Ich bin in Altenessen und sitze in dem hellen Ladenlokal des Projekts MifriN. An den Wänden hängen Fotos und Plakate von Aktionen und Angeboten: Spieletonne, Schulmittler:innen, Beratung. MifriN steht für Migrantinnen und Migranten in friedlicher Nachbarschaft. Ramadan, einer der Mitarbeitenden, bietet mir etwas zu trinken an. Vor mir auf dem Tisch stehen Wasser und eine Flasche Cockta, ein Getränk, das ich von meiner letzten Balkanreise kenne. Ramadan schüttet mir ein und ich danke ihm dafür, dass er heute für mich übersetzen wird. Kurze Zeit später betritt Isabela das Ladenlokal, gemeinsam mit ihrer Mutter und einem Kinderwagen. Isabela und ich haben uns bisher nur einmal kurz gesehen, als ich die Kamera abgeholt habe, uns aber noch nicht unterhalten. Jetzt setzt sie sich zwischen Ramadan und mich, während ihre Mutter das Baby aus dem Kinderwagen hebt und auf dem Arm durch den Raum trägt.

Bevor ich die Bilder raushole, frage ich, wie das Fotografieren für sie war. „Es hat ihr sehr gefallen. Sie hat sich ganz wohl dabei gefühlt, als sie es gemacht hat“, übersetzt Ramadan. Ich zeige Isabela das erste Foto: Es ist ein Bild von ihr, hier in den Räumlichkeiten. Sie lacht und schlägt sich die Hand vors Gesicht. Ich frage sie, wer das Bild gemacht hat. Sie zeigt auf ihre Mutter und hält ihr das Foto hin. Diese schaut es sich an und lächelt. Ich frage, ob Mutter und Tochter zusammenwohnen. Nein, erklärt Isabela, sie wohnen nicht in der gleichen Wohnung, aber in derselben Straße. Isabela wohnt allein mit ihrer Tochter. Ich frage sie nach dem Baby. Es ist ihr erstes Kind und gerade sieben Monate alt. Wie ist es für sie, Mutter zu sein? „Es ist ein sehr schönes Erlebnis für sie“, übersetzt Ramadan, bevor er sie direkt zitiert: „Selbst wenn sie weint, ich kümmere mich gerne um sie. Ich gebe ihr die ganze Zeit Essen und so.“ Ich frage sie, ob ihre Mutter ihr viel mit dem Kind hilft. „Wenn Hilfe nötig ist, dann macht sie’s“, übersetzt Ramadan. Ich frage nach dem Vater des Kindes. „Er kümmert sich nicht um das Kind. Er hat es gesehen, aber er möchte keinen Kontakt zu dem Kind.“ – „Schade“, sage ich. Isabela zuckt mit den Schultern und macht eine Handbewegung. „Gut alleine“, sagt sie und lächelt sanft.

Ich zeige ihr das nächste Bild. „Das ist mein Mutter“, sagt sie. Auch dieses Foto ist hier entstanden. Die Frau daneben ist die Schwester der Mutter, erklärt Isabela. Ich frage sie, ob sie oft hierhinkommen. „Ja.“ Woher kennt sie den Ort, frage ich. Sie kennen das Projekt durch andere Menschen aus ihrem Umfeld. „Sie kommen hierher, um Sachen zu erledigen. Papiere und so“, übersetzt Ramadan.
Ich schaue Isabela an und frage sie: „Du verstehst ja auch Deutsch, ne?“ – „Ja“, sie nickt. Ich frage sie, ob sie einen Deutschkurs gemacht hat. Wieder bejaht sie. Seit wann lebt sie in Deutschland? Sie schaut zu ihrer Mutter herüber und fragt sie. „Juli 2016“, übersetzt Ramadan. Damals war sie 14 Jahre alt. Ich frage, wo sie vorher gelebt hat. Die Familie kam von Rumänien nach Deutschland, hat vorher jedoch in Italien gelebt. Warum sind sie nach Deutschland gekommen, frage ich jetzt. „In Rumänien, aufgrund dass sie Roma sind, wurde sie immer gehindert in ihrem Leben. Sie durfte nie die Schule in Rumänien besuchen, sie durfte nicht arbeiten, falls ja, dann arbeiten unter dem Mindestlohn. Die ganze Zeit ausgenutzt. Und in Deutschland fühlt sie sich wohler.“ Ich frage Isabela, ob sie hier in Deutschland zur Schule gegangen ist. „Ja“, antwortet sie. „Wie war das für dich?“, frage ich nach. „Am Anfang war es schwierig, weil sie niemanden hatte, keine Freunde“, übersetzt Ramadan ihre Antwort. „Aber nach ein paar Wochen, als sie sich einen Freundeskreis aufgebaut hatte, war es in Ordnung.“ Ich frage, ob sie immer noch mit ihren ehemaligen Mitschüler:innen befreundet ist. „Mit diversen. Nicht mit allen, aber ein paar. Zwei, drei, vier.“ Welche Sprache sprechen sie untereinander? „Der eine spricht nur Deutsch und die anderen sind Rumänen.“ Mit dem deutschen Freund spricht sie Deutsch, erzählt sie.
Als ich Isabela frage, wie lange sie zur Schule gegangen ist, blickt sie wieder zu ihrer Mutter hinüber, die das Baby leicht auf und ab wippt. Die beiden Frauen überlegen zusammen. Drei, vier Jahre, sagt sie jetzt. Wir sprechen darüber, was sie gerne beruflich machen würde. „Sie wäre gerne Haarstylistin, das macht ihr Spaß. Aber sie ist sich noch nicht sicher, ihre Meinung könnte sie ja noch ändern.“

