
Florian und ich kennen uns schon seit einigen Jahren. Wir lernten uns auf einem Platz in Essen kennen. Da, wo ich ihn immer treffe, da, wo er immer ist. Als ich ihm von dem Projekt erzähle und frage, ob er mitmachen möchte, ist er begeistert. Ein paar Wochen später treffen wir uns wieder dort. Er – wie immer ein Bier in der Hand, ich – hole mir auch eins und setze mich zu ihm. Er erzählt, dass er die Kamera immer dabeihat und alle Menschen fotografiert, die er hier auf dem Platz trifft. „Das ist die Gang, die Mafia der Liebe!“ Ein Buch möchte er gerne schreiben, über die Gang und ihre Abenteuer. Wie immer sprudelt er vor Ideen und Kreativität.

Nun treffen wir uns also wieder, um uns gemeinsam die entwickelten Fotos anzuschauen, die ich dabeihabe. Dieses Mal jedoch nicht auf dem Platz, es ist noch zu früh am Tag und er schlägt einen anderen Ort vor. Es ist Frühling und warm, er liegt mit geschlossenen Augen auf einer der Bänke in der Sonne, neben ihm ein Bier, vor ihm auf einem Holztisch zwei ausgerissene Seiten einer Landkarte, zusammengefaltet.
Ich setze mich auf die Bank ihm gegenüber, er öffnet die Augen und setzt sich auf, ich nehme die Karte und falte sie auseinander. Die Seiten zeigen Mittelitalien. „Wer aus deiner Familie kommt eigentlich aus Italien?“, frage ich. Er beginnt zu erzählen: „Ich würde Monte Leone mit Nachnamen heißen tatsächlich. Mein Papa ist 1943 geboren und der heißt Alessandro PETER –“, er lacht, „den zweiten Namen durfte die Essener Mama aussuchen. Weil mein Opa, also der Vater meines Vaters, hatte in den Kriegswirren – dat war nen intellektueller antifaschistischer Architekt aus Palermo auf Sizilien. Und der hat die hübscheste Lady in Essen kennengelernt – meine Oma.“ Persönlich getroffen hat er seinen Großvater nie. „Mein Vater hat ihn auch nicht kennengelernt, der hat seinen eigenen Vater nicht kennengelernt. Einmal ganz kurz.“ Die Wirren des Krieges, der Großvater geht zurück nach Italien. „Der musste einfach, es ging nicht anders. Weißt du, der hatte sein Baby – also mein Papa – den er wirklich – total süß, der hat noch so Postkarten aus Italien geschrieben, mit so nem holprigen Deutsch: ‚Ich vermiss meinen Sohn, wie geht’s dem? Wo bist du? Wo seid ihr?‘ Dann hatte mein Vater aber das Pech, dass seine Mutter – die hab ich kennengelernt, also meine Oma – die war ein unglaubliches Mistviech, so ne Bürste. Und noch schlimmer war die Oma. Der ist also bei seiner Mutter und seiner Oma groß geworden, ohne Papa, und Einzelkind. Und das führte zu nichts anderem als zu so ner Verlorenheit, weißte? In der Herkunft.“ Florians Bezug zu Italien ist ebenso stark wie gegenwärtig. Nicht nur in seiner eigenen Herkunft fühlt er sich mit dem Land verbunden. „Ich hab ja drei Kinder mit ner Italienerin. Ich hab das natürlich nicht jetzt im Internet eingegeben: ‚Möchte drei Kinder mit ner Italienerin haben‘.“ Er lacht. „Das hat sich tatsächlich einfach aus Liebe ergeben.“ Auf der Karte zwischen uns zeigt er mir, wo sie herkommt, die Mutter seiner drei Kinder, und seine Exfrau. „Das musst du dir mal vorstellen, ich hab hier Auftritte gespielt, wir haben Figurentheater gemacht, Kunstprojekte, der Friedensmarsch von Assisi – da!“, energisch pocht er auf die Karte. „Das ist eine Kulturlandschaft, unglaublich! Und ganz nebenbei, die sind so herzlich die Menschen! Und das Essen! Und der Wein! Ne?“ Seine Sehnsucht nach Italien kenne ich bereits; schon öfters haben wir darüber gesprochen, über dieses dringende Gefühl, dorthin zu gehen, dorthin gehen zu müssen. „Mein Opa ist aus Palermo! Piaggo Gino Monte Leone. Das ist Sizilien, die Hauptstadt von Sizilien. Weißt du, wie oft ich auf Sizilien war? Kein einziges Mal. Unglaublich. Ich hab da direkte Blutsverwandte, die mich natürlich nicht kennen. Der wird das auch nicht erzählt haben.