum deines Lebens, der weg war?“ – „Also als ich 37 war und festgestellt hab, dass irgendwas nicht stimmt in meinem Kopf – das ist auch von allein losgegangen – da hatte ich festgestellt, da waren ca. 33 bis 35 Jahre weg. Ich konnte mich nur noch bruchstückhaft daran erinnern, wie ich heiße, wann ich geboren wurde. Also es war wirklich fast alles weg.“ – „Aber so dein Kurzzeitgedächtnis?“ – „Das geht. Konzentrationsstörung, die ganzen Folgeschäden natürlich schon.“ – „Und das war dann der Punkt, dass du gemerkt hast: Okay, irgendwas ist.“ – „Ich wusste, was es ist, so ungefähr. Ich hatte aber auch zwei Freunde in England, die mir am Ende geholfen haben. Die konnte ich jetzt leider nicht fotografieren, weil die in England sind“, sie lacht. Die Zeit in England ist jedoch nicht das erste Mal, dass sie sich bewusst wird, dass sie unter Gedächtnisverlust leidet. „Die haben mir mehrere Male – das ging über mehrere Jahrzehnte. Wenn ich mir mein Gedächtnis wiederhergestellt hab, wurd es wieder weggezogen, das war ein richtiger Brachialkampf gegen die. Die machen sowas mit Absicht, das nennt sich rituelle Gewalt.“ Sie holt ihr Handy aus der Hosentasche und zeigt mir ein Foto von sich und einem der Freunde, die ihr in England geholfen haben. „Da sieht man das auch am Gesichtsausdruck, dass ich Matsche in der Birne bin. Siehste was ich meine?“ – „Hmm, du siehst ein bisschen müde aus“, beschreibe ich, was ich sehe. „Ne“, antwortet sie knapp. „Ich zeig dir nochmal ein Bild aus der Verfolgungszeit. Das hab ich gemacht währenddessen. Das war kurz vor Schluss. Das ist nochmal an dem Tag. Du siehst im Gesichtsausdruck – so guckt keiner. Hier, das ist die andere Freundin. Die beiden waren das. Da sieht man auch am Gesichtsausdruck, man sieht das. Ich seh aus, als sei ich geistig behindert.“ – „Das klingt hart“, sage ich. „Ja wieso? Es ist so! Wenn einem über mehrere Jahrzehnt Elektroschocks durch den Kopf gejagt werden und am Ende nochmal einer draufgehauen hat, dann sieht man halt so aus. Das ist ja nichts Schlimmes. Man sieht es aber – du siehst, was ich meine, ne?“ Sie findet noch ein Bild auf ihrem Handy, zeigt es mir und erklärt, was genau ihr dabei widerfahren ist. Wieder will sie sich versichern, dass ich auch sehe, was sie auf dem Bild sieht. „Du siehst, was ich meine, ne?“ – „Ja, ich seh, was du meinst.“ – „Gut.“
„Und dein Ausstieg, hat der angefangen mit der Zeit in England?“, frage ich. „Ich bin – ich bin da nicht – ich bin da nie eingestiegen! Also die haben versucht mich da reinzumanipulieren und ich bin da – ich bin von vorneherein gleich ausgestiegen, weil ich da kein Bock drauf hab! Hatte ich nie, hab ich nicht und werde ich auch nie haben, so einfach ist das.“ Sie fährt fort: „Im Regelfall ist das auch so, dass die die Leute Straftaten begehen lassen, um sie hinterher zu erpressen, um dabei zu bleiben. Das fällt bei mir auch raus. Ich kann ohne Probleme zur Polizei gehen. Ich habe es trotz dieser extremen Manipulationen geschafft, niemanden umzubringen, obwohl die einen darauf hinerziehen oder hinmanipulieren wollen, sagen wir‘s mal so.