Ich zeige ihr das nächste Bild und frage, wer die Menschen auf dem Foto sind. Zu sehen ist sie mit der Tochter ihrer Schwester und einer Freundin der Mutter, erklärt Isabela. Das Bild zeigt die drei in der Innendstadt. Ist sie oft dort, frage ich. „Ja, spazieren. Von Essen Hauptbahnhof“, sagt sie. Ich frage, was sie sonst gerne in ihrer Freizeit macht. „Wenn sie nicht gerade in der Innenstadt spazieren ist, kümmert sie sich um ihr Baby oder kocht zuhause oder kauft ein“, sagt Ramadan. „Putzen“, ergänzt Isabela. Wir sprechen darüber, was sie gerne macht, was ihr Spaß macht. „Früher hat sie sehr gerne Fußball gespielt, jetzt kann sie nicht mehr.“ Hat sie in einer Mannschaft gespielt? „Hat sie nicht geschafft, leider. Sie wollte schon immer, aber hat sie nicht geschafft.“ – „Und jetzt wegen dem Kind nicht mehr?“, frage ich nach. „Sie fühlt das nicht mehr. Jetzt kümmere ich mich lieber um mein Kind“, übersetzt Ramadan. „Hat sie das Gefühl, dass sich ihr Leben sehr stark verändert hat, seit dem Kind?“, frage ich jetzt. „Ja, sehr! Aber im Positiven“, sagt er. „Gut, gut!“, fügt Isabela hinzu und strahlt. Ich frage, wie ihr Kind heißt. „Erika, ist deutscher Name“, sagt sie lächelnd. Wie kam sie auf den Namen? Sie antwortet Ramadan, schaut anschließend mich an, hält ihr Handy hoch und sagt: „Google“. Zwei Wochen vor der Geburt findet sie den Namen im Internet. „Und wer ist Eva?“, frage ich und zeige auf das Tattoo auf ihrem Unterarm – der Name eingerahmt von zwei Sternen – das mir bereits zuvor aufgefallen ist. Sie holt eins der Fotos, die wir bereits angeschaut haben, aus dem Stapel und hält es mir hin: „Eva!“ Es ist die Tochter ihrer Schwester. Auch auf dem nächsten Bild, das ich vor sie lege, ist ihre Nichte zu sehen. „Eva, spielen.“ Eva ist sechs und geht seit Kurzem in die Schule.


Ich zeige Isabela das nächste Foto. Sie lacht. Wer ist das, frage ich. „Das ist mein Papa, mein Mutter und Freundin von mein Mutter.“ Ich blättere weiter: ein Foto von ihrer ältesten Schwester in ihrer Wohnung. Verbringen sie viel Zeit zusammen? „Alle zwei, drei Tage sind sie zusammen.“ Sie hat drei Geschwister, fährt Isabela fort. Die zwei jüngeren Geschwister leben noch bei den Eltern; Isabela und ihre ältere Schwester leben allein.


Wieder ein Bild von Eva, gefolgt von einem Foto, das Evas kleinen Bruder zeigt. „Nikki“, erklärt Isabela.

Als ich das nächste Bild vor sie lege, strahlt sie wieder breit. Es zeigt Erikas Kinderbett. Ich frage sie, ob sie noch mehr Kinder möchte. „Nein“, antwortet sie bestimmt. „Eine ist gut.“
Auf dem nächsten Foto sind eine Matratze und eine Decke zu sehen. Isabela nimmt das Bild in die Hand und schaut stutzig. Sie zeigt es der Mutter und lacht. „Das war Nikki.“ Sechs Mal hintereinander fotografiert er dasselbe Motiv: die Matratze. Wir lachen laut und Isabela schüttelt den Kopf: „Kinder… Entschuldigung!“

