Ich laufe über den Ehrenzeller Platz und sehe schon von Weitem jemanden am anderen Ende auf einer Bank sitzen. Als Treffpunkt hatten wir die Kletterwand, neben der sie wartet, ausgemacht, und während ich näherkomme, schaut mich die junge Frau suchend an. Ich lächle ihr zu und als ich die Hand hebe, steht sie auf und lächelt zurück. „Ich war mir nicht sicher: ‚Ist sie das?‘“, sagt sie lachend. Narmin und ich treffen uns heute das erste Mal persönlich. Ein paar Wochen zuvor spreche ich im Mädchentreff Perle, nur ein paar Minuten entfernt von dem Platz, auf dem wir jetzt sitzen, mit den Mitarbeiterinnen dort über das Projekt. Eine der Frauen erzählt Narmin davon und fragt sie, ob sie teilnehmen möchte. „Ich fand das total schön, weil ich auch gerne in meiner Freizeit Fotos mache, und das war so irgendwie perfekt, weil in den Ferien mach ich auch mehr Fotos“, erzählt Narmin mir jetzt. „Ich will mir auch irgendwann ne eigene Kamera kaufen. Das war irgendwie so ein perfekter Start.“ Ich frage sie, ob sie schon mal analog fotografiert hat. „Ja, aber nicht in so nem Projekt. Ich mach immer nur Fotos für mich. Deswegen war das auch ganz neu. Und ich wollte es auch perfekt machen“, sie lacht, „und hab dann so überlegt: ‚Was mach ich, was mach ich?‘ Ich hatte wirklich viele Ideen, ich wollte vor allem Momente in meinem Alltag festhalten. Ich hab mir dann auch Sachen aufgeschrieben, die ich fotografieren wollte – Sachen wie Bücher oder den Park, da geh ich auch oft spazieren.“
Zum Mädchentreff Perle geht sie, seit sie neun oder zehn ist. Mittlerweile ist sie 18. Ich frage sie, wie sie auf die Einrichtung gekommen ist. „Also ich bin gar nicht hier geboren. Als wir hierhingekommen sind, war ich acht Jahre alt und dann bin ich hier zur Grundschule gegangen, und da hab ich ein Mädchen kennengelernt und sie kannte die Perle. Und dann hab ich sie irgendwann gefragt, was sie nachmittags macht und dann meinte sie, dass sie hierhinkommt. Dann bin ich mitgegangen.“ Mittlerweile lebt sie in Frintrop, kommt aber trotzdem noch zur Perle. „Nur zum Club. Sonst war ich immer unter der Woche hier, aber jetzt hab ich Schule, auch lange. Und ich muss lernen. Deswegen geh ich nur freitags dahin.“ Bevor sie umgezogen sind, hat die Familie in Altendorf gelebt, aber die Wohnung war zu klein; Narmin teilte sich ihr Zimmer mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder. Ihr Bruder geht auf dieselbe Schule wie sie. Manchmal nervt er, erzählt sie, aber ansonsten ist das Verhältnis ganz gut. Narmin ist jetzt in der 12. Klasse, macht nächstes Jahr Abitur. Sie geht in Rüttenscheid aufs Gymnasium. Für den Schulweg braucht sie fast eine Stunde. Ich frage sie, warum sie auf diese Schule geht. „Mein Vater fand die so toll. Ich fand die auch wirklich gar nicht so toll und ich wollte dahin, wo meine Freundinnen hingehen. Aber dann wurde ich da angemeldet und jetzt find ichs eigentlich perfekt, ich bin da gerne in der Schule.“ Sie weiß noch nicht, was sie nach dem Abi machen will, auf jeden Fall studieren. Ein paar Sachen kann sie schon ausschließen, erzählt sie. „Medizin. Das ist nicht so meins. Sprachen – also da bin ich jetzt nicht so schlecht, aber das ist auch nicht so meins. Wissenschaft auch nicht so. Ich mag so das Thema Gesellschaft. So den Bereich find ich ganz interessant.“