“ Am Anfang wurde sie gefragt, was sie will: unterdrücken oder unterdrückt werden. Sie will keins von beidem, will weg von „denen“; mehrmals geht sie zur Polizei. Sie erzählt davon, wie „die“ versucht haben, sie umzubringen, dass sie ihren Sohn getötet haben, als er noch ein Baby war. Hilfe findet sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Die haben alles daran getan, mich entweder aussehen zu lassen, wie ne Verrückte oder wahlweise haben sie mir das Hirn weggeblasen, also die Erinnerung rausgelötet.“ Wieder merke ich, dass es Nina wichtig ist, dass ich ihr glaube, dass ich eben nicht denke, sie sei „verrückt“. „Hab ich dir das Schriftstück geschickt?“, fragt sie plötzlich. „Ne“, antworte ich. „Mach ich gleich noch. Ich bin noch mit ner Sozialarbeiterin zusammen zu ner Psychiaterin gegangen und auch zu ner Sektenbeauftragten und das ist bestätigt, dass was ich sage auch korrekt ist. Also ich schick dir das gleich.“ – „Ich glaub dir das auch so“, entgegne ich ihr. „Ja nö, aber wenn …“, sie stockt, „Sicherheit ist gut.“ Dann fährt sie fort, hält wieder das erste Foto hoch: „Und deswegen hab ich als erstes den Treffpunkt hier fotografiert, weil die Dame mir halt so viel geholfen hat. Und auch so, ich komm auch gerne her und es ist auch so n bisschen Rückhalt auch, ne? Von den Sozialarbeitern, auch wenn ich irgendwas habe und so, gerade was das angeht, das Thema.“ Sie erzählt mir, dass ihr ein Satz immer wieder gesagt wurde, während sie Gewalt erfuhr: „Niemand wird dir glauben.“ Dass dem nicht so ist, dass es Menschen gibt, die ihr glauben und zuhören, sieht sie auch als einen Triumph gegenüber den Täter:innen. Sie redet weiter, redet schnell, redet sich in Rage. Sie nimmt den Stapel Fotos, der vor mir liegt. „Warte mal kurz, darf ich die Fotos mal nehmen?“ Beim Sprechen verhaspelt sie sich immer wieder und blättert zügig durch die Bilder.

Sie hält mir ein Foto hin und erzählt von einem anderen Projekt, das ebenfalls hier im Gebäude stattfindet und in dem sie gearbeitet hat. Damals, als sie noch unter dem Gedächtnisverlust litt. „Ich hab damals Hochbeete mit denen zusammen gemacht, aber die sind nicht mehr da, deswegen hab ich das stattdessen fotografiert. Das ist im dritten Stock, da hab ich zwei Jahre gearbeitet.“

Sie blättert weiter – nächstes Bild. Es zeigt eine Kirche; große Graffiti sind auf der Fassade zu sehen. „Und das zum Beispiel, das erklär ich dir jetzt, das ist eine Kirche. Und wenn man diese Kürzel auf diesen Kirchen sieht, das sind deren Händlerkürzel. Das sind DIE.“ – „Was meinst du mit Händlerkürzel?“ – „Händler, das sind deren Händler.“ – „Mit was handeln die?“ – „Mit was handeln die wohl?“, fragt sie leicht genervt und schaut mich an. „Menschen, meinst du?“, frage ich. „Ja. Das sind diese diabolischen Händler. Die haben solche Kürzel. Deswegen hab ich mal eine fotografiert.“ Nächstes Bild: ein Spielplatz, eine Schaukel und ein Klettergerüst. „Das ist eines der Dinge – das sind Sportübungen, mit denen ich mir mein Gedächtnis wiederhergestellt habe. Ich bin auf Spielplätze, hab Trainingseinheiten gemacht und so weiter und so fort.“

