Ich lerne M an einem Donnerstagabend in einem Bürgerzentrum in der Stadt kennen. Donnerstags trifft man sich hier immer zum „Spielen & Sprechen“ – Menschen, deren Muttersprache Deutsch ist, genauso wie Menschen, die eine andere Muttersprache haben. Zu fünft sitzen wir an einem Tisch und spielen Memory. Ich erzähle von dem Projekt und M hat Lust mitzumachen.
Nachdem einige Wochen vergangen sind, sitzen wir nun draußen vor einer Kneipe, es ist immer noch warm, und während wir auf unsere Getränke warten, beginnen wir, uns zu unterhalten. Ich frage ihn, wie das Fotografieren für ihn war. Er erzählt mir, dass er sich zunächst nicht sicher war, was er fotografieren sollte, dann aber beginnt, seine Aktivitäten in den Bildern zu dokumentieren. „Manche Dinge macht man täglich, wie arbeiten oder ein Instrument spielen.“ Andere Dinge und Momente sind besonders, selten. Auch diese versucht er, festzuhalten.

Das erste Bild zeigt einen Schreibtisch mit Laptop, Tastatur und Bildschirm: seinen Arbeitsplatz zuhause. „Normalerweise bin ich im Homeoffice, nur ein oder zwei Tage in der Woche bin ich vor Ort, im Büro“. Er arbeitet bei einer Hochschule hier im Ruhrgebiet, ist System Engineer im Bereich Sicherung. Er erklärt mir, dass es zwar viele Jobs in der IT gibt, aber nicht so viele, die zu seinen Interessen und Fähigkeiten passen und bei denen gleichzeitig die Rahmenbedingungen für ihn stimmen. Während er mir mehr von seinem Fachgebiet erzählt, bekommen wir unsere Getränke; für ihn ein alkoholfreies Bier. Nachdem er einen großen Schluck nimmt, betrachtet er die Flasche. „Schmeckt’s?“, frage ich ihn. „Das erinnert mich an meine Kindheit, an das erste Mal, das ich im Iran ein Bier getrunken hab.“ Ich lache und frage: „Wie alt warst du?“ – „Ich weiß es nicht mehr, vielleicht zehn oder jünger.“ Er fährt fort: „Also im Iran sind Biere alkoholfrei. Wir waren unterwegs und es war ein Stopp auf dem Weg und wir hatten ein Sandwich gekauft, aber es gab keine Cola oder andere Getränke, nur Bier. Und ich wollte unbedingt was trinken. Mein Vater hat gesagt: ‚Das ist bitter‘. Aber ich hab gesagt: ‚Ich nehme das.‘ Aber das war echt bitter!“, wir lachen beide. „Ja, ich glaub, als Kind schmeckt das richtig eklig, oder?“, sage ich. „Ja“, antwortet er, „und es bleibt im Kopf hängen.“ 27 Jahre später sitzen wir jetzt zusammen und als er mir sagt, dass heute sein Geburtstag ist, stoßen wir an. Wir kommen zurück zur IT und er erzählt, dass ihn das Thema schon immer interessiert hat. Sein Abitur macht er in dem Bereich und studiert anschließend Computer Software. „Danach war ich mit verschiedenen Sachen beschäftigt. Weißt du, an der Universität lernt man mehr theoretisch als praktisch oder was man genau am Arbeitsplatz tun kann. Dann habe ich – ich denke ein paar Jahre – Sachen gemacht, aber nicht in IT, sondern andere Gebiet. Zum Beispiel Verkabelung, Netzwerk Infrastruktur…“ – „Aber immer im technischen Bereich dann auch?“ – „Ja.“