Das nächste Foto zeigt sie wieder in den Räumen von MifriN. „Kindergeld, Familienkasse“, sagt sie. Ramadan ergänzt, dass ihr hier gerade mit Unterlagen für Erikas Kindergeld geholfen wurde. Das klappt alles, alles gut, alles in Ordnung, sagt sie. Ich frage, ob sie schon weiß, wann sie wieder arbeiten oder zur Schule gehen möchte, oder ob sie zunächst auf unbestimmte Zeit zuhause bleibt. „Nein, ich brauche Schule! Weil ich nicht verstehe so gut Deutsch.“ – „Wenn Erika etwas älter ist, will sie wieder anfangen“, übersetzt Ramadan weiter.
Wir reden darüber, wie es ihr generell in Essen geht. Fühlt sie sich wohl? „Es gefällt ihr sehr hier, sie hat sich hier schon eingewöhnt.“ Und was wünscht sie sich für ihre Zukunft? Wie stellt sie sich ihr Leben in zehn, fünfzehn Jahren vor? „Sie sieht sich weiterhin in Deutschland, dass sie auf jeden Fall hierbleibt. Mehr weiß sie aber noch nicht. Aber ganz bestimmt geh ich nicht mehr nach Rumänien zurück.“ Sie schaut mich nachdrücklich an, während Ramadan übersetzt. Wir reden über die Zeit, bevor sie nach Deutschland gekommen ist. „Sie ist in Rumänien geboren, hat dort bis zu ihrem achten Lebensjahr gelebt. Aber dann wurde sie immer wieder von ihren Eltern nach Italien geholt.“ Bis sie zwölf ist. Dann kehrt sie mit der Familie zurück nach Rumänien, um die Ausreise nach Deutschland vorzubereiten: Papiere, Ausweisdokumente besorgen. „Warum Italien?“, frage ich. Isabelas Mutter erklärt Ramadan, dass die Eltern in Italien gearbeitet haben. Eigentlich sollte die Arbeit nur befristet sein und die Kinder deshalb in Rumänien bleiben. Als es dann doch zu langfristiger Arbeit kommt, holen sie die Kinder nach. „Und wie war es in Italien?“, frage ich Isabela und ihre Mutter. „Es war sehr schön“, übersetzt Ramadan, was Isabela sagt. „Es war nah am Meer, die Sommer waren sehr schön. Es hat ihr sehr gefallen.“ – „Mare“, sagt die Mutter und lächelt.
Haben die Eltern immer in Rumänien gewohnt, bevor sie nach Italien gingen? „Nur in Rumänien“, übersetzt Ramadan die Mutter. Ich frage, ob es für die Eltern damals auch schon so schlimm war, ob auch ihnen der Zugang zu Bildung und Arbeit verwehrt wurde. Während ihre Mutter antwortet, nimmt Isabela Erika in ihre Arme. Sie drückt das lachende Baby an ihr Gesicht, küsst und schaukelt es. Die Mutter, die nun die Hände frei hat, gestikuliert viel beim Reden. Ab und zu blickt sie mich dabei mit ihrem wachen Blick an und ich habe das Gefühle, etwas zu verstehen. Ramadan beginnt, wieder zu übersetzen. „Etwas schlimm war es schon, aber früher war es nicht so stark, wie heute. Heute kann man dort nicht leben als Roma, weil man sofort rassistisch angegriffen wird. Deshalb sind wir auch als Familie dann komplett weg.“ – „Und was würde sie sagen, wodurch wurde es schlimmer?“, frage ich nach. „Durch die Politik. Die Diskriminierung.“ – „Vermisst sie manchmal Rumänien? Oder überwiegen die negativen Erfahrungen?“ Als sie antwortet, presst sie die Hand an ihre Brust. „Sie, ja. Etwas Nostalgie ist da. Aber aufgrund der Kinder, die nicht mehr dorthin zurückwollen, bleibt sie hier. Ich kann nichts machen, ich bin zwar dort aufgewachsen und geboren. Aber es hängt nicht nur an mir.“ Sie schaut mich an, zeigt auf ihre Tochter, die ihr Enkelkind in den Armen hält und sagt auf Deutsch: „Kinder, Schule, alles!“ Sie zuckt mit den Schultern und sieht dabei müde aus. Fühlt sie sich in Deutschland wohl? „Ihr gefällt Deutschland auch sehr gut. Ich muss mir keine Gedanken um nichts machen, hier wird mir bei allem geholfen. Ich werde hier nicht im Stich gelassen. Von daher ist alles gut.“ Während Ramadan übersetzt, nimmt Isabelas Mutter wieder das Baby und trägt es wippend durch den Raum. Es strahlt zu mir rüber und wir schauen uns an. Isabela sagt etwas zu Ramadan und schaut mich erwartungsvoll an, während er übersetzt: „Sie sagt, Erika lächelt nicht oft fremde Menschen an.“ Ich freue mich aufrichtig und lächle Isabela und ihrer Tochter zu.

Als wir zum Abschluss des Interviews kommen, fragt Isabela, ob ich alle Bilder wieder mitnehme. Ich erkläre, dass ich die Bilder für das Projekt benötige und frage sie, ob ich ihr Abzüge machen soll. Sie nimmt den Stapel, sucht Bilder raus und legt sie mir hin: ein Foto von Erika, eins von ihrer Mutter und Eva; Isabela mit Erika auf dem Arm bei MifriN. Wir füllen das Datenschutzformular zusammen aus und ich erkläre nochmal, wie es weitergeht mit dem Projekt. Nachdem Ramadan alles übersetzt hat, frage ich, ob Isabela noch Fragen dazu hat. Sie nickt und antwortet ihm. „Wann kriegt sie die Kopien von den Bildern, die sie ausgesucht hat? Sie möchte sie gerne für ihr Zuhause haben.“
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