Ich hole die Fotos aus meiner Tasche und zeige ihr das erste Bild. „Das ist der Stadtpark, das ist da, wo meine Freundin wohnt. Und da geh ich auch gern spazieren.“ In der Freistunde vorm Sportunterricht sind sie meistens hier. Fast alle ihre Freundinnen wohnen im Essener Süden, in Rüttenscheid. Ich frage, ob es dadurch schwierig ist, sich zu treffen. „Es geht. Also wir treffen uns sowieso nicht so oft, weil jeder irgendwie für die Schule lernt oder seine Hobbies hat und arbeitet. Aber wenn, dann treffen wir uns immer so am Hauptbahnhof oder fahren irgendwo zusammen hin.“ Auch Narmin arbeitet mittlerweile neben der Schule. „Ich such schon seit einem Jahr glaub ich nach einem Nebenjob, weil ich für mich was machen wollte und endlich mein eigenes Geld verdienen möchte. Aber dann hat’s nicht so richtig geklappt.“ Sie probiert sich in der Gastro aus, aber die Arbeitszeiten sind oft spät und ihre Eltern möchten nicht, dass sie nachts allein mit der Bahn nach Hause fährt. Als nächstes versucht sie es in einer Eisdiele, aber auch das klappt leider nicht. Schließlich findet sie die Stelle in der Bäckerei, bei der sie seit einem Monat arbeitet. Ich frage sie, was sie mit dem Geld macht, das sie dort verdient. „Ich spare eigentlich. Weil ich dachte, nach dem Abi will ich vielleicht reisen, aber dann dacht ich jetzt so: ‚Nein, vielleicht doch erstmal ausziehen.‘ Deswegen spar ich einfach für mich und guck, was ich dann damit mache.“ Wo würde sie gerne hinreisen, wenn sie könnte? „Ich find Hawaii ganz interessant, ich würd‘s sehr gerne sehen. Und Amerika, weil da war ich noch nie.“ Ausziehen ist gerade jedoch wichtiger als Reisen, erklärt sie. Ich frage sie, ob sie schon ihr erstes Gehalt bekommen hat. „Ja, ich hatte im Juli den ganzen Monat gearbeitet, da hab ich wirklich viel verdient, was auch krass war, weil ich war dann auf meinem Konto und war dann so: ‚Oh! Schon viel Geld!‘ Aber war auch sehr anstrengend“, sie lacht. Ein bisschen was davon hat sie schon ausgegeben, für Bücher, sie war essen und in einer Ausstellung. „Und dann merkt man auch, wie schnell Geld weggeht“, sagt sie lachend. Taschengeld bekommt sie jetzt nicht mehr.

Das nächste Foto zeigt ein Café auf der Rü. „Da geh ich halt manchmal mit meinen Freundinnen hin, wenn wir Zeugnisse bekommen oder am letzten Schultag. Das ist wie so eine Tradition bei uns geworden, dass wir essen gehen.“



Das nächste Bild ist im Wald entstanden, als Narmin mit ihrer Freundin wandern war. „Ich mag die Natur sehr gerne. Ich find das ist so total befreiend. Wenn man in der Stadt wohnt, dann ist es stressig, aber sone Auszeit zu nehmen, im Wald spazieren zu gehen, ist wunderschön.“ Sie ist froh, direkt in der Nähe ihres Zuhauses den Schlosspark zu haben und nicht erst irgendwo hinfahren zu müssen, um spazieren zu gehen. „Da geh ich immer spazieren, eigentlich jeden Sonntag, außer ich muss lernen. Und ich hör dann Musik. Weil ich glaub, ohne Musik geht das nicht“, sagt sie lachend. „Und dann mach ich immer so einen Spaziergang, eigentlich immer den gleichen, und dann komm ich wieder zurück.“ Von dem Park macht sie einige Fotos; eins zeigt blühende, gelbe Blumen, auf denen eine Biene sitzt. Gelb ist ihre Lieblingsfarbe, deswegen sollten die Blumen nicht fehlen, erklärt sie.