2019 zieht M dann nach Deutschland. „Wie kam das?“, frage ich ihn. Er überlegt. „Also… ja, die Lebenssituation im Iran ist seit den letzten Jahren allmählich schlechter geworden. Inflation und weniger Einkommen und immer alles wird teurer. Und deswegen bin ich vor etwa neun Jahren darauf gekommen, dass ich in ein anderes Land muss. Und ich denke vor ungefähr neun Jahren habe ich von der ‚Blauen Karte Deutschland‘ gehört. Und dann hab ich allmählich angefangen.“ – „Und das war dann aber auch einfach Zufall, dass das Deutschland war? Also weil du gedacht hast, da sind die Umstände ganz gut oder gab’s konkrete Gründe für dieses Land?“, frage ich. „Also erstmal waren die Bedingungen, die für diese Blaue Karte notwendig sind – also ich hatte ungefähr alles. Man muss ein Bachelor haben, man muss ein paar Jahre Erfahrungen haben und –“, er überlegt, aber die anderen Bedingungen fallen ihm nicht mehr ein. Seit er von dem Visumsprogramm gehört hat, hangelt er sich von Information zu Information, recherchiert: Wo kann man als Migrant:in gut leben? Ich frage ihn, ob es bei der Suche nach einem Land, in dem er leben möchte, primär darum ging, einen Ort zu finden, in dem er seinen Job machen und davon gut leben kann, und ob andere Aspekte hintenanstanden. „Der Job ist wichtig und man macht immer einen Vergleich, ja? Also zum Beispiel, dass ich heute 40 Stunden arbeite und am Ende kann ich im Iran noch nicht mal ein Haus mieten oder eine Wohnung mieten. Aber in anderen Ländern kann ich mit genau diesen Fähigkeiten ein einfaches Leben haben, kann ich eine Wohnung mieten, ein Auto kaufen, solche Sachen. Also was mich dazu gebracht hat war: Damals hab ich mein Gehalt von drei Monaten gespart und habe ein Handy gekauft und nach einem Monat wurde es geklaut. Und ich hatte nichts. Ich denke, alle denken so: Das ist nicht richtig. Wenn man so viel investiert und einfach jemandem das klaut, und dann bleibt für mich nichts – das ist nicht richtig.“ Ich stimme ihm zu und frage, ob es auch Zweifel gab; Dinge, die zurückzulassen, ihm schwerfiel. Oder war es eine einfache Entscheidung, zu gehen? „Meine Familie war nicht so – also für mich eine Angst oder etwas, das ich unbedingt äh… also es war nicht so, dass ich sage: ‚Okay, ich brauche keine Familie‘ oder so. Mein Vater hat mir schon vor ein paar Jahren gesagt: ‚Hier lohnt es sich nicht mehr zu wohnen und deswegen ist es gut, wenn du in ein anderes Land gehen kannst‘. Ich war auch in 2015 in Deutschland, ungefähr sechs Monate. Damals sind wir – also meine Schwester und ich – mit Studienvisum nach Deutschland geflogen und wir haben erst einen Deutschkurs gemacht und danach hat sie noch mit dem Studium angefangen und weitergemacht, aber ich habe herausgefunden, Studium ist nicht gut für mich, ich wollte damals arbeiten. Und als ich studieren wollte, musste ich Geld bezahlen und ja, das war viel Geld. Und ich durfte nur 20 Stunden in der Woche arbeiten. Und das war nicht sehr gut für mich. Deswegen bin ich nach sechs Monaten wieder zurück nach Iran geflogen und habe wieder versucht, Erfahrungen zu sammeln, Techniken lernen. Aber diese Erfahrung war sehr gut für mich, weil ich rausgefunden habe, was braucht man, wie ist das Land, wie die Leute hier wohnen. Ich habe einen ersten Eindruck.“ Und wie war dieser Eindruck? „Also Lebensbedingungen – das war alles gut. Also damals hatte ich andere Vorstellungen. Zum Beispiel bei uns im Iran sind Leute immer auch abends bis Mitternacht auf der Straße, die Läden sind auf, aber hier nach 20 Uhr ist alles zu, niemand auf der Straße.“ Er lacht. „Vielleicht mal ein Festival oder Silvester, ja? Aber sonst nicht. Damals hab ich das nicht gut gefunden. Aber jetzt kann ich das auch akzeptieren.“ Ich frage ihn, wie es hier generell für ihn ist, das Zusammenleben in Deutschland. Er antwortet, er empfinde die Menschen als „sehr nett, sympathisch und hilfsbereit“, nur einmal hat er eine schlechte Erfahrung gemacht. Konkret möchte er nicht darüber reden, sagt nur: „Das gefällt mir nicht. Wenn ich jemanden nicht kenne und etwas über oder zu ihm sage, das ist nicht sehr nett oder sehr gut, denk ich.