Schnell blättert sie weiter. Auf dem nächsten Bild ist eine blühende Blume auf einer Wiese zu sehen. „Unter anderem hab ich Fotos geschossen so wie das oder das, um einfach auch positive Aspekte, Positiv-Trigger zu setzen.“ Ich versuche, einen Schritt zurückzugehen, auf eines der vorangegangenen Bilder einzugehen. „Kannst du ein bisschen was zu dem Projekt mit den Hochbeeten erzählen?“ – „Was willst du denn da wissen?“, fragt sie skeptisch. „Also was du da gemacht hast.“ – „Das ist ne Kreativwerkstatt. Also das hat mir mein Arbeitsberater – er hat zu mir gesagt: ‚Sie müssen im Moment noch nicht arbeiten, denn wer weiß, was Ihre Amnesie noch alles hochbringt.‘ Also der weiß das auch. Und da hab ich nur zu ihm gesagt: ‚Ja nun, wenn ich den ganzen Tag zuhause sitz und mir die Birne explodiert, bringt das auch nichts weiter. Dann hat er mich fürs erste in die Kreativwerkstatt gebracht. Und da hat die Frau, die das leitet – die weiß das halt auch – und die hat mir dann auch immer so Aufgaben gegeben, die nicht unbedingt standardmäßig sind, weil ich kann gut schleifen und Möbel zusammenbauen und so. Stühle abschleifen, ich hab Boxen gebaut für so ne Hilfsorganisation, da wo die ihr Zeug reinlegen können und alles sowas. Die hab ich auch selber bemalt und dekoriert. Da hab ich auch n richtiges Lob für gekriegt.“ Wieder blättert sie schnell weiter. Ein Bild von der Tram-Haltestelle, von der sie fährt, wenn sie nicht zu Fuß geht.

Dann ein Bild aus ihrer Wohnung.

Nächstens Bild. „Das ist stellvertretend fürs Theologiestudium, n Foto von ner Kirche.“ – „Und wie war das so im Studium?“ – „Wie meinst du das?“, fragt sie und schaut mich dabei abermals skeptisch an. „Also wie waren deine Kommiliton:innen? Hat dir das Spaß gemacht? Wie war die Uni? Wie war die Zeit damals?“ – „Ich hab das einfach nur aus Sturheit gemacht, um die Opferrolle abzublocken. Deswegen auch die Exorzistenschule danach.“ Ich stelle ihr weitere Fragen zu ihrer Studienzeit, wie lange sie in England war, wie sie gelebt hat. Sie antwortet knapp und blättert weiter durch die Fotos, hält das nächste zwischen uns.

Darauf zu sehen ist eine Lore wie sie unter Tage genutzt wurde, doch anstelle von Kohle schauen Pflanze heraus. „Das ist stellvertretend für meine neue Heimat, Nordrhein-Westfalen. Das ist ja auch typisch für Essen“, sagt sie schnell, als müsse sie einen Vortrag rasch über die Bühne bringen.

Nächstes Bild. „Das ist ein kleiner Hund, auf den ich ab und zu mal aufpasse. Das ist hier ähm nochmal ne Kirche. Das ist der Stadtteil halt, das ist so da, wo ich wohne.“
Sie ist so schnell durch die Fotos gegangen, dass ich noch viele Fragen habe, viele Punkte, an die ich anknüpfen möchte. „Da waren ganz viele Sachen, ich spul nochmal nen bisschen zurück. Willst du ein bisschen von dem Studium erzählen oder eher nicht so?“ – „Warum – was willst du denn da wissen?“, fragt sie gereizt. „Wie das so war, die Zeit.“ – „Ganz normales Theologiestudium. Wegen dem Exorzismus oder wie? Das möchte ich nicht so gerne.“ – „Ne, auch wegen dem Studium, also einfach son bisschen ein Einblick in deine Studienzeit. Weil das ja auch ein großer Abschnitt im Leben ist, oder?“ Wieder merke ich, dass sie angespannter ist als bei unseren vorherigen Treffen. Sie wirkt kontrollierter, misstrauisch und konzentriert. Ich weiß, dass sie ihre Geschichte erzählen möchte und dass es ihr wichtig ist, sie richtig zu erzählen, nicht missverstanden zu werden, nichts auszulassen, was für ihre Geschichte wichtig, nichts dazu zu nehmen, was irrelevant ist.