Das nächste Bild ist vor der Wohnung entstanden, in der sie mit ihren Eltern lebt. „Das ist vor meiner Haustür. Und da find ich die Blumen schön. Mein Vater hat ein paar Blumen gepflanzt, da hab ich ihm auch geholfen.“ – „Hast du das so ein bisschen von deinen Eltern, den Bezug zur Natur?“, frage ich sie. „Schon. Also ich bin ja in Syrien geboren. Und meine Oma – also die meisten älteren Menschen haben eher so auf dem Land gewohnt. Ich bin so dran gewöhnt, ich bin auch son bisschen Dorfkind. Ich kenn das eigentlich nur so, dass man in der Natur ist und viel macht.“ Mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebte sie in der Stadt, aber in den Ferien waren sie immer bei der Familie auf dem Land zu Besuch. Das nächste Bild zeigt den Balkon der Wohnung; auch der ist voller Blumen, die ihr Vater gepflanzt hat. Ich frage Narmin, was ihre Eltern arbeiten. „Meine Mama arbeitet bei Kodi, früher war sie Lehrerin. Mein Papa war früher so eine Art Designer. Also diese Kinderkleidung – da gibt’s ja manchmal, dass da so Spongebob drauf ist oder Tom und Jerry – mein Vater hat die gezeichnet und die wurden dann abgedruckt. Aber dann, als wir nach Deutschland gezogen sind, konnte er das dann nicht mehr machen, weil er dann zu alt war für ne Ausbildung, und hier wird auch viel mit Maschinen gemacht und es dauert lange, bis man’s lernt. Jetzt arbeitet er – ich weiß nicht, wie das genau heißt, aber im Lager zählt er dann die Ware und dann wird das halt so weitergegeben und dann reisen die in so Städte und gucken dann, wie viel Ware in den Supermärkten ist.“


Die nächsten Fotos zeigen die Umgebung rund um ihre Wohnung: der Wasserturm, wo sie jeden Tag auf die Bahn wartet, eine Garagentür, die mit Figuren von „König der Löwen“ bemalt ist, Wohnhäuser mit bepflanzten Balkonen und Vorgärten. Mag sie es in Frintrop? „Ja, wirklich! Ich bin sehr zufrieden. Am Anfang dacht ich so: ‚Oh ne, ich muss lange fahren.‘, Aber jetzt bin ich total glücklich. Ich find, Umziehen macht was mit einem.“ – „Was hat sich denn verändert?“, frage ich nach. „Die Stimmung. Und ich bin – also keine Ahnung, ich glaub so Veränderung tut irgendwie gut. Weil hier war’s irgendwann langweilig. Es ist immer der gleiche Weg. Jetzt auch, aber dadurch, dass wir erst seit zwei Jahren umgezogen sind, ist es noch so neu.“ Ich frage sie, ob sie in Essen bleiben möchte zum Studieren? „Ich glaube nicht. Also wenn ich studiere, dann in einer anderen Stadt, und auch ausziehen, weil ich will ein bisschen weiter weggehen.“ – „Einfach ein bisschen weg von deinen Eltern?“ – „Hm, generell auch so. Neue Stimmung.“ Ich frage, wie das Verhältnis zu ihren Eltern ist. „Ganz okay. Also ich streit mich auch oft. Aber ich glaub, das ist normal. Weil ich hab meine Freundinnen auch gefragt und ich glaub, das ist so normal, dass man sich streitet.“ Die Themen, um die es geht, sind, wie lange sie draußen bleibt, oder dass sie sich mehr aufs Lernen konzentrieren sollte. „Ich glaub, das hat jeder“, sagt sie lachend.