“ Als er nicht weiter auf den Vorfall eingehen möchte, gehe ich zurück zu dem Foto von seinem Homeoffice-Platz, das immer noch zwischen uns liegt. Ms jetzige Stelle hat er im April 2021 angetreten – mitten in der Pandemie. Am Anfang ist es schwierig, weil er seine Kolleg:innen kaum sieht, nicht wirklich kennt. „Das war ganz anders als bei meiner ersten Stelle. Bei meiner ersten Stelle war ich vor Ort, alle waren da auf der Etage. Mein Leiter hat mich vorgestellt, ich habe mit allen die Hände geschüttelt. Aber dieses Mal war ich nur alleine mit meinem Leiter in einem Büro, ich habe meinen Laptop bekommen und danach war ich immer zuhause mit VPN.“ Ich frage ihn, ob er mittlerweile alle Kolleg:innen kennt. Er überlegt kurz. „Alle…? Ungefähr – ja.“ Wenn er im Büro ist, unterhält er sich mit seinen Kolleg:innen, geht mit ihnen zusammen Mittag essen. Es sind jedoch kaum mehr als zehn Leute auf einmal da. Und was gefällt ihm besser, frage ich M: zuhause oder im Büro arbeiten? „Ich weiß nicht, an manchen Tagen möchte ich nicht arbeiten“, wir lachen beide laut. „Das kenne ich“, entgegne ich. Generell ist er jedoch froh darüber, ins Büro fahren zu können.

Das nächste Bild, das ich zwischen uns lege, zeigt sein Abendessen in seiner Küche. Es ist ein persisches Gericht – Makkaroni Tahdig – und er erklärt mir, wie man es kocht. An diesem Platz auf dem Foto isst er oft. „Während ich esse, höre ich Radio an. Und immer WDR 5. Um 12 Uhr gibt es eine Diskussion über tägliche Themen, jedes Mal ist es anders. Zum Beispiel: 9-Euro-Ticket oder Impfstoffe oder solche Sache. Und das ist interessant, dass Leute anrufen und ihre Meinung sagen. Und es gibt einen Spezialist.“ Ich frage, ob es okay für ihn ist, allein zu essen. „Mh, wenn ich alleine bin, muss ich alleine essen“, er lacht. „Aber hilft das dann, das Radio anzuhaben?“, frage ich. „Radio benutz ich immer, weil es hilft, meine Sprache zu verbessern. Und ich lerne vielleicht neue Wörter. Und ich bleibe ein bisschen aktuell“, er lacht. Er erzählt mir, was wann auf welchem Sender kommt. Am Wochenende gibt es samstags zwei Stunden Jazz und sonntags klassische Musik, das gefällt ihm.

Das nächste Bild zeigt sein Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch liegen ein paar Bücher; nur eins ist auf Persisch, alle anderen auf Deutsch. Viele der Bücher beschäftigen sich mit Psychologie, Philosophie. Es fällt ihm zunehmend schwer, Zeit fürs Lesen aufzuwenden, erzählt er mir. „Warum ist das so?“, frage ich. „Vielleicht weil ich alles alleine erledigen muss: Arbeiten, Haushalt und solche Sachen. Früher hab ich im Iran bei meinen Eltern gewohnt. Meine Mutter war mit dem Haushalt beschäftigt“, er lacht leicht beschämt, „deswegen brauchte ich nichts zuhause erledigen, nur vielleicht einkaufen und solche Sachen. Ich habe damals angefangen mit Büchern. Ich denke, was mir sehr geholfen hat, sind Bücher, ja. Weil ich gelernt habe, vielleicht ein bisschen richtig oder besser zu lernen und denken.“ Er erzählt mir von einem Psychologen, der über Erfolg und das Erfolgreich-Sein schreibt, dessen Bücher er in der Zeit gelesen hat, nachdem er nach seinem ersten Deutschlandaufenthalt 2015 zurück in den Iran gegangen ist. „Ich habe sehr viele Bücher gelesen.“ – „Aber jetzt hier in Deutschland, wo du weniger Zeit hast, liest du nicht mehr so viel jetzt?“ – „Ich habe nicht weniger Zeit, aber ich…“, er lacht. „Vielleicht sind andere Sachen jetzt einfacher als Bücher lesen.“