“ Er erzählt mir davon, wie es – zu Beginn des Internets – eine Zeit gab, in der immer wieder das Telefonbuch von Palermo googlet und sucht: Monte Leone, den Nachnamen seines Großvaters. 70 Menschen findet er mit diesem Namen. „Wat is dat denn? Die sind ja alle mit mir verwandt! Müssen die sein! Geht ja gar nicht anders.“ Ein Vorname fällt ihm auf, derselbe Name, den eine seiner Töchter trägt. „Und dann hab ich wirklich mit dem Festnetz um ungefähr 22:00 Uhr – da hab ich gedacht, jetzt ruf ich die an, einfach so! Und da konnt ich noch nicht so richtig gut Italienisch sprechen. Hab die angerufen in Palermo. Und da ging son Ömmaken ran. Das ist total verrück: die epigenetische – also die Abbildung von Sprache in einem Selbst. Ich hab meinen Opa ja nicht kennengelernt und mein Vater spricht sowat von viel schlechter Italienisch als ich und der ist auch als Typ – der ist son deutscher Realschullehrer, pensioniert, halb professioneller Musiker und ist auch nen Töften, aber das hat so eine Generation übersprungen und ich schwör, dat ich genauso bin wie mein Opa, den ich aber nie kennengelernt hab. Da gibt’s son paar Fotos, die ich so gesehen hab und so dachte: ‚Das bin doch ich!‘ Der war hundertprozentig genauso wie ich. Ich dachte schon als Kind – da hatte ich überhaupt null Ahnung von der Sprache und von der Kultur. Und ich hab immer alles verstanden, aber sofort. Ich bin in Essen Werden groß geworden und da liefen so zwei italienische Tänzerinnen an mir vorbei und die quasselten so und ich hab irgendwie alles verstanden, intuitiv, weißt du? Und dann ruf ich da in Sizilien an und konnte die Sprache noch gar nicht, hab einfach gesagt: ‚So!‘ Und dann hab ich die Geschichte meiner Vergangenheit erzählt. Und dann sagte die im breitesten sizilianischen Dialekt – das ist noch ne ganz andere Sprache, also das ist gar kein Italienisch, das ist Sizilianisch. Da hat die gesagt: ‚Das tut mir total leid. Das ist total schön, dass du anrufst. Ach, du hast ein Baby? Eine kleine Tochter, die heißt genauso wie ich? Und dein Opa – aber ich kannte den auf jeden Fall nicht.‘ Und da hat die mit mir so Sizilianisch gesprochen, aber ich hab alles verstanden.“
Wir reden darüber, wie Dinge weitergegeben werden, manchmal über Generation und manchmal auch unterbewusst: Sprache, Erfahrungen, Gefühle, Traumata. „Der Mensch als Überlebenstierchen merkt das Akute gar nicht“, sagt Florian. „Wenn ich dir jetzt die Pulle Bier übern Schädel ziehe, dann denkst du so: ‚Wat war dat denn für ne Scheiße?!‘ Und dann verdrängst du den Schmerz, um einfach zu überleben. Aber übermorgen denkst du so: ‚Boah! Wat is dat denn gewesen?‘ Das heißt, das Posttraumatische, das kommt alles später.“ Seine Großeltern und Eltern, die geprägt wurden vom Krieg, Menschen, die aktuell fliehen aus der Ukraine oder vor einem der vielen anderen Konflikte und Kriege, die gerade in der Welt herrschen – in alldem sieht er Parallelen: Schrecken, die tief in uns drinstecken, uns manchmal erst viel später wiederbegegnen und die oftmals weitergegeben und somit auch zum Schrecken Anderer werden. Doch Florian ist sich sicher, dass – egal, was uns aus anderen Generationen mitgegeben wurde – wir für unser eigenes Handeln verantwortlich sind. „Mein Vater der Pannemann hat immer gesagt – was ich überhaupt noch nie verstanden hab, das widerspricht jeder Grundlage meines philosophischen Zusammenhaltes. Der hat mich irgendwann mal zu nem Gespräch gebeten und gesagt: ‚Guck mal, wenn ich Dinge falsch gemacht haben sollte dir gegenüber, das musst du doch verstehen, ich hatte ja selbst keinen Vater!