Nina erzählt ein wenig von ihrer Studienzeit, während der sie immer noch unter Verfolgung stand. Sie wollte lernen – Wissen erlangen über Theologie, Exorzismus – und so den Täter:innen etwas entgegensetzen. „Darum gings mir nur. So mit meinen Mitstudenten und so weiter hab ich nicht viel zu tun gehabt. Und das wollt ich auch nicht. Das hat nichts damit zu tun, dass ich misstrauisch bin oder so.“ – „Also wars jetzt einfach son Mittel zum Zweck?“ – „Das war Mittel zum Zweck, richtig. Genauso wie das Thema Exorzismus.“ Ihr Wissen nutzt sie aber auch weiterhin: Einmal die Woche arbeitet sie freiberuflich als Ausstiegsberaterin für Sektenverfolgung. Dass sie sich nicht nur theoretisch, sondern auch aus der Perspektive einer ehemals Betroffenen mit der Thematik auskennt, ist für ihre Arbeit enorm hilfreich.
Die Nachfrage nach ihrer Ausstiegsberatung, erzählt sie mir, übersteigt ihre Kapazitäten. Aber auch, wenn sie selbst nicht mit den Betroffenen arbeiten kann, versucht sie, sie weiterzuvermitteln. „Es gibt hier noch ne andere Sektenberatung hier in Essen, da bring ich die hin. Oder ich bringe die zu Trägern, die Betreuer anbieten, die mit denen irgendwo hinkönnen. Es gibt in Essen eine Psychiaterin, die sich gut damit auskennt. Dann gibt es noch die Ausstiegsberatung in Münster, also das Hilfsangebot ist doch heutzutage schon deutlich besser als noch vor 20 Jahren oder so. Es gibt schon viele Leute, die sind alle richtig gut.“ – „Man muss es halt nur wissen, ne?“, kommentiere ich. „Richtig. Und wenn die mich halt ansprechen, selbst wenn ich es selber nicht machen kann, dann kann ich immer noch sagen, dann gehste DA hin.“ – „Was würdest du denn sagen, was dein Antrieb ist bei diesen ganzen Sachen, mit dem Studium, mit dem Profiling, mit der Beratung?“, frage ich sie. „Hab ich doch gerade gesagt, um die Opferrolle abzublocken und einfach, das war der einzige Weg nach draußen. Keine kriminellen Aktivitäten und möglichst viel Wissen.“ Ich frage, ob Teil ihrer Motivation auch ist, dass anderen Menschen nicht das widerfahren soll, was ihr widerfahren ist. Sie überlegt. „Also das hört sich … ich bin“, sie setzt immer wieder neu an. „Ich habe zu denen gesagt: ‚Pass mal auf, ich werd bis an mein Lebensende irgendeinen legalen Weg finden, um euch regelmäßig an die Karre zu pissen.‘ Und das ist eigentlich eher ein Rachezug.“ Indem sie anderen Menschen hilft, von „denen“ wegzukommen, wehrt sie sich, widersetzt sich – und rächt sich.