Er erzählt mir von einem Buch, das auch auf dem Couchtisch auf dem Foto zu sehen ist: ‘Finding meaning in the second half of life‘. Das Buch ist sehr komplex, „vielleicht kann ich deswegen nicht ganz einfach damit weitermachen.“ Angelehnt an den Buchtitel frage ich ihn, ob er weiß, was für ihn Bedeutung im Leben ist. Er überlegt. „Ich denke immer daran.“ Er erzählt mir von einem Konzept, von dem er gehört hat. In vier Bereichen beantwortet man Fragen: Womit man sein Geld verdient, was man eigentlich machen wollte, worin man gut ist und was anderen hilft. Die Antworten auf diese Fragen zusammengenommen sagen einem, was man im Leben am meisten möchte oder machen sollte, um besser und in Ruhe leben zu können, so erklärt er es mir. Ich frage ihn, ob dieses Konzept auch für ihn funktioniert, ob es ihm hilft, über sein Leben nachzudenken. „Also ich konnte nicht damit eine Antwort finden. Weißt du, früher dachte ich, warum können so viele Leute erfolgreich sein, aber ich kann nicht oder ich weiß den Weg nicht und deswegen habe ich mit Lesen angefangen. Zum Beispiel als erstes habe ich ‚Compound Effect‘ von Darren Hardy gelesen, das Buch ist sehr gut, ich kann das auch empfehlen. Ich habe erste Mal das Buch gelesen, habe nichts verstanden. Aber auf den ersten Seiten sind Belobungen, dass viele berühmte Personen über dieses Buch gesagt haben, dass es empfehlenswert ist, es lohnt sich und man muss unbedingt das lesen. Weißt du, wenn mehr als 30, 50 Leute – berühmte Leute – sagen: ‚Okay, das Buch hat etwas‘ und du das nicht verstehst, dann bist du das Problem. Dann habe ich zwei Mal oder drei Mal das Buch gelesen, ich habe Seminare dazu gesehen, ich habe viele Hörbücher und solche Sachen darüber gehört. Und ja, konnte einfach ein bisschen weiterkommen.“ Er sagt, das Buch habe ihm gezeigt, wie man sich fokussieren kann, dass man im Leben ein Ziel vor Augen hat. „Aber ich denke, heutzutage mach ich das weniger.“
Auf die vier Fragen, von denen er mir erzählt hat, konnte M zwar einzelne Antworten finden, aber was sie gemeinsam haben und wie er sie zusammenführen kann, das weiß er nicht. „Oder ich habe einfach falsche Antworten.“ – „Also weißt du nicht so genau, was dir wichtig ist im Leben oder wohin dein Leben gehen soll?“, frage ich. Er überlegt. „Niemand weiß das. Man stellt sich was vor. Also wenn ich jetzt denke: ‚In drei Jahren bin ich in Deutschland, und das schaffe ich‘ – das ist meine Vorstellung. Wenn ich mir andere Sachen vorstelle, dann bekomme ich das. Deswegen denke ich, niemand weiß das. Aber ich versuche immer, etwas als Ziel zu haben und gezielt zu arbeiten oder zu leben oder Zeit zu investieren.“ – „Und deine Ziele verändern sich dabei?“, frage ich nach. Wieder überlegt er einen Moment. „Ich kann sagen nein. Aber die werden immer genauer.“ – „Also gibt es nicht das eine große Ziel, auf das du hinarbeitest?“ – „Doch!“ – „Ja?“ – „Ja.“ – „Was ist das?“ – „Ich möchte eine Wohnung kaufen oder ein Eigentum haben.“ – „Okay, das ist dein Ziel?“ – „Ja. Das ist EINES der Ziele.“ – „Und das möchtest du hier in Deutschland?“ – „Ja.“ – „Und warum?“ – „Weil ich hasse, Miete zu bezahlen.“ Wir lachen. „Okay. Was hast du noch für Ziele?