‘ Der hatte natürlich nen Vater, sonst würds den nicht geben, aber der hat den nicht kennengelernt, also nicht bewusst. Und da musste ich drüber nachdenken. Die Erklärung für Faschismus und für Putin und was auch immer ist nicht, dass die Mama von dem irgendwie doof war, weißte? Also es ist weder ne Erklärung für das Schlechte noch für das Gute, oder?“ – „Ja“, stimme ich ihm zu, „ich find, man nimmt sich ein bisschen aus der Verantwortung.“ – „Das ist das! Genau das!“
Er selbst hat noch zwei Geschwister. Beide haben den Kontakt zu den Eltern abgebrochen. „Die hatten beide sowat Traumatisches, was dann natürlich durch solche – heutzutage, weißte? Haben so Therapien gemacht, glaub ich, beide. Weiß ich aber nicht genau. ‚Ich glaub, ich bin so unglücklich in meinem Leben, wegen meiner Kindheit‘ – ganz klischeehaft gesprochen. Und ich so, joa, weiß ich jetzt auch nicht. Ich hatte wahrscheinlich immer mehr Resilienz, oder wie die Kackscheiße heißt. Ich hab immer sofort gedacht: ‚Ja, dat sind halt meine Eltern, da kannst jetzt auch nichts für. Aber das ist trotzdem dein eigenes Leben. Und jetzt machste das Beste draus.‘ Die sind beide kinderlos, verrückterweise. Also ich bin der Einzige, der meinen Eltern Enkel geschenkt hat.“ Das „geschenkt“ zieht er lang, lacht und nimmt einen Schluck Bier.
Immer wieder findet er sich zwischen seinen Eltern und seinen Geschwistern, soll Antworten geben, die er selbst nicht kennt. „Meiner Mutter zerbricht das Herz. ‚Was hab ich denn falsch gemacht?!‘ Die schreibt immer so Briefe, also richtig viele. Und dann landen die so in Düsseldorf in sonem Briefkasten bei meiner Schwester. Ich weiß noch nicht mal, ob die die liest. Und dann versuch ich auf die einzuwirken, weißte eigentlich so Ukraine gegen Russland. Wie heißt das so – Vermittler! Aber wie soll dat denn gehen? Dat geht ja gar nicht. Und ich sag zu meiner Schwester so: ‚Pass auf, spring über deinen Schatten, das sind jetzt zehn‘ – ey fünfzehn Jahre haben die sich nicht gesehen! Musst du dir mal vorstellen, in dem Alter. Und meine Eltern sind ‘43 und ‘45 geboren. Mein Vater hat so Bauspeicheldrüsenkrebs. Da weiß kein Mensch, wie lange der noch atmet.“ Aber seine Schwester – genau wie der Bruder – ist sich in ihrer Entscheidung sicher, weicht nicht davon ab.
„Aber ich versteh diese Verzweiflung meiner Mama, weißte? Meine Mama ist so ne Milde. Die ist selbst das jüngste Kind von sechs, sieben Kindern. Vatter war son RWE-Hohes-Tier, Nazi auch. Son Drangsalierender. Der hatte so zig Affären, der hat gesoffen. Aber meine Mama hat sowas Mildes. Die ist auch Künstlerin, weißte? Und die verzweifelt so – und dann fragt die immer mich! Und ich so: ‚Mama, woher soll ich dat denn wissen?‘ – ‚Flori, wieso? Der Urso, ich hab doch gehört, der hat sich den Arm gebrochen. Wieso geht der denn gar nicht ans Telefon?‘ Und ich so: ‚Mama, weiß ich doch nicht. Vielleicht ist der Akku leer‘“ Er lacht. „Und dann stehste da, weißt? Dann versuchste das so einigermaßen – ich versuch immer beide Seiten zu vermitteln. Das geht überhaupt nicht.“ Ich nicke: „Ja, das ist auch nicht deine Aufgabe. Das kannste auch gar nicht.“ – „Doch, man kann dat schon. Ich mein, da muss jetzt auch jemand – uns fehlen mittlerweile die Figuren. Ich denk immer öfter an den Papst. Ich bin nicht getauft, ich bin konfessionslos groß geworden, bin Laizist, hab aber natürlich ne tiefe spirituelle Ader. Und ich glaube, der Einzige, der im Moment vermitteln könnte, wäre der Papst, ohne Scheiß!“ Ich lache, murmle „Ich weiß ja nicht“ vor mich hin.