Das nächste Foto zeigt einen Stapel Bücher. „Das sind Bücher, die ich gelesen hab. Ich wollte die auch irgendwie bestimmt anordnen. Und das wollte ich ganz vorne haben, weil das war das erste Buch, das ich mir selbst gekauft hab. Und damit hab ich so das Lesen angefangen, weil davor hab ich nicht so viel gelesen, außer Schulbücher.“ In einer Freistunde ist sie mit einer Freundin in die Innenstadt gefahren und geht in die Buchhandlung. Die Freundin empfiehlt ihr dieses Buch. „Ich hab’s angefangen und seitdem les ich so so gerne!“ Damals war sie fünfzehn, sechszehn. Jetzt hat sie auch einen Bibliotheksausweis. „Ich leih mir eigentlich die meisten Bücher entweder aus der Perle oder kauf mir sie.“

Ich lege das nächste Bild zwischen uns. Es zeigt Fenster über einer Sitzreihe. „Das war im Zug, weil ich hatte das Gefühl, in den Sommerferien bin ich sehr viel mit dem Zug gefahren, was gut ist. Ich find Zugfahren auch viel angenehmer als Autofahren, weil im Auto kann ich nicht lesen, da wird mir dann warm, schwindelig, aber im Zug ist zehn Mal angenehmer.“ In den Ferien verbringt sie mit ihrer Familie jeweils eine Woche in Dänemark und in Berlin. Ansonsten unternimmt sie mit ihren Freundinnen kleine Tagesausflüge nach Düsseldorf, Köln, Duisburg. Ich frage sie, ob sie außerhalb der Ferien auch manchmal andere Städte besucht. „Nur in den Ferien. Oder wenn, dann am Wochenende. Aber unter der Woche klappt das nicht wegen Schule. Was schade ist.“ Wir reden darüber, wie ihre Wochenenden in der Regel aussehen. „Ein Tag am Wochenende arbeite ich meistens, am Samstag. Und Sonntag geh ich entweder mit Freunden raus. Aber abends bin ich nicht so oft draußen, was ein bisschen schade ist, aber vielleicht kommt das noch“, sie lacht. Wie ist das bei ihren Freundinnen? „Ist ähnlich eigentlich. Also ich hab auch Freundinnen, die sehr oft spät draußen sind und die Nacht durchmachen. Aber ich hab auch Freundinnen, die nicht so oft rausgehen. Eigentlich beides.“
Die nächsten Bilder sind in Düsseldorf entstanden. Eines der Fotos zeigt eine Skulptur, die Narmin spannend findet. Auf dem anderen ist ein Restaurant zu sehen, in dem sie mit ihren Freundinnen essen war. „Düsseldorf ist auch so eine Stadt für sich. Ist auch so ne ganz andere Stimmung, find ich.“ Die Gruppe von Schulfreundinnen besteht in dieser Konstellation schon lange. „Ich hab auch ne beste Freundin, mit der mach ich eigentlich das meiste. Und wenn wir uns treffen, dann immer mit den gleichen eigentlich, aus der Schule. Wir verstehen uns eigentlich gut, aber ein paar verstehen sich dann irgendwie besser als andere, was immer vorkommt, aber Streit gibt’s eigentlich nicht. Seit der Achten nicht mehr“, sie lacht. „Das war da so, dass man sich viel gestritten hat. Jetzt nicht mehr so. Jeder ist beschäftigt mit Schule, es ist kein Platz für Streit da.“ Wir sprechen darüber, dass die Schule und das Lernen fürs Abitur immer mehr Raum einnehmen. „Ich merk auch so im Unterricht, dass wir ruhiger sind, weil früher war es auch viel lauter, man war irgendwie aufgedrehter. Und ich merk so, jeder ist irgendwie in sich, nen bisschen. Und man merkt so, okay, es geht aufs Abitur zu. Ich fühl mich schon manchmal gestresst, weil andere dann sehr viel lernen und ich vergleich mich dann so, aber ich hab mir das schlimmer vorgestellt.“