“ – „Zum Beispiel ein Auto – ein besseres Auto – kaufen, was mir besser gefällt. Ein SUV vielleicht. Nicht vielleicht, ich weiß es: ein Jaguar F Pace.“ Zuhause hat er ein Heft, in das er alle seine Wünsche und Ziele aufschreibt. Manchmal beschreibt er darin auch genau, wie das Haus aussehen soll, das er sich wünscht. Wo genau in Deutschland es sein soll, weiß er noch nicht, aber gerne würde er mehr in der Natur sein. Ich frage ihn, ob in diesen Vorstellungen von seinem Haus auch vorkommt, wie oder mit wem er dort lebt. „Ja, ich möchte auch meiner Familie näher sein als zum Beispiel ich hier und sie im Iran. Also je näher, desto besser. Und vielleicht …“, er überlegt lange. „Ich weiß es nicht.“ Wieder pausiert er. „Aber nicht allein! Ich weiß, dass allein geht nicht sehr gut.“ Ich frage ihn, ob er mit Familie seine Eltern meint, oder ob er auch über eine eigene Familie spricht. „Beides!“
Ich lege das nächste Bild zwischen uns: Die Teeküche bei ihm auf der Arbeit. Dort auch zu sehen sind Süßigkeiten, die M aus dem Iran für seine Kolleg:innen mitgebracht hat. Drei Wochen war er dort, zum Neujahrsfest im März. „Viele Leute waren auf der Straße, die Atmosphäre war sehr gut, für mich ist es wie alte Zeit.“ Auch seine Schwester war mit zu Besuch. Gemeinsam haben sie viele Bekannte und Familie besucht, schauen sich verschiedene Sehenswürdigkeit an, fahren raus in die Natur.
Geboren ist M in Arak, einer Stadt mit über einer halben Millionen Einwohnern, knapp fünf Stunden entfernt von Teheran. Als er neun ist, zieht die Familie aufgrund der Arbeit des Vaters in die Hauptstadt. Seine Mutter ist Hausfrau, der Vater ist selbstständig, produziert Koffer und Rucksäcke, hat zehn, fünfzehn Mitarbeitende. Eigentlich steht er mittlerweile kurz vor der Rente; aufgrund der wirtschaftlichen Situation im Land müssen viele Menschen jedoch auch nach dem Renteneintritt weiterarbeiten, so auch der Vater. Aktuell reicht es für seine Eltern, aber in der Vergangenheit musste er sie bereits einmal finanziell unterstützen, als sein Vater Hilfe brauchte, um einen Kredit für die Arbeit zurückzuzahlen. Ich frage ihn, ob das okay für ihn ist oder ob es sich komisch angefühlt hat. „Ne, das ist voll in Ordnung für mich. Aber ich möchte auch mein Geld zurückbekommen“, sagt er lachend. „Und glaubst du, für ihn war das schwer, dich zu fragen?“ – „Natürlich, ja, weil es ist traditionell bei uns so, dass Väter ihre Kinder unterstützen müssen und nicht umgekehrt.“

Das nächste Bild zeigt seine Einkäufe im Einkaufswagen vor ihm. „Ich weiß, dass diese Sachen – also Alltag oder Haushalt – gehören zu unserem Leben. Wir wiederholen immer Dinge. Eigentlich sind in einem Tag nur ein paar Sachen, die neu sind. Ansonsten sind alles alte Sachen, die wir wiederholen.“ Ich frage ihn, wie er darüber denkt; ob er sich wünschen würde, dass es anders ist. Er überlegt. „Es ist eigentlich okay, aber ja, ich wünsche mir manchmal neue Sachen. Aber manchmal, wenn etwas Neues passiert oder ich etwas Neues tun muss, denke ich: ‚Okay, warum ist das so? Ich habe keinen Bock darauf‘“, er lacht. „Ich mache vielleicht alles schlimmer für mich, ich akzeptiere nicht einfach: ‚Okay, das ist so, man muss das machen‘ oder ‚Du hast dir das selbst gewünscht. Du musst das machen.‘“ Manchmal fällt es ihm schwer, diese Umstellungen zu akzeptieren. Er lacht und sagt: „Ich denke, ich bin ein bisschen faul“. Meistens überwindet er sich doch, weil er weiß, „danach habe ich ein besseres Gefühl“.