Und wenn die Aufgabe des Vermittelns zu groß für ihn ist, versucht er, einfach da zu sein für seine Mutter. „Und ich so zu meiner Mutter: ‚Mama ey, wenn du drei Kinder hast, ist die Wahrscheinlichkeit – je mehr Kinder du hast, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eins panne ist, oder zwei sogar. Aber ich halt zu dir! Los! Und ich pfleg dich auch und alles mach ich, natürlich! Aber zerbrich dir jetzt nicht den Kopp. Und dat Herz vor allem nicht.“
Florian liebt seine Geschwister, bewundert seine Schwester für ihre Stärke und Konsequenz. Er selbst jedoch könnte so eine Entscheidung für sich nicht treffen. „Ich kann sowas nicht, ich brech nicht mit Leuten! Weißte? Du bist auch meine Freundin, jetzt schon für immer. Was müsste denn passieren, dass ich so denke: ‚Boa ist die doof!‘“ – „Wenn ich dir nicht guttun würde“, antworte ich direkt. „Selbst dann! Das ist aber genau der Unterschied vielleicht.“ Der Unterschied – zwischen Florian und seinen Geschwistern, aber wahrscheinlich auch zwischen ihm und vielen anderen Menschen – ist vielleicht, dass er über vieles hinwegsieht, solange Menschen lieben. „Kannst ja auch deinen dauer-saufenden Vater lieben, wenn der nen großes Herz hat und dich liebt, oder nicht? Der kann doch machen, was er will, oder?“, fragt er, mehr rhetorisch als nicht.
Von seinen Eltern, seinen Geschwistern und den Beziehungen zueinander kommen wir zu seinen eigenen Kindern. „Weißt du, wie oft ich meinen Kindern sage, dass ich die liebe? Sobald ich die sehe.“ Die Liebe zu seinen Kindern hört man in allem, was er über sie erzählt.

Ich frage ihn, seit wann er von der Mutter seiner Kinder getrennt ist. „Ich empfinde das ja gar nicht als – doch, natürlich! Das ist ja ne faktische – das ist seit 2017 glaub ich. Ist aber egal, das sind meine drei Kinder.“ – „Warum habt ihr euch denn getrennt?“, frage ich weiter. Er lacht. „Keine Ahnung. Ne, doch! Ich hab ne Ahnung. Die wollte sich emanzipieren vom Patriarchat ihrer Herkunft und ihres Vaters.“ Was genau er damit meint, erklärt er mir ausführlich; erzählt von ihrer Familie, ihrem Vater, davon, wie ihre Beziehung aussah. Je mehr er erklärt, desto mehr habe ich das Gefühl, er erkläre sich selbst etwas, was er nicht versteht. „Die hatte diese Übersprungsidee: ‚Wenn ich mich doch jetzt gender-emanzipieren muss, möchte, muss ich auch zum Beispiel mal einfach so den eigentlich heißgeliebten Vater meiner drei Kinder – der muss dann auch vielleicht mal gehen.‘ Und ich lass mir sowas nicht erzählen, weißte?“
„Ist das denn so unschön geworden?“, frage ich. – „Es war die Hölle. Ich bin von der Polizei abgeholt worden. Aus dem Haus mit meinen drei Kindern. Das eine schöner als das andere. Ich bin von der Polizei abgeholt worden, wegen nichts!“ – „Habt ihr euch denn viel gestritten in der Zeit?“ – „Das war noch nicht mal Streit. Ich mein, das war turbulent. Wir haben alles zusammen gemacht. Wir haben die Kunstprojekte zusammen gemacht, wir haben die Auftritte zusammen gemacht. Ich hab für sie das Ganze – ihre Berufstätigkeit als Tanzlehrerin – alles! Wir waren ständig unterwegs, wir waren ständig auf der Bühne zusammen, immer die Kinder dabei, schwub, da kam ein Kind nach dem anderen. Die Zwillinge – schwub. Und ich so: ‚Dat schaffen wa locker! Ist überhaupt kein Problem‘ Wir gelten heute noch so im Viertel – da gibt’s ganz viele Eltern, die danach Kinder bekommen haben: ‚Wir haben die Kinder wegen euch‘. Ich so: ‚Bist du panne? War ich jetzt dabei oder was?