Als Leistungskurse hat sie Erdkunde und Englisch gewählt. Insbesondere Erdkunde interessiert sie sehr. „Das hat ja auch irgendwie schon was mit Reisen zu tun. Ich find das auch total spannend, neue Länder kennenzulernen, so wie Menschen in anderen Ländern leben, das ist ja ganz anders. Selbst in Berlin hatte ich das Gefühl, die Menschen leben anders. Deswegen find ich Erdkunde voll spannend.“ Wir reden über andere Länder und Orte und ich frage sie, ob sie gerne nochmal nach Syrien gehen würde. „Ja, aber ich könnt da nicht mehr leben, glaub ich. Selbst wenn da alles wieder gut wäre, könnte ich da nicht mehr leben. Weil ich einfach ne ganz andere Einstellung hab, glaub ich, als früher. Und ich war da noch Kind, ich hab nicht so viel verstanden als Kind, glaub ich. Aber jetzt hab ich ne ganz andere Einstellung und ne Perspektive, die dann nicht so dazu passt.“ – „Wie meinst du das?“, frage ich nach. „Keine Ahnung, ich find zwischen Deutschland und Syrien so – also das sind so verschiedene Welten, find ich. Und da sind auch ganz andere Ansichten als hier. Und früher – da war ich ja acht! Und da war nur Spielen, Fernsehen wichtig und so weiter. Und jetzt hab ich mich ja mehr mit meinem Leben beschäftigt und ich hab ja ganz andere Ansichten als da. Also im Bereich Bildung oder Beziehung oder Liebe. Also ich glaub, ich könnt da einfach nicht mehr leben, das könnt ich nicht so vertreten so.“ Ich frage Narmin, ob sie auch mit ihren Eltern darüber spricht. „Nicht so oft. Also wir haben lange nicht mehr darüber gesprochen. Irgendwie nicht. Schade. Ich weiß nicht, warum.“ – „Aber meinst du, die könnten das nachvollziehen?“, frage ich weiter. „Schon. Aber ich glaube, die würden sogar da noch leben wollen. Ich mein, dadurch, dass die da aufgewachsen sind und Jahre dort gelebt haben, wollen sie wahrscheinlich wieder zurück, aber – ich glaub, sie können es schon nachvollziehen, aber nicht ganz.“ Ich frage sie, ob sie weiß, wie es für ihre Eltern ist, jetzt hier in Deutschland zu leben. „Also ich weiß, dass es am Anfang ganz schwierig war, weil sie sich noch einleben mussten und Wohnung suchen mussten, arbeiten – das ist auch nicht das, was sie kannten, auch die Arbeit nicht und die Umgebung und generell das Land. Aber für mich war’s einfacher und für meinen Bruder auch, weil wir ja nur Kinder waren und dann mussten wir uns nicht so damit beschäftigen. Ich glaub, für die war das am Anfang schwierig, aber jetzt haben sie sich ja eingelebt.“ Haben ihre Eltern hier mittlerweile auch ein soziales Netzwerk? „Ja schon, auch auf Arbeit. Nicht so wie früher, also nicht so wie in Syrien, aber sie haben schon Freunde gefunden.“
Ich lege das nächste Bild zwischen uns. Es zeigt das Mietshaus, in dem die Familie wohnt. Eigentlich wollten ihre Eltern in einen kleinen Ort in die Nähe von Stuttgart ziehen, erzählt mir Narmin jetzt. Dort fanden sie aber keine Wohnung. „Und dann haben die diese Wohnung gefunden; fand ich natürlich viel besser, dass wir hierbleiben konnten.“ Ich frage, warum ihre Eltern dorthin ziehen wollten. „Ich glaub, weil sie einfach diese Ruhe wollten. Einfach so im Dorf leben. Können sie auch später machen, aber ich dacht mir so: ‚Jetzt geh ich noch zur Schule und jetzt müssen wir erstmal hierbleiben, bis das fertig ist.‘“ Ich frage Narmin, ob sie glaubt, dass ihre Eltern in Essen bleiben werden, wenn ihr Bruder und sie aus dem Haus sind. „Ich glaube nicht. Also ich glaube, meine Mama will echt so im Dorf leben, mein Vater auch. Weil die’s einfach angenehmer finden. Aber ich glaub, wegen uns sind die hier wahrscheinlich geblieben.