Er unterbricht kurz, zieht sein Handy aus der Tasche und geht ran. Kurz unterhält er sich auf Persisch, lacht viel und legt wieder auf. „Sorry, das war meine Schwester“, erklärt er. „Hat sie dir zum Geburtstag gratuliert?“ – „Ja, wieder, sie hat schon einmal am Morgen gratuliert, jetzt wieder.“ Weil heute sein Geburtstag ist, hat er einen Geburtstagskuchen mit zur Arbeit gebracht, erzählt er mir jetzt. Er backt gerne – „Wenn man alleine ist, muss man das“, fügt er hinzu. Ich frage ihn, ob er eher iranische oder deutsche Gerichte kocht. „Es ist eine Mischung. Ich versuche, alles zu verbinden.“ Gibt es Dinge, die er hier in Deutschland beim Kochen vermisst? „Manche Sachen bringe ich immer mit, wenn ich im Iran bin, aber zum Beispiel hier“, er deutet auf den kleinen iranischen Laden schräg gegenüber, von wo wir sitzen, „Es gibt immer iranische Supermärkte.“ – „Und was bringst du mit?“ – „Zum Beispiel Kräuter. Manchmal benutzen wir manche Kräuter, die es hier nicht gibt.“ – „Und gibt’s eine Sache, die es nicht in Deutschland gibt, die du vermisst zu essen?“ – „Ja. Ich weiß nicht, ob ich’s richtig sage, aber es gibt eine Art von Maulbeere, die sind sehr groß, dunkelschwarz und lecker, die sind besonders im Iran. Aber ich habe im Internet gesehen, dass man die Pflanze kaufen kann. Aber man braucht ein Stück Grund. Damals, als ich Kind war, hatte mein Großvater – also die wohnten im Dorf. Und um sein Haus herum waren ganz viele Bäume und da hatte er auch zwei von diesen Maulbeeren, die waren sehr lecker.“ Der Großvater ist mittlerweile tot.

Das nächste Bild liegt zwischen uns und zeigt ein Stimmgerät, das er auseinandergebaut hat, um es zu reparieren. Er spielt seit zehn Jahren klassische Gitarre. Ich frage, ob er vorher bereits andere Instrumente gespielt hat. In der Grundschule lernt er Santur, ein persisches Saiteninstrument, bei dem die Saiten angeschlagen werden. Er zeigt mir auf seinem Handy ein Youtube-Video. Ein paar Jahre lang spielt er, aber dann möchte er etwas anderes machen. „Als ich jünger war und nicht arbeitete, fragte ich immer meinen Vater: ‚Kannst du zum Beispiel das für mich kaufen?‘ und er sagte immer nein.“ – „Warum?“ – „Er war der Meinung, wenn du etwas lernen möchtest, kannst du mit Santur weitermachen.“ – „Weil du damit angefangen hast und er gesagt hat, du sollst das fertig machen, oder warum?“, frage ich nach. „Also Santur hat er selbst gemocht. Santur gefällt meinem Vater. Und er hat mir gesagt: ‚Wenn du zum Beispiel gute Noten bekommst, kaufe ich für dich eine Santur.‘ Ich habe das gemacht, ja. Wenn man Kind oder jünger ist, macht man das einfach. Und er hat auch mit mir angefangen Santur zu lernen. Aber als ein Erwachsener hat er schnell aufgegeben. Und ich habe einfach ein bisschen mehr gelernt, aber danach wollte ich nicht mehr.“ – „Und dann hast du dir einfach selbst irgendwann ne Gitarre gekauft, als du älter warst?“, frage ich. Der Weg zur Gitarre war nicht so direkt. Vorher schaut er sich andere Instrumente an: Geige, E-Gitarre. Als er vor elf Jahren in einem Konzertsaal als Lichttechniker arbeitet, hört er viele verschiedene Instrumente und entschließt sich schlussendlich für die Gitarre. Eigentlich wollte er Flamenco-Gitarre lernen, aber seine Schwester rät ihm, erst mit klassischer Gitarre anzufangen und dann später zu wechseln. Mittlerweile weiß er, die Unterschiede zwischen den beiden Musikrichtungen sind im Spielen sehr groß. „Vielleicht sollte ich damit anfangen“ – „Ja, vielleicht als nächstes Projekt“, entgegne ich. „Ne, sollte damals, meine ich.