Sie fährt fort und erzählt mir, dass sie gerade ein Buch schreibt. Eins hat sie bereits geschrieben und übersetzt es gerade aus dem Englischen ins Deutsche: „Wie Satanismus und häusliche Gewalt sich kreuzen“. Ob sie es veröffentlichen möchte, weiß sie noch nicht so genau. „Weil da auch Teile von meinem Ausstieg drin sind und ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich das jetzt unbedingt so öffentlich machen will.“ Ich frage sie, wie die Menschen in ihrem Alltag reagieren, wenn sie ihnen von ihrer Geschichte erzählt. „Da achte ich nicht mehr drauf. Das ist mir egal. Naja gut, in der Zeit, wo ich gerade aus England wiederkam, da war ich gerade zwei Jahre draußen. Und da – der Teufel hat in meinem Bett gesessen, ich hab voll die Gedächtnislücken, ich hab nur Scheiße gelabert – ‚Ich bin Exorzistin und der Teufel sitzt in meinem Bett‘ – was ist das denn für ne Aussage? Dass die alle gedacht haben, dass ich verrückt bin, ist ja kein Wunder“, sie lacht. „Aber das ist so ne Konsequenz von deren Behandlung, die Leute sollen ja glauben, dass ich irre wäre. Aber ich bin immer dabeigeblieben und hab immer alle damit genervt“, wieder lacht sie. Es gab Menschen, die ihr glauben, die bei ihr bleiben. „Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nur noch, wie ich heiße und dass irgendwelche Satanisten hinter mir her waren. Ich wusste nicht mal mehr, wer es gewesen ist, ich wusste gar nichts mehr. Also so gut wie gar nichts mehr.“
Sie erzählt mir jetzt ein bisschen mehr von der Zeit in England, der Zeit, kurz bevor sie zurück nach Deutschland gekommen ist. Sie beginnt an dem Punkt, an dem sie ihr Mietshaus kündigt. „Ich hatte irgendwann die Schnauze so voll gehabt, ich hab so einen Kopf gehabt von diesen E-Schock-Behandlungen und diesen Manipulationsbehandlungen. Dann hab ich mein Haus aufgegeben, hab meine Sachen verschenkt und bin in den Wald gezogen, für vier Monate oder so.“ Ihre beiden Freund:innen, von denen sie mir bereits erzählt hatte, besuchen sie dort regelmäßig. Als sie im Wald lebt, geht sie einmal die Woche zu einer Therapeutin in der Stadt, die ihr über eine Frauenhilfsorganisation vermittelt wurde. Ich frage sie, wie das für sie war? „Boa, ich hab der die ganze Zeit irgendwas von Dämonen und dem Teufel erzählt. Die guckte mich auch immer so an. Ich hab gesagt: ‚Denken Sie, dass ich bekloppt bin?‘ – ‚Warum, haben Sie das Gefühl?‘. Ich so: ‚Meinen Sie, dass ich in die Psychiatrie muss, oder nicht?‘ Da guckte sie mich wieder so an: ‚Haben Sie das Gefühl?‘ Ich so: ‚Nein! Aber Sie gucken mich die ganze Zeit so an, als wenn Sie das Gefühl hätten, als wenn ich in die Psychiatrie muss.‘ Und dann hat sie gesagt: ‚Naja, ich bin mir nicht sicher.‘ Ich so: ‚Gut, machen wir’s doch einfach so, sie beobachten mich noch ne Weile und dann sagen Sie mir hinterher, ob Sie bei der Meinung auch geblieben sind.‘ Das hat man einfach gesehen, wie sie mich so angeguckt hat. Die war gerade mit ihrem Studium fertig, die Arme und dann hört die von mir gleich die ganze Ladung“, sie lacht. „Da wusst ich nicht mal mehr, dass das rituelle Gewalt heißt, überleg mal!“ Ich frage sie, ob ihre Freunde mitbekommen haben, was ihr widerfahren ist. „Am Ende ja. Die sind zur Polizei gegangen, das ganze Programm.“