“ Auch, wenn ihre Eltern wegziehen und auch Narmin in eine andere Stadt geht, wenn die Familie nicht mehr am gleichen Ort leben wird, ist sie sich sicher, dass sie immer wieder die Nähe zueinander suchen werden. „Ich will die auch besuchen und so weiter. Aber ich glaub, so Abstand tut auch gut, vor allem am Anfang so nach dem Abi, weil man muss auch schon so sein Leben leben und so sein Ding machen und sich selbstständig machen. Weil ich hab das Gefühl, ich bin sehr oft auf meine Eltern angewiesen und mach nicht so meine Sachen. Deswegen freu ich mich, wenn ich dann ausgezogen bin.“ – „Und woran merkst du diese Abhängigkeit?“, frage ich nach. „Keine Ahnung, so bei Briefen oder jetzt, wo ich arbeite, versteh ich manche Sachen nicht und mein Papa schon. Dann muss ich ihn immer fragen, ich muss das alles noch so lernen.“ Als Beispiel erzählt sie, dass sie nicht wusste, wie sie ihre Sozialversicherungsnummer herausfindet. „Aber jetzt weiß ich das, was gut ist. Sowas halt. Wird einem nicht in der Schule beigebracht.“ Natürlich hat sie auch Angst vor den nächsten Schritten. „Es ist dann ganz neu, du bist dann so auf dich gestellt, musst erstmal klarkommen, Wohnung finden. Es ist alles total schwierig. Macht mir ein bisschen Angst, aber ich glaub, das kriegt man hin. Ich mein, haben andere vor mir auch hinbekommen.“ Wir sprechen darüber, wie sie gerne wohnen möchte. „Am Anfang will ich glaub ich in ner WG wohnen, weil da brauch ich erstmal Menschen um mich herum, weil ich glaub, ganz alleine könnte ich das nicht. Aber irgendwann will ich glaub ich ne kleinere Wohnung haben mit so Deko-Sachen. Also ich mag unsere Wohnung, aber ich finde, meine Mama macht das so zu perfektionistisch. Es ist zu perfekt, ich hab Angst, Sachen kaputt zu machen. Das ist nicht so mein Stil. Ich glaub, ich will das eher so gemütlicher haben und so familiärer, ich kann’s nicht beschreiben. Aber eher so mit mehr Pflanzen gestaltet und mehr Farben.“
Ich komme darauf zurück, dass sie zuvor kurz das Thema Liebe angesprochen hat und frage sie, ob das bereits aktuell ist. Sie lacht und hält sich die Hand vors Gesicht. „Noch nicht. Aber schon. Also mehr als früher. Und man ist auch glaub ich offener jetzt in dem Alter und versucht auch mehr. Aber einen Freund hab ich noch nicht“, wieder lacht sie. „Aber ich glaub, das kommt noch. Ich glaub, ich bin in sonem Alter, wo man sowieso unsicher ist mit sich und seinem Leben – ich glaub man muss sich erstmal selbst finden und sich erst selbst irgendwie lieben, bevor man andere liebt. Aber ich glaub, das kommt noch.“ Wie ist das in ihrem Freundeskreis, frage ich. „Ja, schon ein paar. Und dann erzählen die auch immer, find ich ganz spannend“, wieder lacht sie. „Also ja, find ich irgendwie immer interessant. Und ich bin dann immer so: ‚Okay, wie werd ich sein? Wie wird das bei mir sein?‘ Aber das kommt ja noch alles.“

Mittlerweile liegen alle Fotos auf einem Stapel zwischen uns. Ich frage Narmin, ob sie sich in den Bildern wiedererkennt. Ja, schon, findet sie. „Das sind eigentlich wirklich Momente in meinem Leben, die immer wieder vorkommen, die mich auch am glücklichsten machen. Weil ich finde, so in meinem Alter ist es immer so, man will was Großes erreichen, mehr machen und mehr sehen und immer so ein perfektes Leben haben. Aber ich hab so das Gefühl, so kleinere Momente machen einen irgendwie am glücklichsten, und die vergisst man auch nicht. Deswegen dachte ich so, das passt irgendwie perfekt.