‘ – ‚Nein, wir haben so gedacht, ich glaub, das funktioniert. Man kann die Kunst mit dem Leben vereinbaren. Man kann Kinder haben und trotzdem weiter lieben und leben.‘ Das kann man wirklich, das geht. Das ist natürlich nen bisschen anstrengend, ist ja klar, aber das geht! Volle Kanne geht das! Ja. Genau das haben wir gemacht. Und lange, richtig lange. Fast 20 Jahre. So war dat. Also wirklich so ein symbiotisches Zusammenleben, also alles! Arbeit, Alltag, Blagen, Familie, Kunst. Volles Brett! Aber immer so aufm Sprung – was ich ja liebe! Italienisch, weißte?“ Er erzählt in einem Tempo, durcheinander, vor und zurück, dass ich das Gefühl bekomme, ich spüre beinahe die Intensität der Beziehung, das Viele, das Schnelle. „Das war vielleicht auch ein bisschen zu viel und wir haben das irgendwie nicht gemerkt. Das ist noch gar nicht aufgearbeitet, also nicht im traumatischen Sinne, aber wir haben einfach richtig viel gemacht, richtig viel. Ich merk dat erst jetzt, wie viel wir gemacht haben, richtig krass. Wir haben die ganze Stadt irgendwie so – also halb Europa haben wir platt gewalzt mit Liebe und Kindern.“ Die Kinder waren immer dabei, bei allen Auftritten, auf allen Bühnen. „Mich hat nie ein Kind irgendwie angestrengt. Aber gar nicht. Und ich hab auch nie gedacht: ‚Wie krieg ich die ernährt?‘ oder irgendwie sowas. Das geht von selbst! Und wenn die geliebt werden, weißte? Und wenn die sich wohlfühlen, das ist unglaublich. Das ist erledigt das Thema, ich habs geschafft. Deswegen mach ich mir auch keine Sorgen. Ich bin jetzt nicht der verlassene Vater. Sondern erstens lass ich die gewähren, zweitens vertrau ich der Mama, drittens … haben die ne richtige Scheißphase. Die haben zwei Jahre geklaut gekriegt von dieser Corona-Grütze. Was kommt danach zur Belohnung? Putin. Die sind aber sowas von stabil, weißte? Der größte Schutzschild auf dieser Welt ist Liebe. Wenn du als Kind geliebt worden bist, das verlässt dich nie mehr. Da kann dir passieren was will. Krebsdiagnose oder Vergewaltigung, oder irgendwie sowat, so ne Scheiße. Das perlt an dir ab, wenn du weißt, wer du bist, wenn du weißt, wo du hingehörst. Nämlich in die Welt der Liebenden.“ Voller stolz erzählt er von seinen Kindern, wie talentiert sie sind, wie empathisch und voller Liebe. Dass die Lehrerin sagt, sie habe noch nie jemanden gehört, die so gut singen könne, wie seine Töchter. Dass sie so gut tanzen können, dass sie Weltstars werden könnten. „Also, der Job ist erledigt, wir können einfach nur noch saufen.“ Er lacht und prostet mir zu.
Ich frage ihn, wie sich die Trennung auf die gemeinsame Kunst ausgewirkt hat. Vereinzelt gab es noch gemeinsame Projekte. „Das hat ja natürlich so Ausläufer. Das war natürlich auch n bisschen schmerzhaft für mich.“ Schmerz, Unverständnis, Enttäuschung – Gefühle, die ich immer wieder glaube, durchschimmern zu sehen. „Scheiße, ich hab das nicht als Trennung empfunden. Das Mädchen soll doch denken, sie wär jetzt ganz alleine und selbstständig. Richtig gut. Sie braucht mich ja gar nicht. Ja, ist gut. Das ist doch Liebe, oder nicht? Wenn man so sagt: ‚Ja, ist doch kein Problem.‘“ Er lacht.