Doch wieder gibt es einen Bruch, eine Zeitlang lebt Nina in einer größeren Stadt in Großbritannien auf der Straße. „Ich hatte auch n Gewerbe angemeldet, ich hab da Bilder verkauft auf der Straße. Ich bin auf der Straße geblieben. Ich hatte zwar Geld am Ende, aber ich hatte kein Bock irgendwo zu wohnen.“ Sie schläft unter einem Vordach hinter einer Kirche. Die Mitarbeiter:innen auf dem Kirchengelände wissen davon, lassen sie aber gewähren. „Es ist jetzt für mich nicht schlimm gewesen, auf der Straße zu sein. Morgens hat der Gärtner mich zwischen sechs und sieben geweckt, weil spätestens um neun musste ich alles weggeräumt haben, was dann auch passiert ist. Hinten hat der mir so ein kleines Fach gegeben, da konnte ich mein Schlafsack und so reinpacken. Und dann bin ich morgens in so ein Obdachlosenzentrum, hab geduscht. Da konnte ich auch Kleidung waschen und so weiter. Mit denen hab ich mich auch gut verstanden. Da hab ich auch meinen Sozialarbeiter gehabt. Mit dem hab ich auch ab und zu noch Kontakt. Ab und zu mal schreiben: ‚Wie geht’s?‘ oder so.“ Sie bleibt nicht nur in dieser Stadt, zieht weiter. „Ich bin einmal quer durch ganz England geeiert.“ Sie zeichnet selbst Bilder oder kauft welche, um sie auf der Straße weiterzuverkaufen. „Mir ging’s nicht schlecht oder so. Ich bin einfach nur auf der Straße geblieben, weil ich kein Nerv mehr hatte. Ich hatte kein Bock, irgendwo zu wohnen, ich hab mich so gut wie mit niemandem unterhalten, weil ich eh nur noch gestottert und gesülzt habe, durch diese Kopfbehinderung.“ Doch irgendwann, erzählt sie mir, wird sie verfolgt. Knapp ein Jahr nach ihrem Ausstieg ist sie sicher, dass jemand auf sie angesetzt wurde. „Der hat sich an meine Hacken geklemmt, den haben die wie gesagt auf mich angesetzt.“ Eines Nachts greift der Mann sie in ihrem Zelt an. Sie geht zur Polizei, erstattet Anzeige. Die Polizei hilft ihr, zurück in die Stadt zu kommen, in der ihr Sozialarbeiter sitzt. „Die haben mir echt viel geholfen, das kann ich nicht anders sagen. Die Engländer find ich schon cool.“ Auch als sie wieder in Deutschland ist, hilft ihr britischer Sozialarbeiter ihr noch. Gemeinsam mit der deutschen Sozialarbeiterin, die sie von Anfang an unterstützt hat, nimmt sie Kontakt zu ihm auf. „Weil ich ihn fragen wollte, ob er mir helfen kann, an die Polizeiunterlagen ranzukommen und an meine Ausbildungsunterlagen und so weiter.“ Er hilft ihr mit allen Unterlagen.
Mittlerweile sitzen wir im Hof vor dem Gebäude, Nina raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Wieder schwärmt sie von Großbritannien, erzählt mir, wie wohl sie sich dort fühlt. „Vermisst du denn England manchmal?“, frage ich. „Ja, absolut! Ich hab aber noch viel Kontakt, gerade zu den beiden Freunden, von denen ich erzählt habe.“ – „Hast du denn überlegt, mal wieder dorthin zu gehen?“ – „Ja, aber ich bleib lieber hier. Ich wird nochmal irgendwann nen halbes Jahr da arbeiten oder so, das hab ich schon mit meinen Freunden abgesprochen. Aber dann muss auch sicher sein, dass ich meine Wohnung hier halte. Nochmal von vorne anfangen… Ich hab ja auch alle meine Ausbildungen nochmal gemacht hier. Ich hab im Fernstudium Psychotherapeut-Heilpraktiker gemacht, dann den großen Heilpraktikerschein, den Hypnoseschein, NLP-Schein und jetzt mach ich nochmal das erste und letzte Semester Theologie nach, um mein Gedächtnis aufzufrischen.“ – „Krass!“ – „Ja, Amnesie ist Amnesie, da kann man nichts machen. Ich hab ein Bibelstudium gemacht bei den Zeugen Jehovas, jetzt geh ich noch ein Koranstudium machen in der Moschee und dann kommt Theologie halt dran, ne? Aber Theologie hab ich mir zum Schluss aufbewahrt, weil das immer mein Liebling gewesen ist.“ Wir lachen. Sie fährt fort: „Das, was ich bin, nennt sich resilient. Ich hab nen ziemlich hohen Resilienzpegel. Die konnten machen, was die wollten. Die konnten mich auf die Straße schmeißen und so weiter und sofort. Zum Schluss hab ich selber fröhlich auf der Straße gewohnt“, wieder lacht sie laut.