“ Ich frage sie, wo sie diesen Drang nach Perfektionismus bemerkt. „In der Schule, keine Ahnung, wenn Leute irgendwie – also weiß nicht, an Klamotten oder an Verhalten von anderen. Dass man immer so versucht, perfekt zu sein und keine Fehler zu machen. Und immer so dieses Aufrecht-Stehen, immer das Richtige sagen, auch in der Schule. Und das stresst mich manchmal, weil ich merk das bei anderen, ich merk auch den Stress bei anderen, dass die immer so dieses Perfekte aufrechterhalten wollen. Aber dann bin ich immer so: ‚Also es ist doch egal!‘ Ich mag eher so dieses Natürliche, dieses Echte. Und ich mag dieses Anstrengende nicht. Ich kann’s nicht beschreiben, aber so vom Aussehen her oder von den Zielen her, dass man immer sagt: ‚Ich will das erreichen, ich will reich werden, ich will Geld haben‘, was auch immer. Aber das macht einen ja nicht glücklich. Also auch dieser Satz ‚Geld macht glücklich‘ – ich bin dagegen, ich find das nicht, weil ich find, Liebe und so kann man nicht kaufen. Momente kann man auch nicht kaufen. Deswegen mag ich eher so dieses Echte.“ – „Hast du denn so ein Umfeld, wo du das Gefühl hast, du kannst auch wirklich so sein, wie du bist?“, frage ich sie. „Unter Freunden. Also ich merk auch den Unterschied im Kurs – also in manchen Kursen bin ich auch total unsicher und das verunsichert mich, wie alle mich anschauen. Man vergleicht sich dann auch und auch mit dem Melden – wenn man sich nicht so oft meldet, aber andere melden sich total oft, dann ist so dieser Vergleichsinstinkt irgendwie da. Aber so unter Freunden fühl ich mich halt sicherer und ich bin dann auch ich und ich sag auch das, was ich denke. Im Unterricht hab ich das Gefühl, ich sag nicht oft, was ich denke. Was schade ist. Aber so unter Freunden fühl ich mich eigentlich am sichersten.“
Neben ihren Freundinnen aus der Schule hat sie auch noch einen Freundeskreis aus dem Mädchentreff Perle. „Und da ist auch eine ganz andere Stimmung. Ich find schön, wenn man so verschiedene Freundeskreise hat, weil dann hat man so ganz andere Stimmungen und ganz andere Leute. Und ich mein, mit denen bin ich dann vielleicht auch anders als mit Freunden aus der Schule oder zuhause – man ist ja überall irgendwie anders. Und das find ich so schön.“ Mit den Freundinnen aus der Grundschule hat sie bereits seit längerem den Kontakt verloren. Manchmal hat sie Sorge, dass auch der Kontakt zu ihren jetzigen Schulfreundinnen nach dem Abitur nicht halten wird. „Das ist ein bisschen, wie wenn man die Grundschule verlässt, dass jeder so seinen Weg geht. Und ich hab halt Angst, dass nach dem Abi alle so weggehen und man keinen Kontakt hat und Schreiben dann irgendwie nicht mehr so da ist. Aber ich glaub eher nicht, weil jetzt sind wir in dem Alter, wo wir eigentlich Kontakt halten können und uns immer besuchen können, wir sind ja alt genug. Und dann klappt das auch. Aber ich hab schon Angst.“ Wir reden über die Zeit nach dem Abi und ich frage sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt und was sie sich für sich wünscht. „Also was ich unbedingt haben will, ist ein Beruf, den ich gerne mache. Weil ich glaub, das macht man ja so dreißig Jahre oder so, und wenn ich dann so nen Beruf hab, der mich nicht glücklich macht, dann wär das total schade. Das ist so eins meiner Ziele. Dann auch so zufrieden leben. Also das klingt jetzt so abstrakt, aber ich will irgendwie glücklich leben, ich will auch zufrieden sein. Keine Ahnung, man hat ja nur ein Leben, man hat nur diese Jahre, und dann will ich die auch nutzen und nicht so traurig in der Wohnung sitzen. Das sind so meine Ziele. Ja und dann Freunde haben und Familie und alles, aber erstmal so Zufriedenheit, glaub ich.“
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