“ – „Achso, damals! Aber du kannst ja immer noch damit anfangen, nochmal wechseln.“ – „Ja, aber ich denke immer, nach zehn Jahren Zeit für das Instrument mitbringen, lohnt es sich nicht einfach, es zu lassen.“ Ich frage ihn, ob er nur allein spielt oder auch mit anderen Leuten oder bei Auftritten. „Ne, ich spiel allein immer, zuhause.“ – „Und übst du oft?“ – „Ich versuche täglich zu üben. Aber ich mache nur eine Stunde. Es ist nicht schlecht, aber nicht gut, wenn man richtige und tolle Stücke lernen möchte.“

Das nächste Bild ist bei dem donnerstäglichen Treffen zum Spielen & Sprechen entstanden. Seit 2020 geht er dorthin; Ms damaliger Vorgesetzter hatte im Internet davon gelesen und es ihm als Tipp geschickt. „Man kann einfach sprechen, weißt du?“ Ich frage ihn, ob es ihm in dem Kontext leichter fällt, zu sprechen. „Eine Fremdsprache ist immer schwer zu sprechen, aber wenn man über alltägliche Sachen spricht, dann kann man einfacher und mit mehr Gefühl und vielleicht mehr Aufmerksamkeit sprechen. Aber das ist teilweise gut und teilweise schlecht. Bei der Arbeit ist anders, man muss immer in neuen Situationen sprechen oder vielleicht etwas fragen, weißt du, es ist nicht immer gleich. Beide haben Vorteile und Nachteile.“ Auch außerhalb des wöchentlichen Spielens unternimmt die Gruppe manchmal was zusammen, macht Ausflüge.

Ich frage ihn, welche Menschen es sonst in seinem Leben gibt, mit denen er sich trifft oder austauscht. Wer sind die Personen, mit denen er redet, wenn ihn etwas beschäftigt. M überlegt. „Im Alltag?“ Ich nicke. „Meine Eltern, meine Schwester, manchmal Freunde. Oder Mitarbeiter.“ Ich frage ihn, ob er jemand ist, der mit anderen Menschen über Dinge spricht oder sie lieber mit sich selbst ausmacht: Gedanken, Probleme, Sorgen, aber auch positive Sachen. Wieder überlegt er. „Ich denke, ich regle alles allein. Ich spreche nicht über meine Sachen oder Probleme mit anderen.“ – „War das immer schon so?“ Einen Moment ist er still. „Ich weiß es nicht, aber seit ich mich erinnern kann, ja.“ Ich frage, ob seine Eltern ähnlich in ihrer Kommunikation sind, viel mit sich selbst ausmachen oder eher Dinge teilen. „Ich denke, in meiner Familie haben wir vielleicht nicht so viel geredet, weißt du? Und…“, er überlegt, „Treffpunkt war für uns vielleicht mehr Fernseher. Wir haben uns nicht miteinander unterhalten.“ – „Und ist das in Ordnung oder wünscht du dir manchmal, dass du mehr mit Leuten reden würdest oder reden könntest?“, frage ich, „Oder ist das einfach so, wie es ist?“ Wieder hält er einen Moment inne. „Es ist so und so. Ja, weißt du, manchmal möchte ich mehr zum Beispiel mit anderen sprechen über – ich weiß nicht, verschiedene Sachen. Aber manchmal vielleicht nicht. Wenn ich allein bin, ist es für mich vielleicht einfacher.“ M erzählt mir von einem Artikel, den er gestern gelesen hat. Darin ging es unter anderem darum, dass man ab dem 30. Lebensjahr immer mehr Zeit mit sich selbst, allein, verbringt. „Deswegen muss man lernen sich zu lieben und viel Zeit mit sich selbst verbringen. Deswegen ist allein zu sein ja vielleicht nicht schlecht.“
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