Auch strukturell bekommt sie Unterstützung, um sich weiterzubilden, sich wieder etwas aufzubauen. „Ich war erst im Fallmanagement, also das heißt intensivere Betreuung, da hatte ich einen Arbeitsberater, der war top. Jetzt hab ich nen Arbeitsberater, der ist auch top. Und die machen auch, was die können. Am Anfang haben die natürlich auch gedacht – mein Arbeitsberater hat fairerweise zu mir auch gesagt: ‚Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll, was Sie mir gerade erzählt haben, aber warten wir erstmal ab.‘“ Nach der Kreativwerkstatt sucht sie sich Fortbildungen, die sie machen möchte, und ihr Berater unterstützt sie. „Jetzt, wo der sieht, dass das, was ich sage, Hand und Fuß hat, hat der kein Problem mehr damit. Er musste sich aber – was ja auch in Ordnung ist – erstmal absichern, dass ich ihm nicht einen vom Pferd erzähle. Er hatte sowas halt noch nie gehört vorher. Das hab ich ihm auch nicht übel genommen. Er ist wenigstens ehrlich gewesen. Solange die Leute mir nicht vorgaukeln, dass die mir das glauben und hinter meinem Rücken sagen: ‚Die Alte ist bekloppt‘ – was auch vorgekommen ist, jetzt aber nicht bei offiziellen Leuten – ne, da ist mir der aber lieber.“ – „Ist das öfters passiert?“ Sie nickt. „Okay. Aber so die Leute in deinem engen Umfeld, deine Freunde und so?“, frage ich. „Nein!“ Ninas Freundschaften dauern teilweise bereits mehrere Jahrzehnte an. „Die stehen auch hinter dir?“ – „Ja klar!“
Ich frage sie nach ihrem Alltag und den Menschen in ihrem Leben. „Ich gehe zu den Kursen, dann komm ich einmal die Woche her, Klamotten waschen. Dann zu meiner Nachbarin, geh Freunde besuchen. Ich geh noch putzen nebenbei, einmal die Woche. Und ich mach auch saisonbedingt Balkonreinigung. Und ich will jetzt auch so Alltagshelferin machen, das ist das, worauf ich hinarbeite, dass ich mich da selbstständig mache, weil da kann man auch mit Krankenkassen abrechnen. Und mein Arbeitsberater wird mich dabei auch unterstützen. Ob das klappt oder nicht, wird sich dann noch rausstellen. Also ich geh auch immer Pfandflaschen sammeln, so hab ich auch mein Fernstudium bezahlt und meine Heilpraktikerausbildung und so weiter und sofort. Und jetzt auch das erste und letzte Semester der Theologie, für die Gedächtnisauffrischung, das ist auch Fernstudium. Ich geh jetzt nicht nochmal in die Uni, da hab ich keinen Nerv drauf.“ Auch zu ihrem Psychiater geht sie weiterhin regelmäßig. Eine:n Psychotherapeut:in besucht sie jedoch nicht. Die Verhaltenstherapie, die ihr im Rahme ihres Kurses vom Arbeitsamt vorgeschlagen wird, lehnt sie – auch in Rücksprache mit ihrem Psychiater – ab. Sie möchte nicht alles wieder erzählen, glaubt, dass das zu viel in ihr auslöst. „Wenn ich nochmal von vorne anfangen muss, kannste es gleich vergessen. Also ich muss jetzt nicht absichtlich irgendwelche Rückschritte herbeiführen. Also mein Leben läuft jetzt ganz normal ab und deswegen hab ich auch die Fotos eigentlich eher positiv gestaltet mit Blumen und so weiter, weil einfach – ich bin das lebende Beispiel dafür, dass es auch anders geht. Das ist auch wichtig.“ – „Bist du da stolz drauf?“, frage ich sie. „Mh, nicht übertrieben. Ich bin froh, dass ich’s hab sein lassen, ja. Ich bin froh, dass ich nicht so geworden bin, wie die es gerne gehabt hätten.“
Plötzlich geht das Fenster hinter uns auf, die Sozialarbeiterinnen geben Bescheid, dass nun die Essensausgabe beginnt. Nina tritt ihre Zigarette aus und sagt, sie gehe jetzt rein. Wenn ich noch Fragen habe, soll ich mich einfach melden.
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