Wie schon vorhin, als wir über den Unterschied sprechen, zwischen ihm und den Geschwistern, die den Kontakt zu den Eltern abgebrochen haben, bekomme ich wieder das Gefühl, dass es Florian vor allem um Liebe geht, und alles andere in den Hintergrund rückt. „Wenn man sich verliebt und zusammen ist, dann macht man das doch mit allem, was dazu gehört, normalerweise, oder? Aber der Subtext ist ja immer, dass Beziehungen son opportunistischen Geschmack haben. ‚Ich will jetzt aber mal das irgendwie.‘ Und das ist glaub ich der Tod von jeder Liebe. Liebe ist nämlich voll bekloppte Kackscheiße. Dat macht man oder eben nicht. Das hat überhaupt keinen Zweck, null!“
Die Sonne ist mittlerweile weitergezogen und wir sitzen im Schatten. Wir suchen uns eine andere Bank und ich sehe bei dem Blick auf die Uhr, dass wir schon seit zwei Stunden hier sind, ohne über die Fotos gesprochen oder uns sie angeschaut zu haben. Ich hole die Bilder aus meinem Rucksack und frage Florian: „Bist du aufgeregt?“ Er lacht, „Ja!“


Wir gehen durch die Bilder. Auf jedem Foto: Menschen. Florian lacht viel beim Durchschauen, ist begeistert. „Wer ist das?“, frage ich bei fast jedem Bild. „Holger, ein großartiger Musiker, Cellist, Bassspieler, Lehrer, super Typ.“ Das nächste Foto: ein Freund von ihm und dessen Kinder. Und wer ist das? „Onkel Pommi, der Taxifahrer, die Legende. Der hat ein riesen Herz, der ist total lieb.“

Das nächste Bild ist ein Foto von „Thommy der Tomate“, Hausmeister an einer Essener Schule, an seinem Arbeitsplatz. „Warum hast du den da besucht?“ – „Weil ich den öfter da immer besuche, einfach so. Und weil der dat richtig gut macht und der wird geliebt von allen. Und dann sitzt der da. Sitzt da einfach.“ Weiter geht es – „Zufallsbekanntschaften“. Immer wieder auch Bilder von seinem Sohn, der mit dabei ist, wenn Florian sich mit Freund:innen trifft. Ein Bekannter, das Foto entstand bei ihm zuhause.

Eine professionelle Flötistin. Das nächste Foto: ein alter Freund von ihm. „Wir haben ne ganze Menge zusammen erlebt, da warst du noch son Pupi-Kacka-Girl im Kindergarten, da haben wir schon der Stadt den Arsch aufgerissen. Das war immer der Dreaming-man. Wir haben richtig viele Käsebrote verkauft auf so Abbruch-Haus-Technopartys. Wir waren so entertainende Käsebrotverkäufer. Wir hatten dann immer so Klimpergeld, die Einnahmen waren vernachlässigenswert. Dann sind wir immer mit so nem Koffer mit unseren Käsebrotverkaufseinnahmen in die nächstbeste Kaschemme gegangen und haben einfach getanzt und den ganzen Koffer ausgegeben. Sehr schöne Zeit war das. Wir haben in Krankenhäusern gesungen, seinerzeit, wir beide.“ Das nächste Bild entstand vor der Bude. Dann: ein bekannter Sänger und seine Freundin. Fremde Leute, die er vor der Kneipe trifft, mit denen er philosophiert. „Ah, Skaterboy, son Hipster ausm Südviertel, astreiner Typ, super nett.“ Wieder sein Sohn, ein Foto von den beiden zusammen. „Mein Sohn muss immer so Gesten machen.“ Ein Kleinkind, das an seiner Gitarre zieht.

Alle Fotos zeigen Florian unter Menschen, ganz unterschiedlichen Menschen, genauso wie immer. Was bedeutet ihm der Platz, auf dem er sich immer aufhält und die Menschen, die er fotografiert hat? „Joa, das ist schon der schönste Platz der Stadt, meines Erachtens. Das ist der einzige Raum, wo sich Menschen begegnen, jedweder Couleur. Ja und da passiert halt immer was anderes. Und man trifft sich, oder auch nicht. Läuft sich über den Weg, oder auch nicht. Kinder und ältere Anwohner und Familien und so Möchtegernkünstler und wat alles – die sind alle da.“ Ich frage ihn, ob er mir noch ein bisschen erzählen möchte, zu seiner Gang, die er fotografiert hat, und über die er ein Buch schreiben möchte. „Ja, die Gang, das ist die Mafia der Liebe, da geht’s schlicht und einfach darum, die Welt zu retten. Und wenn nicht, dann halt nicht. Und die schließen sich zusammen, und das sind Kinder, das sind Erwachsene – Erwachsene, was ist das für ein scheiß Wort? Das sind kleine und große Kinder, alte Kinder und junge Kinder. Und im Grunde im Sinne von ‚Der Konferenz der Tiere‘ von Erich Kästner geht es darum, dat sich endlich mal jemand aufschwingen sollte, die Welt komplett schöner zu machen, liebevoller, konkreter, stärker und sonniger. Das schaffen wir, also wirklich, das ist überhaupt kein Problem. Da müssen sich nur die Richtigen treffen im Leben, und der Rest geht von selbst.“
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